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Lage der Landwirte im Kreis Esslingen: Multitasking auf dem Bauernhof

Beim Zukunftstalk der Nürtinger Volkshochschule (VHS) im Gok’schen Keller dreht sich alles um die Frage: Was ist uns die Landwirtschaft wert?

Diskutierten im Nürtinger Gok’schen Keller über die Lage der Landwirtschaft (von links): Landwirt Martin Schnerring, Petra Rauch (Leiterin des Landwirtschaftsamts Esslingen), Verena Schiltenwolf vom Landesnaturschutzverband und Moderator Rainer Nübel. Foto: Nicole Mohn

NÜRTINGEN. Sie ist für uns Menschen von fundamentaler Bedeutung: Die Landwirtschaft sichert die Versorgung mit Lebensmitteln, pflegt die Landschaft und hat erheblichen Einfluss auf Böden, Gewässer, Luft und die biologische Vielfalt. Die Herausforderungen sind nicht minder groß: Die Höfe kämpfen mit den Folgen der Klimaveränderungen, steigenden Auflagen und sinkenden Erzeugerpreisen, Flächenverluste und überbordender Bürokratie. Beim Zukunftstalk im Gok’schen Keller stellte Moderator Rainer Nübel am Mittwochabend deshalb die zentrale Frage: „Was ist uns die Landwirtschaft eigentlich wert?“

Der Beziehung zwischen Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucher widmet die Volkshochschule Nürtingen in diesem Jahr einen Semesterschwerpunkt, sagt Petra Garski-Hoffmann, Fachbereichsleiterin Gesellschaft und Leben. Den Anstoß dazu habe die Diskussion beim „Sag mal, hör mal“, der Gesprächsreihe von VHS und der Nürtinger Zeitung, zum Thema Landwirtschaft im vergangenen Herbst (wir berichteten) gegeben. Zum Auftakt ins Semester lauten die zentralen Fragen: Wie kann man Landwirtschaft sichtbarer machen und wie kann eine Unterstützung für die Bauern aussehen?

Wieso Landwirtschaft erklärungsbedürftig ist

Aus ihrem Arbeitsalltag weiß Petra Rauch, Leiterin des Landwirtschaftsamts Esslingen, nur zu gut: Landwirte haben bei der Bevölkerung nicht nur Freunde. Regelmäßig liefen bei ihrer Behörde Beschwerden über Landwirte auf. Besonders beim Traktoren-Verkehr erhitzten sich bisweilen die Gemüter. „Viel Unverständnis“ gebe es da noch bei den Menschen, so Rauch. Die Amtsleiterin wünscht sich da etwas mehr Miteinander und eine bessere Kommunikation: „In Spontan-Gesprächen lässt sich vieles erklären.“

Das ist etwas, was Martin Schnerring regelmäßig tut. Auf dem Haldenhof, den die Familie in Beuren betreibt, dürfen sich zum Beispiel Besucher die Kälber anschauen. Belehrend versucht er in den Gesprächen nie zu sein, viel weiter komme man mit Humor und Beispielen aus dem jeweiligen Umfeld, so seine Erfahrung.

Aufklärungsarbeit leistet das Team vom Haldenhof regelmäßig. Seinen Möglichkeiten sieht der Landwirt aber auch Grenzen gesetzt: Denn die Aufgaben und Auflagen sind in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. „Was sollen wir noch alles machen?“, fragt er in die Runde.

Gehört Landwirtschaft und Ernährung in den Bildungsplan?

Aufklärungsarbeit ist wichtig, so sehen es auch die Teilnehmer aus dem Plenum. Wie viel Arbeit steckt denn beispielsweise in einem Ei, wie und wo werden unsere Lebensmittel produziert? Ansetzen sollte man dabei schon bei den Kindern. Ein Vorschlag: Schon in der Grundschule soll mit den Kindern ein Nutzgarten angelegt und mit der Ernte gekocht werden. Einig ist sich die Runde auch darin, dass Landwirtschaft und Ernährung auf den Bildungsplan gehören.

Bewusst einkaufen und essen ist nicht nur eine Frage der Gesundheit, sondern auch von Nachhaltigkeit und Tierschutz, findet Verena Schiltenwolf vom Landesnaturschutzverband (LNV). „Schauen Sie, wo ist das Tier aufgewachsen und wo wurde es geschlachtet“, rät sie. Denn noch immer seien weite Transportwege zu den Schlachthöfen die Regel. Dass Landwirten für die Hofschlachtung noch immer Klötze vor die Füße geworfen werde, sehe sie äußerst kritisch.

Ökologischer Landbau und Bio-Lebensmittel liegen voll im Trend und erfahren laut einer Studie auch hohe Zustimmungswerte. Der Preis, der dafür auf den Tresen gelegt wird, spricht aber eine andere Sprache. „Die Entscheidung wird nach dem Geldbeutel getroffen“, sagt Petra Rauch. Initiativen von Supermärkten, die regionale Produkte anbieten, begrüße sie. Die Erfahrung zeige aber: „Präsentieren allein reicht nicht. Man muss auch darüber aufklären.“

Bürokratie und EU-Regeln setzen wohl den Landwirten zu

„Vielleicht braucht es mehr Kenntnis, vielleicht auch mehr Emotionen“, kommentiert das Nübel. Mehr Unterstützung könnte unter anderem vom Ernährungsbeirat ausgehen, dessen Gründung in Nürtingen geplant ist. Er will sich für eine breite gesellschaftliche Basis für mehr regionale und ökologisch produzierte Lebensmittel einsetzen. Eine Plattform für regionale Produkte soll auch der Beurener Genussmarkt werden. Neun Erzeuger haben sich mit der Gemeinde zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen, um regionale Vielfalt erlebbar zu machen. Mit dabei auch der Haldenhof und die Familie Schnerring. Von Äpfeln über frische Eier bis hin zu Wurst soll es am Standort nahe der Therme zu kaufen geben – bargeldlos und ohne Personal, so der Landwirt. Ein Projekt, das aber im Ort auch Gegenwind erfährt. Vor allem die Geschäfte in der Ortsmitte fürchten um ihren Umsatz, berichtet Schnerring.

Die Vermarktung ist nur eines von vielen Feldern, die ein Landwirt zu beackern hat. Vor allem die Bürokratie und das strikte Regelwerk für Förderungen stellen im Alltag große Herausforderungen an die Hofbetreiber. „Viele der Maßnahmen sind mit Vorgaben belegt“, erklärt Petra Rauch. Wann darf ich pflügen, wann muss gesät werden? All das gibt nicht etwa das Land oder der Bund vor, sondern die EU. Die Umsetzung gestalte sich in der Praxis zunehmend schwierig: Keiner könne beispielsweise vorab wissen, ob zu dem festgelegten Termin das Wetter für die Arbeiten passt. Das starre Konzept lasse der Dynamik im System keinen Spielraum. Sie würde sich wünschen, dass den Landwirten hier mehr Spielräume zugestanden werden um sie selbstbestimmt arbeiten zu lassen.

Wo der eine verliert, gewinnt die andere

Zudem bringt der Klimawandel Veränderungen mit sich. Die Vegetationsperiode hat sich verlängert und teils verschoben, Wetterphasen dauern länger und verregnen – wie in diesem Jahr beim Brotgetreide – für etliche Anbauer die Qualität der Frucht. Viele Termine, die man früher im Kopf hatte, stimmen nicht mehr, so Schnerring. Dennoch sieht Verena Schiltenwolf nicht alles negativ. „Jetzt war zum Beispiel in Baden-Württemberg Artischockenernte“, gibt es für sie Gewinner und Verlierer. Das Rad könne man nicht mehr zurückdrehen. Aber jeder könne seinen Beitrag leisten – auch mit kleinen Dingen, sagt sie.

Im Semesterschwerpunkt „Komplexes Beziehungsdreieck im Wandel: Landwirtschaft, Ernährung, Verbraucher“ bietet die VHS weitere Veranstaltungen und Vorträge an. Näheres unter vhs-nuertingen.de.

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