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Zukunftstalk zum Thema Gesundheit in Nürtingen: Rendite contra Patientenwohl

Die Ärzte Jochen Maier und Thomas Strohschneider würden den Praktikern gern mehr Gehör verschaffen und stellen fest, dass einige Entwicklungen im Gesundheitswesen in die falsche Richtung gehen.

Muntere Diskussionsrunde (von links): Thomas Strohschneider, Buchautor und langjähriger Chefarzt der Gefäßchirurgie, Jochen Maier, Internist und Hausarzt, sowie Moderator Rainer Nübel. Foto: Kai Müller

NÜRTINGEN. Welcher Patient rentiert sich, welcher nicht? Thomas Strohschneider hat beim „Zukunftstalk im Gok’schen Keller“ zum Thema Gesundheit ein Beispiel parat, das nachdenklich stimmt. Der langjährige Chefarzt für Gefäßchirurgie erinnert sich an einen Obdachlosen, der auf seiner Station landete – und das mit vielen Krankheitssymptomen. „Er war ein viertel Jahr bei uns in der Klinik. In dieser Zeit hat mich der kaufmännische Direktor viermal einbestellt“, erzählt der Autor des Buches „Krankenhaus im Ausverkauf“. Später habe sich der Patient mit den Worten „Sie haben aus mir einen neuen Menschen gemacht“ verabschiedet. Wirtschaftlich gesehen sei es aber ein Verlustgeschäft gewesen. „Am Ende blieb ein Minus von 60.000 bis 70.000 Euro für die Klinik“, sagt Strohschneider. Doch was wiegt da schwerer? Der Fall beschreibt perfekt, in welchem Dilemma das Gesundheitswesen steckt. Es sei eben ein „riesiger Markt“, sagt der Gefäßchirurg. Täglich werden in Deutschland 1,5 Milliarden Euro für die Gesundheit ausgegeben. Jeder wolle eine Scheibe von dem Kuchen abhaben. 40 Prozent der Kliniken seien mittlerweile in privater Hand.

Patienten schicken Bewerbungsschreiben

Wer über das Gesundheitswesen diskutiert, dem gehen die Themen nicht so schnell aus. Vor allem, wenn man mit Strohschneider und Jochen Maier, dem Nürtinger Internisten und Hausarzt, zwei ausgewiesene Experten auf dem Podium sitzen hat. Konzipiert hat den Zukunftstalk Rainer Nübel, der auch die beiden Fachleute interviewte. Bei der Talkreihe geht es aber auch immer darum, die Erfahrungen des Publikums in die Diskussion mit einzubeziehen. Die Veranstaltung war bestens besucht. „Es ist ein Thema, das uns alle sehr bewegt“, hatte Kulturamtsleiterin Susanne Ackermann zu Beginn der Veranstaltung gesagt und darauf hingewiesen, dass sie „einen nicht ganz einfachen Hausarztwechsel“ hinter sich habe. „Wir haben Probleme, eine optimale Versorgung aufrechtzuerhalten, wenn Ärztinnen und Ärzte keinen Nachfolger finden“, sagte Maier. Mittlerweile bekomme er auch regelrecht „Bewerbungsschreiben“ von Neu-Patienten. Was er positiv sehe? Dass Nürtingen eine neue Zentrale Notfallaufnahme bekomme, findet der Hausarzt gut. Künftig werde es einen gemeinsamen Tresen für Notfallambulanz und kassenärztliche Notfallpraxis geben. Auch die Einführung der Krankschreibung per Telefon sei ein Fortschritt. Und sonst? „Richtig viel Gutes gibt es grade nicht“, sagt Maier. Der Hausarzt hat festgestellt, dass der gesunde Menschenverstand häufiger leidet und „Dr. Google“, also die Internetsuchmaschine, immer häufiger zurate gezogen wird. Da medial gerade viel dafür geworben werde, sei Impfung gegen Gürtelrose kein Problem. Gleichzeitig stelle er aber fest, dass der gleiche Patient seit zehn Jahren keine Tetanus-Auffrischung erhalten habe.

Elektronische Patientenakte als rotes Tuch

Dass es eine medizinische Zwei-Klassen-Gesellschaft gebe, machte eine Zuhörerin deutlich: „Als gesetzlich Versicherte hätte ich beim Orthopäden drei Monate auf einen Termin warten müssen, als Privatpatient eine Woche.“ Kritisiert wurde auch, dass man bei bestimmten Ärzten telefonisch kaum noch durchkomme. Lob gab es von einer Frau hingegen für das Personal: „Obwohl sie Stress ohne Ende haben, sind sie unglaublich freundlich und kompetent.“ Dass die Kommunikation noch ausbaufähig sei, gerade in Bezug auf die Terminvergabe, wollte Maier nicht in Abrede stellen.

Trotz aller Probleme warb Strohschneider für das „sehr gute Gesundheitssystem“, das man nicht weiter zerstören dürfe. Da sei auch keine Kostenexplosion zu verzeichnen, sondern nur ein moderater Anstieg seit den 50er- und 60er-Jahren. Nicht mehr hören könne er auch, wenn immer vom „teuersten Gesundheitssystem der Welt“ die Rede sei: „Das stimmt nicht.“ Die damit verbundenen Angebote habe fast kein anderes Land in diesem Maße. Wenn immer mehr Kliniken im ländlichen Raum zumachten, gebe es keine adäquate Erstversorgung mehr, kritisierte Strohschneider.

Maier, der stellvertretender Vorsitzender der Nürtinger Ärzteschaft ist, warb dafür, dass die Ärzte insgesamt mehr Gehör finden. So sei zum Beispiel die Elektronische Patientenakte für viele ein rotes Tuch, weil die Einführung eben mit einem enormen Arbeitsaufwand verbunden sei: „Da entstehen Wünsche, die wir gar nicht erfüllen können.“ Dass private Krankenhäuser eine Rendite von zehn bis 15 Prozent erwirtschaften wollen, sieht Strohschneider kritisch. Bis 1985 hätten Erlöse in die Kliniken investiert werden müssen. Ob eine Rückkehr machbar sei, fragte Moderator Nübel. Das sei wohl nicht realistisch, antwortete Strohschneider.

Wasserballett im Haifischbecken

Und wie gelingt es, den Nachwuchs zum Beispiel für eine Hausarztpraxis zu begeistern? „Wir wollen auch ein bisschen Freizeit haben“, sagt Maier. Da 60 Prozent der Absolventen mittlerweile Frauen seien, könne zum Beispiel auch mit Teilzeitangeboten die Attraktivität erhöht werden. Durch Kommerzialisierung und Bürokratisierung, verleide man jungen Menschen aber den Beruf, sind sich Maier und Strohschneider einig. „Von den 5000 zusätzlichen Studienplätzen höre ich nichts mehr“, sagt der Buchautor. Das sei offenbar „in der Tonne“ gelandet.

Am Ende waren sich Publikum, Moderator und die beiden Ärzte einig, dass nicht wirtschaftliche Zwänge, sondern das „Wohl der Menschen im Vordergrund“ stehen müssten. Dafür müssten aber die Ärzte mehr Gehör als bisher bei den Politikern finden. Die Gesundheitspolitik ist aber durchaus ein schwieriges Terrain. Nicht umsonst hätte sie der verstorbene CDU-Politiker Norbert Blüm einmal als „Wasserballett im Haifischbecken“ bezeichnet.

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