NTZ+ Logo Beuren

So sieht es im Atombunker von Beuren aus

„Aus der Tiefe ans Licht“ titelt die neue Veranstaltungsreihe von „Evangelisch im Täle“. Mit Zeitzeugen und Bunkergeschichten, aus biblischer, künstlerischer und musikalischer Sicht aufbereitet, ergaben sich ganz andere Dimensionen.

Rüdiger Färber, technischer Objektleiter im Bauamt, und Museumsleiterin Petra Naumann beim Bunkerrundgang. Foto: Angela Steidle
Kultur-Stand-Up auf dem Bunker-Gelände. Foto: Angela Steidle
Pfarrer Dietrich Groh illustriert eine biblische Geschichte. Foto: Angela Steidle
Pfarrer Roland Conzelmann mit Erinnerungen an den 30-jährigen Krieg und ein Hitler-Attentat. Foto: Angela Steidle

BEUREN. Zum Auftakt der neuen Veranstaltungsreihe unter dem Motto „Aus der Tiefe ans Licht“ hatten die Organisatoren von „Evangelisch im Täle“ vielleicht 15 Personen erwartet. Gekommen waren fast 80. Die Veranstalter reagierten spontan: In Kleingruppen wurden die Besucher durch den Atomschutz-Bunker im ehemaligen Munitionslager im Tiefenbachtal geschleust. Das Relikt aus dem Kalten Krieg war aber nur ein Teil der Annäherung an Verzweiflung und Hoffnung.

„Wir sind mit ganz anderen Erwartungen hergekommen“, bemerkt eine Besuchergruppe aus Linsenhofen: „Dass das spirituell aufgearbeitet wird, hat man sich denken können. Die unterschiedlichen Sichtweisen an den Stationen erzeugen ganz andere Dimensionen.“ Aufgabe des 25 Quadratmeter großen Bunkers war das Überleben von 28 Soldaten und Depot-Arbeitern nach einem Atomschlag mit russischen SS-20 Raketen. Sie sollten die oberirdischen Geschütze wieder freilegen. Was für ein Gedanke! Klaus Steiner, Musiker aus Frickenhausen, erzählt von einem Spionage-Bunker in Schlaitdorf mit den Ausmaßen 80 mal 20 Meter, in dem Panzer fahren könnten. Nicht der Einzige in der Gegend meint eine weitere Teilnehmerin.

Gedanken aus dem Kalten Krieg

„Ich bin 2020 hierhergekommen. Wir hatten damals alle die Fantasie, dass Donald Trump gegangen ist, mit einem Koffer, in dem immer noch der Rote Knopf für die Bombe ist“, sagt Petra Naumann, Leiterin des Freilichtmuseums Beuren, „nur viereinhalb Jahre später stehen wir hier. Was für eine kurze Zeit.“

Der ABC-Bunker liegt direkt unter ihrem Büro im charmelosen Militär-Verwaltungstrakt. „Ich kann mich von Zuhause in Marburg nicht an Bunker erinnern. Seit ich hier bin, begegnen mir solche Dinge immer wieder.“ Etwas gruselig ist es schon, als sie Stunden später das tiefe dunkle Loch wieder zusperrt: „Das ist denkmalwürdig“.

In den Siebzigerjahren sind im Moosbach 49 Bunker errichtet worden, berichtet Zeitzeuge Roland Kromer. Er war 40 Jahre lang Gemeinderat in Beuren: „Uns ist erzählt worden, dass dort ein Arzneimittel-Depot entsteht. Alles war abgesperrt, Soldaten und Wachpersonal mit scharfen Hunden patrouillierten.“ Im Gemeindeblatt stand später, dass drei Schutz-Zonen ausgewiesen wurden. Kromer: „Eine davon ging bis nach Beuren rein. Wir haben uns gefragt: Was soll das? Die Mullbinden können doch nicht explodieren! 15 bis 20 Wehrpflichtige und fünf bis sieben Zivilangestellte arbeiteten seinerzeit im Depot. Der Stabsfeldwebel hat in Beuren gewohnt. Irgendwann wussten wir Bescheid“, erinnert sich Kromer: „1989 kam die Wende. Der Bund hat im Osten raue Mengen an Bunkern in ganz anderen Dimensionen übernommen. 1999 wurde offiziell bekannt, dass das Depot aufgegeben wird. Die schweren Transport-Hubschrauber flogen Tag und Nacht. Innerhalb von ein paar Monaten war hier alles weg“.

Die Beurener wussten trotz Geheimhaltung Bescheid

2013 übernahm das Abfallwirtschaftsamt am Moosbach. Viele der größeren Bunker am Berg dienten jahrelang als belüftete Lagerhallen für Archive, für den Katastrophenschutz und Gerätschaften des Freilichtmuseums. „Bis 2029 wird hier alles mit Erde bedeckt sein“, berichtet Beurens Bürgermeister Daniel Gluiber. Auch er erinnert sich noch, wie er als Auszubildender im Rathaus mit seinem Chef im Depot war und alles voller Munitions-Paletten stand.

Gerhard Bäuerle, Pfarrer von Linsenhofen und Tischardt erzählte die Bunker-Geschichte eines Buben, der Krieg und Vertreibung aus Polen mit drei Jahren erlebt hat: über die Oder in die Westzone. Der ganze Zug hat angefangen zu singen: „Nun danket alle Gott...“. Ein gemauerter Kartoffel-Bunker für 15 Menschen, drei mal zwei Meter groß, zerbarst unter britischem Feuerhagel. Seine Schwester musste im Lazarett mit 17 Jahren tote Soldaten in den Keller schaffen: „Der Krieg hat uns unsere Zukunft genommen“, zitiert Gerhard Bäuerle aus der Opferperspektive.

Der Bunker weckt Erinnerungen

Dietrich Groh, Pfarrer in Neuffen, war auch Klinikseelsorger: „Der Grundgedanke, dass Licht ins Leben kommt, durchzieht die Bibel wie ein roter Faden: Da geht auf einmal ein Türle auf. Man braucht diese Sehnsucht.“ Seine Bilder-Geschichte von Jesu Überfahrt auf dem See Genezarth erinnert an die Weltpolitik: schwere Wasser mit reißenden Strömungen und die Furcht der Mannschaft, während der Kapitän schläft. „Bei allem, was gerade in der Welt passiert, ist die Botschaft aktueller denn je: Mitmenschlichkeit wahren, Hoffnung stiften und sich in der Gemeinschaft wieder groß machen“.

Edelgard Moskaliuk und Petra Buchmann von „Evangelisch im Täle“ erinnern an 1815/16: „Das Jahr ohne Sommer, mit Missernten und Hungersnöten“. In Indonesien war ein Vulkan ausgebrochen. Der britische Maler William Turner lebte in dieser Zeit: „Farben, die sich gegenüberliegen, verstärken sich in ihrer Tiefe – aus dem Dunkel ins Helle. William Turner konnte Licht fühlen“.

„Unglaublich und sehr eng – wenn man denkt, man müsste da unten Monate verbringen“, Pfarrer Roland Conzelmann aus Beuren war zum ersten Mal im Atomschutz-Bunker. Er stimmte ein Lied von Paul Gerhardt an: „Befiehl Du Deine Wege....“ Gerhard, so erzählte der Seelsorger, lebte in der Zeit des 30-jährigen Krieges, den in Süddeutschland nur 30 Prozent der Bevölkerung überlebten: „Seine Frau war schwer depressiv. Seine Dichtungen strahlen jedoch eine tiefgründige Hoffnung aus.“ Conzelmann: „Dietrich Bonhoeffer beteiligte sich am 20. Juli 1944 am Attentat gegen Hitler. Er wusste genau, er kommt aus diesem Bunker nicht mehr ins Leben. Dass jemand ganz im Dunkeln so viel Licht sieht! Ein Liedtext, den er kurz vor seiner Hinrichtung schrieb, war seiner Verlobten gewidmet: Von guten Mächten wunderbar geborgen.“

Erinnerungen an Bonhoeffer

„Von der Tiefe ans Licht“ provozierte spontane Momente an einem ungewöhnlichen Ort. „Das war was ganz anderes, als eine reine Bunkerbesichtigung. Es war nach innen gerichtet“, sagt Besucher Thomas Harriefeld aus Beuren. Ihn erinnert der Ort an seinen Wehrdienst zur Zeit der RAF, als er zur belgischen Grenze hin Bunker bewachte, weil Anschläge befürchtet wurden.

„Das ganze Menschliche drumherum hat noch einmal eine andere Qualität“, bemerkt eine Besuchergruppe aus Linsenhofen: „Vor 50 Jahren waren wir Zeitzeugen beim Bürgerentscheid um den Rathausbunker. Da gingen Risse durch ganze Familien. Das hat extrem polarisiert. Unsere Kinder denken wieder ganz anders darüber: Jetzt seht ihr, wie weit ihr mit eurem Pazifismus gekommen seid! Es war viel einfacher, diese Friedenstheorie in diesen anderen Zeiten zu vertreten“.

Die nächste Veranstaltung der Reihe „Aus der Tiefe ins Licht“ soll im September in der Therme in Beuren stattfinden. „Evangelisch im Täle“ steht seit 2007 für die enge Zusammenarbeit der sieben evangelischen Kirchengemeinden im Distrikt Neuffener Tal des Dekanats Nürtingen.

Zur Startseite