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Zunftlade bereichert Nürtinger Stadtmuseum

Die frühere Nürtinger Stadträtin Annemarie Hammelehle hat dem Museum ein besonderes Exponat aus dem Jahr 1768 übergeben. „Es ist eine Traumspende“, sagt Museumsleiterin Melina Wießler. Die Zunftlade soll Teil der Dauerausstellung werden.

Museumsleiterin Melina Wießler mit der Zunftlade aus dem Jahr 1768, welche die ehemalige Stadträtin Annemarie Hammelehle dem Stadtmuseum gestiftet hat. Foto: Kai Müller

NÜRTINGEN. Die Truhe macht richtig was her. Sie ist kunstvoll mit Holzintarsien versehen. Auf der Vorderseite befindet sich ein Stiefel, auf der Oberseite sind drei mit Perlmutt eingelegte Namen und die Jahreszahl 1768 zu sehen. „Es ist eine sehr, aufwendige Arbeit“, sagt Melina Wießler. Und sie sei in ihrer Zeit sicherlich „sehr repräsentativ“ gewesen. Für den Besucher hat die Leiterin des Stadtmuseums die Truhe direkt vor der Tafel platziert. Dort soll sie später auch ihren Platz finden. Denn an diese Stelle passt sie perfekt hin. Schließlich ist auf der Schautafel die Fahne der Schuhmacherzunft abgebildet. Bei der Truhe handelt es sich schließlich um die Lade dieser Zunft.

Zweite besondere Spende im Jahr 2025

„Es ist eine Traumspende“, sagt Melina Wießler über den unverhofften Zugang. Sie kannte bislang nur ein Foto der Truhe. Die Stifterin ist die frühere FDP-Stadträtin Annemarie Hammelehle. Sie ist vor Kurzem in ein Seniorenwohnheim nach Bretten gezogen. Michael Brodbeck, Vorsitzender der Freien Wähler im Nürtinger Gemeinderat, saß selbst noch fünf Jahre gemeinsam mit Hammelehle im Rat. Die Kommunalpolitikerin ist 2009 nach 24 Jahren im Amt in den politischen Ruhestand gegangen. Doch der Kontakt zu Brodbeck ist nie abgerissen. „Sie hat mich beauftragt, die Übergabe der Zunftlade an das Stadtmuseum zu organisieren“, sagt Brodbeck. Eine Aufgabe, die er natürlich gern übernommen hat.

Und so gab es quasi ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk für das Stadtmuseum. „Wir hatten ein gutes Jahr“, sagt Wießler lachend. Schließlich hatte im August Ulrich Scholder dem Stadtmuseum und dem Stadtarchiv das Firmenarchiv der großen Strickwarenfabrik Heusel übergeben.

Im Kocher gibt es ein Bild der Zunftlade

Der aktuelle Neuzugang wird erstmal nicht für die Öffentlichkeit zu sehen sein. Er soll aber fester Bestandteil der Dauerausstellung werden. Dafür braucht das Exponat ein eigenes Podest mit Plexiglashaube. „Eine zusätzliche Texttafel ist sicherlich ebenfalls sinnvoll“, sagt Wießler.

Die Museumsleiterin hat schon etwas über die Geschichte der Zunftlade recherchiert. Im Kapitel „Kleingewerbe“ im dritten Band der „Geschichte der Stadt Nürtingen“, welche der Lehrer Jakob Kocher herausgegeben hat, findet sich sogar ein Bild der Zunftlade. Damals, also 1928, sei sie im Besitz von Emilie Wohlhaupter gewesen, heißt es dort. Im danebenstehenden Text erklärt Kocher, dass bei „geöffneter Lade“ während der Versammlung der Zunftgenossen unter anderem neue Meister ernannt wurden. „Zeremonien spielten bei den Zünften eine wichtige Rolle“, erklärt Wießler. Darin seien unter anderem die Zunftordnung, wichtige Dokumente und zum Teil auch das Vermögen der Zunft aufbewahrt worden. Diesen Zweck erfüllte die Lade der Schuhmacherzunft 94 Jahre lang. Im Jahr 1862 wurden die Zünfte in Württemberg aufgelöst. Die Zunftlade verblieb wohl im Eigentum von Karl Hoffmann, dem letzten Oberzunftmeister. Sein Name findet sich ebenfalls im Kocher.

213 Schuhmacher im Jahr 1830 in Nürtingen

Das Schloss ist nicht mehr an der Zunftlade befestigt. Es waren früher zwei Schlüssel nötig, um es zu öffnen. Foto: Kai Müller

Die Zünfte hatten aber schon vorher einen gravierenden Einschnitt vollziehen müssen. 1818 hatte es zehn Handwerkerzünfte gegeben, die den Sitz ihrer Zunftlade in Nürtingen hatten. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten 95 Schuhmachermeister in der Stadt. Mit der Einführung einer Gewerbeordnung und der Zulassung von Nicht-Zunft-Meistern schwoll die Zahl im Jahr 1830 auf 213 an. „Es kam zu Verwerfungen und viele mussten ihre Werkstatt wieder aufgeben“, erklärt Wießler.

Ins Eigentum der Familie Hammelehle scheint die Truhe als Tauschware nach dem Zweiten Weltkrieg gekommen zu sein. „Sie wurde zwischen 1985 und 1990 anlässlich der Heimattage in Bretten 1990 restauriert“, erzählt Wießler. Lückenlos lasse sich die Geschichte der Zunftlade noch nicht erzählen, aber man habe schon einige Erkenntnisse darüber.

Die Perlmuttintarsien verraten schließlich auch die Namen derjenigen, die im Jahr 1768 das Sagen in der Schuhmacherzunft hatten. Obmann war damals ein B. Sick. Die Meister H. Schmohl und H. Bronner sind ebenfalls auf der Truhe verewigt. Dass diese und ihre Zunft sich zu diesem Zeitpunkt eine solche Lade anfertigen lassen konnten, zeugt von einem großen Selbstbewusstsein, das sicherlich durch einen gewissen Wohlstand befördert wurde. „Es zeigt, welche wichtige Rolle das Handwerk zu dieser Zeit gespielt hat“, bringt es Wießler auf den Punkt.

Ein Schloss, zwei Schlüssel

Jetzt ist das Innere der „Schatzkiste“ leer. „Vorher waren da Zeitschriften drin“, sagt Wießler. Nicht mehr intakt ist das Schloss. Es wurde ausgebaut, ist aber noch vorhanden. Auf diesem befindet sich ein Metallornament, in dessen Mitte ein Stiefel abgebildet ist. Zwei Schlüssel, einer ist innen hohl, der andere nicht, waren einst vonnöten, um das Schloss zu öffnen. Es galt demnach das Vier-Augen-Prinzip.

Doch warum wurde das Schloss ausgebaut? Stadtmuseums-Mitarbeiter Bernhard Stüdl hat die Geschichte beim Abholen der Zunftlade erzählt bekommen. Demnach sei einmal der Truhendeckel zugefallen und die Schlüssel drinnen gewesen. Erst ein Schlosser habe die Truhe mit „viel Gebastel“ wieder öffnen können. Das sei offenbar ein Grund dafür gewesen, das Schloss nicht mehr zu montieren.

Die Zunftlade ist eben nicht nur ein Stück besonderer Handwerkskunst, sondern könnte wohl auch einige Geschichten erzählen. „Sie ist durch viele Hände gegangen“, sagt Wießler. Sie ist selbst gespannt, ob sich die Lücken in der Historie noch schließen lassen.

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