Nürtingen
Zum Abschied kam ein wenig Wehmut auf
Annemarie Hammelehle hat 24 Jahre die Fahne der Liberalen im Nürtinger Gemeinderat hochgehalten
Elf Stadträte, die zusammen 127 Jahre ehrenamtlich gewirkt haben, wurden Ende Juli aus dem Nürtinger Gemeinderat verabschiedet. Allein 24 Jahre davon gehen auf das „Konto“ von Annemarie Hammelehle. Fünf Amtsperioden (eine war verkürzt) hat sie das kommunale Geschehen in der Stadt mit viel „Herzblut“ mitgestaltet.
NÜRTINGEN. Unter den jetzt von OB Heirich verabschiedeten Stadträten ist Annemarie Hammelehle die „dienstälteste“ Kommunalpolitikerin. Mehr als zwei Jahrzehnte hat sie die Fahne der Liberalen hochgehalten. 1980 wurde sie in den Gemeinderat gewählt: „Die FDP ist damals erstmals mit einer eigenen Liste angetreten.“ Mit Dr. Häusser und Karl Schmid saß sie Seite an Seite. Ein großes Vorbild war für sie Dr. Lieselotte Preiss, engagierte Kommunalpolitikerin in den Reihen der UFB. „Dr. Preiss hat sich von den Männern nichts sagen lassen“, zollt Hammelehle ihrer ehemaligen Lateinlehrerin heute noch Hochachtung.
Annemarie Hammelehle stammt aus einer Familie, in der die FDP schon immer eine Rolle spielte. „Mein Großvater war ein Schulfreund von Reinhold Maier.“ Anfang der 70er-Jahre ist sie der Partei beigetreten. Den Anstoß gab ein sozialpolitisches Thema. „Es ging damals um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.“ Als sie einige Jahre später gefragt wurde, ob sie nicht für den Gemeinderat kandidieren wolle, musste sie nicht lange überlegen. Ihr Ehemann hat sie in ihrer Entscheidung bestärkt. Leider konnte er ihr nur wenige Jahre den Rücken stärken: Er ist bei einem Autounfall tödlich verunglückt.
Sich in ihrer Heimatstadt Nürtingen kommunalpolitisch zu engagieren, war für die selbstständige Krankengymnastin eine besondere Herausforderung. „Ich war stolz, wenn in der Stadt etwas neu- oder umgebaut wurde und es gut geworden ist.“ So wurden in ihrer Amtszeit das Rathaus mit Bücherei und Bürgertreff, das Stadtmuseum, die Kreuzkirche, der Kroatenhof, das Freibad, das Hallenbad, die Mörikehalle und die Stadthalle eingeweiht, um nur die ganz großen Projekte zu nennen. Wichtig war ihr dabei, dass nicht nur die Funktionalität stimmte, sondern auch die Ästhetik passte. Ganz besonders hat ihr dabei die Handschrift von Wilfried Hajek gefallen, dessen Abschied von Nürtingen sie sehr bedauert hat. „Die Ära mit Bürgermeister Wolf und unserem Beigeordneten Hajek ist mir besonders positiv in Erinnerung.“ Wichtig bei all den Bauvorhaben war ihr auch die Barrierefreiheit. Dass bei der Stadthalle keine Ideallösung gefunden wurde, bedauert sie.
Und über welche Entscheidung des Gemeinderats ist Annemarie Hammelehle weniger glücklich? „Ich bin nicht überzeugt, dass es eine gute Lösung war, die GWN vom Stadtbauamt abzutrennen.“
Mit am wichtigsten war Annemarie Hammelehle in den fast zweieinhalb Jahrzehnten kommunalpolitischer Arbeit der Kontakt zu den Bürgern. Gerne hat sie deshalb alle möglichen Einrichtungen in der Stadt besucht, um zu erfahren, wo die Bürger der Schuh drückt. „Ich wollte wissen, was die Menschen an der Basis denken und was sie bewegt.“ Wurden Wünsche und Anregungen von Bürgern an sie herangetragen, hat sie den direkten Kontakt zu den Mitarbeitern der Verwaltung gesucht und versucht, die Dinge auf dem „kleinen Dienstweg“ mit einem Telefonat zu erledigen. Wenn andere Stadträte dies auch so gemacht hätten, wäre manche Sitzung kürzer geworden, richtet sie kritische Grüße an all die Ratskolleginnen und -kollegen, die Anfragen öffentlichkeitswirksam unter Punkt „Verschiedenes“ vorbringen. Geärgert hat sie zuweilen auch, dass manche Ratskollegen, mit der Nichtöffentlichkeit ziemlich locker umgegangen sind.
Annemarie Hammelehle war gerne Stadträtin und stand bei öffentlichen Veranstaltungen auch nicht ungern im Rampenlicht. So war die Teilnahme am Maientag für sie als gebürtige Nürtingerin stets Ehrensache. „Ich habe in den 24 Jahren keinen einzigen Festzug versäumt.“ Wenn sie als Stadträtin auf der Ehrentribüne stand und den Kindern im Umzug zugewunken hat, dann wurde sie immer an ihre eigene Kindheit erinnert. „Ich durfte als Schülerin am ersten Maientag nach dem Krieg teilnehmen.“
Was hätte sie als Stadträtin gerne noch erreicht? Zusammen mit Lothar Neitzel, mit dem sie in den letzten zwei Amtsperioden zusammengearbeitet hat („wir waren ein sehr gutes Team“) hätte sie gerne noch einen Stadtbus eingeführt, damit der Individualverkehr abnimmt. „Ideal wäre ein Rundkurs, damit man als ÖPNV-Benutzer nicht immer erst zum Omnibusbahnhof fahren und umsteigen muss.“
„Das Klima im Gemeinderat ist schlechter geworden.“
Altstadträtin Annemarie Hammelehle
Schwang zum Abschied ein wenig Wehmut mit? „Jein, denn das Klima im Gremium ist in letzter Zeit schlechter geworden.“ Früher, so erinnert sich Hammelehle, sei der Gemeinderat noch gemeinsam zur „Nachsitzung“ – heute komme das eher selten vor. Außerdem sei mit 70 Jahren der richtige Zeitpunkt gekommen, um Jüngeren Platz zu machen. „Man sollte nicht warten, bis der Erfahrungsschatz vom Altersstarrsinn eingeholt wird.“
Künftig will sich Annemarie Hammelehle, die eine Vorliebe für schnelle Autos hat, mehr ihren Hobbys widmen. Sie spielt seit 15 Jahren Golf (Handicap 28) und reist gerne – „es gibt fast kein Land, in dem ich noch nicht war“. Außerdem geht sie jetzt dreimal in der Woche walken an den Bürgerseen. „Dort begegne ich häufig dem Bundestagsabgeordneten Michael Hennrich.“ Ihre Ehrenämter als Kirchenöffnerin und Mitglied im Förderverein des Dr.-Vöhringer-Heims wird sie weiter ausüben. Auch als Jugendbegleiterin an der Ersbergschule würde sie gerne weitermachen. Und falls gewünscht will sie auch den neuen FDP-Stadträten mit ihrem Erfahrungsschatz zur Seite stehen. Dass die Liberalen im Nürtinger Gemeinderat jetzt Fraktionsstatus haben, darüber freut sie sich ganz besonders.
Haushaltspläne wird Annemarie Hammelehle künftig nicht mehr durcharbeiten. Die FDP-Stadträtin hat nach 24 Jahren nicht mehr kandidiert. Foto: Holzwarth