Die Tage werden kürzer, draußen wird es kühler und viele Menschen feiern Halloween. Für die einen ist es die perfekte Zeit, um sich mit einem Horrorfilm auf dem Sofa zu gruseln – andere würden lieber alles anschauen, nur das nicht. Warum empfinden manche Menschen Spannung und Gänsehaut als reizvoll, während sich andere dabei vor allem unwohl fühlen oder gar nichts empfinden?
Gruseln entstehe häufig dort, wo sich eine Situation nicht eindeutig als gefährlich oder harmlos einordnen lasse, erklärt der Verhaltensforscher Marc Malmdorf Andersen von der dänischen Universität Aarhus. Unheimlichkeit sei das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimme, obwohl es dafür keine unmittelbar sichtbaren Hinweise gebe. Dieses Gefühl bewege sich gewissermaßen zwischen Gefahr und Nicht-Gefahr, erläutert er.
Wie stark das Gefühl ausfällt, sei individuell unterschiedlich. «Jeder Mensch hat gewissermaßen seinen eigenen optimalen Grad an Angst.» Für manche liege dieser bei einem Thriller, andere dagegen bräuchten deutlich stärkere Reize.
Eine Rolle spielt offenbar auch, wie gut Menschen Unbekanntes oder Uneindeutigkeit aushalten. In einer 2024 im «Journal of Pschology» veröffentlichten US-Studie bewerteten bestimmte Teilnehmer mehrdeutige Bilder als unheimlicher, verwirrender und beunruhigender als jene Motive, die schon von vornherein als gruselig eingestuft waren.
Hinzu kommt die Erfahrung: Wer häufig Horrorfilme schaut, wird mitunter unempfindlicher und kann auch besser vorhersagen, was als Nächstes geschieht – sowohl in der Handlung als auch im eigenen Körper. Herzklopfen oder Anspannung wirken dann weniger überraschend. «Als Vergleich führen wir häufig den Konsum von Horror und den Verzehr von Chili zusammen», sagt Andersen. «Wenn man viele Chilischoten isst, wird man zunehmend unempfindlicher gegenüber ihrer Schärfe und kann nach und nach immer schärfere Chilis essen.»
Umgekehrt kann Vermeidung den Effekt verstärken: Wer bereits erwartet, eine Situation nicht auszuhalten, setzt sich ihr häufig gar nicht erst aus. «Wenn man wegen seiner Angst nie in eine Gruselattraktion geht, bekommt man nie die Gelegenheit, diese Erwartung zu korrigieren», erklärt der Verhaltensforscher.
In Studien des Teams um Andersen überschätzten viele Menschen etwa vor dem Besuch einer Geisterbahn, wie viel Angst sie haben würden. Und sie unterschätzten, wie viel Spaß ihnen das Erlebnis machen könnte. Ohne die Erfahrung bleibt die ursprüngliche Erwartung bestehen, durch Erfahrung kann sie sich ändern.
Ein Team um Andersen und seinem Kollegen Mathias Clasen unterschied im Jahr 2022 im «Journal of Media Psychology» nach einer Studie an US-amerikanischen und dänischen Horrorfans grundsätzlich drei Typen:
- Adrenalin-Junkies genießen das Gruseln und fühlen sich besser.
- «White Knucklers» («Weißknöchler») empfinden die Angst selbst zwar als eher unangenehm, suchen aber die Herausforderung und erleben dadurch eine persönliche Weiterentwicklung.
- «Dark Copers» («Dunkelheitsbewältiger») verbinden demnach beide Typen: Sie genießen die bessere Stimmung und erleben zudem das Gefühl, etwas über sich zu lernen.
Andersen vermutet, dass Neugier und Wissbegierde wichtige Gründe für die Lust am Gruseln sind: Wer sich freiwillig grusele, setze sich mit Unsicherheit auseinander und könne dabei etwas lernen. Auch die Anspannung selbst kann reizvoll sein – besonders dann, wenn wir wissen, dass wir uns eigentlich in Sicherheit befinden, etwa auf dem Sofa vor dem Fernseher.
Beim Horror erleben Menschen laut Andersen Angst und Vergnügen gleichzeitig. Nach der Spannung kann die Erleichterung besonders intensiv sein. Horror sei deshalb möglicherweise nicht nur Eskapismus, sondern auch eine beherrschbare Art, sich mit Unsicherheit und schwierigen Situationen auseinanderzusetzen.
© dpa-infocom, dpa:261031-930-921393/1