Leserbriefe

Zur Nürtinger Illusion von Inklusion

Christoph Röcker, Nürtingen. Zu den Artikeln „Astrid Fridrich spielt nicht nur mit“ vom 10. Oktober und „Spatenstich für eine neue Perle am Neckarufer“ vom 29. September.

Es ist mehr als legitim, wenn Fritz Eisele für den Namen der Freiflächen um Belsers Hotel an der Neckarstraße die Ideen der Bürgerinitiative ins Spiel bringt, die in der Amtszeit von OB Otmar Heirich einen dort geplanten Hotelkomplex verhindert hat. Nur deshalb wird es nun zwischen dem kleineren Naturhotel und Neckar die noch namenlosen Freianlagen mit Spielplatz geben. Mit Blick auf den rechtlich gesicherten Erwartungshorizont voller, wirksamer und gleichberechtigter Teilhabe wirft der Spatenstich die gerne verdrängte Frage auf, warum die Stadt hier nicht einen Spielplatz ohne Barrieren baut.

Dem könnte man reflexartig entgegenhalten, dass es 200 Meter weiter, jenseits der Neckarstraße, inzwischen einen „inklusiven Spielplatz“ gibt, wo das gemeinsame Kinderspiel zur Inklusion werde. 430.000 Euro hat der Verein um Astrid Fridrich, der Ehefrau des Amtsnachfolgers OB Johannes Fridrich, dafür eingesammelt. Umso verwunderlicher erscheint es, dass in der Kommunalpolitik keinerlei Diskussion aufkommen will, ob das notwendig wäre, wenn die Vorschriften des Landesbehindertengleichstellungsgesetzes umgesetzt würden, die in der Kommunalverwaltung offensichtlich nicht verstanden wurden. Nachzulesen in der Niederschrift über die Sitzung des Gemeinderats am 20. Juni 2023.

Inwieweit jenseits der Neckarstraße inklusiv gespielt werden kann, solange andere Eltern gerne im Biergarten neben dem „Spieli“ am Neckarufer verweilen, bleibt abzuwarten. Und so werden dann Kinder ohne Beeinträchtigungen an Belsers vorbildlichen Behindertentoiletten vorbeiflitzen, während Eltern von Kindern mit Behinderungen an vermeidbaren Barrieren des „Closett Heinrich“ verzweifeln. Da müsste doch eine einigermaßen reflektierte Diskussion aufkommen, ob man sich das leisten kann, mit privaten Spenden Leerstellen zu verdecken, die Ausdruck von Organisationsmängeln einer öffentlichen Verwaltung sind, die Qualitätsmanagement verschmäht, weil sie nur Bürokratie versteht. Siehe etwa Gemeinderatssitzung am 23. Juli 2024.

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