Leserbriefe

Andere Maßstäbe für die politsiche Elite?

Jürgen Merkle, Neuffen.

Thorsten Frei erklärt, Deutschland könne sich die abschlagsfreie Altersrente nach 45 Versicherungsjahren nicht mehr leisten. Diese Aussage geht an der Wirklichkeit vieler Beschäftigter vorbei.

In zahlreichen Unternehmen – auch im Landkreis Esslingen – werden derzeit Stellen abgebaut. Den Beschäftigten werden angeblich freiwillige Programme angeboten. Tatsächlich stehen viele, insbesondere rentennahe Jahrgänge, unter erheblichem Druck, Aufhebungsverträge zu unterschreiben. Der Ablauf ist oft derselbe: ein Jahr Transfergesellschaft, anschließend bis zu zwei Jahre Arbeitslosengeld I und danach der Übergang in die Rente. Das ist organisierte Frühverrentung – nur finanziert über die Sozialkassen.

Gleichzeitig wird die Abschaffung der Rente nach 45 Versicherungsjahren mit Fachkräftemangel begründet. Das ist widersprüchlich. Wer zulässt, dass Unternehmen erfahrene Fachkräfte systematisch aus dem Arbeitsleben drängen, kann sich nicht gleichzeitig auf Fachkräftemangel berufen.

Besonders irritierend ist ein weiterer Widerspruch: Bundeskanzler Merz hält die abschlagsfreie Altersrente für langjährig Versicherte angeblich für nicht mehr finanzierbar. Gleichzeitig soll eine politische Spitzenbeamtin bereits mit 57 Jahren in den einstweiligen Ruhestand versetzt werden. Für viele Menschen entsteht dadurch der Eindruck, dass für die politische Elite andere Maßstäbe gelten als für Arbeitnehmer, die 45 Jahre Beiträge gezahlt haben.

Wer jahrzehntelang gearbeitet und die Sozialversicherungen mitfinanziert hat, verdient Respekt statt Misstrauen. Solange Politiker solche Widersprüche nicht erkennen und die Realität der Beschäftigten ausblenden, wird das Vertrauen in die Politik weiter schwinden. Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch Schlagworte, sondern dadurch, dass politische Entscheidungen auch dem Alltag der Menschen standhalten.

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