Gesundheit im Alltag
Social Media und Psyche: Kirchheimer Chefarzt erklärt, wie Vergleichsdruck junge Menschen belastet
Professor Dr. Christian Jacob, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medius-Klinik Kirchheim, erläutert, wie sich intensive Social-Media-Nutzung auf die psychische Gesundheit auswirkt.
NÜRTINGEN. Social Media gehört für viele Menschen fest zum Alltag. Plattformen wie Instagram, TikTok oder Facebook dienen der Unterhaltung, Information und Kommunikation. Gleichzeitig rückt zunehmend in den Fokus, wie sich die intensive Nutzung auf die psychische Gesundheit auswirken kann und welche Prozesse dabei im Gehirn ablaufen.
Aktuelle Entwicklungen unterstreichen diese Diskussion. In den USA hat ein Gericht kürzlich entschieden, dass große Plattformen wie Meta und Google zur psychischen Belastung junger Nutzer beigetragen haben könnten. Im Zentrum stand auch die Frage, ob bestimmte Funktionen bewusst darauf ausgelegt sind, Nutzer möglichst lange zu binden.
Doch was passiert dabei im Körper? Eine zentrale Rolle spielt der Neurotransmitter Dopamin. Dieser Nervenbotenstoff wird aus Aminosäuren wie Phenylalanin oder Tyrosin gebildet und beeinflusst zahlreiche Prozesse im Gehirn.
Dopamin: Motor für Motivation und Verhalten
Dopamin beeinflusst unsere Emotionen und kann positive wie negative Gefühle verstärken. Ein ausgewogener Dopaminspiegel ist wichtig für das emotionale Wohlbefinden. Gleichzeitig steuert der Botenstoff Bewegungen und spielt eine wichtige Rolle beim Lernen und bei der Gedächtnisbildung. Er hilft uns, lohnende Erfahrungen zu speichern und daraus zu lernen.
Besonders wichtig ist Dopamin für Motivation und Entscheidungen. Es wird ausgeschüttet, wenn wir etwas Angenehmes erleben, etwa gutes Essen, ein Kompliment oder ein erreichtes Ziel. Auch soziale Interaktionen wie Gespräche oder Lachen aktivieren das Belohnungssystem.
Dopamin und soziale Medien
Soziale Netzwerke nutzen dieses Belohnungssystem gezielt. Likes, Kommentare oder neue Follower wirken wie kleine Belohnungen und führen zu einer Ausschüttung von Dopamin. Dadurch entsteht ein Anreiz, die Plattformen immer wieder zu nutzen.
„Solche Debatten zeigen, dass das Thema gesellschaftlich an Bedeutung gewinnt“, sagt Professor Dr. med. Christian Jacob, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medius-Klinik Kirchheim. „Gleichzeitig muss man klar sagen, dass psychische Erkrankungen immer durch mehrere Faktoren entstehen.“
Bei intensiver Nutzung kann sich das Gehirn an diese schnellen Belohnungsreize gewöhnen. Andere Aktivitäten wie Bewegung, kreative Tätigkeiten oder persönliche Begegnungen werden dann oft als weniger befriedigend empfunden. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang auch von Anhedonie, einer verminderten Fähigkeit, Freude zu empfinden.
Ständiger Vergleich als Belastung
Ein zentraler Aspekt ist der permanente Vergleich mit anderen. In sozialen Netzwerken werden häufig idealisierte Lebenswelten gezeigt, die mit der Realität nur begrenzt übereinstimmen.
„Viele Menschen vergleichen sich mit scheinbar perfekten Darstellungen und fühlen sich dadurch unter Druck gesetzt“, erklärt Jacob. „Das kann das Selbstwertgefühl beeinträchtigen und zu psychischen Belastungen beitragen.“ Die Suche nach Anerkennung macht Nutzer zusätzlich empfindlich für Rückmeldungen. Bleiben diese aus, kann das negative Gefühle verstärken.
Auswirkungen auf Schlaf und Konzentration
Auch der Schlaf leidet häufig unter intensiver Nutzung. Wer abends lange auf das Smartphone schaut, schläft schlechter ein und erreicht weniger erholsame Schlafphasen. „Gerade bei jüngeren Patientinnen und Patienten sehen wir einen Zusammenhang zwischen exzessiver Mediennutzung, Schlafstörungen und Konzentrationsproblemen“, so Jacob. Die ständige Aktivierung des Belohnungssystems erschwert es zudem, zur Ruhe zu kommen.
Besonders Jugendliche sind gefährdet
Besonders Kinder und Jugendliche reagieren empfindlich auf diese Mechanismen. Verfahren der EU gegen TikTok sowie Klagen in den USA gegen Meta zeigen, dass mögliche Abhängigkeitseffekte zunehmend in den Fokus rücken.
Ein direkter wissenschaftlicher Nachweis ist schwierig. Dennoch wächst die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für das Suchtpotenzial sozialer Medien. Die Auswirkungen gehen über reine Bildschirmzeit hinaus. Problematisch ist auch, was junge Menschen in dieser Zeit nicht tun, etwa Bewegung, kreative Aktivitäten oder echte soziale Begegnungen. Gleichzeitig können sich langfristige Veränderungen im Gehirn entwickeln.
Wann wird es kritisch?
Nicht jede Nutzung ist problematisch. Entscheidend ist, ob sich Veränderungen im Alltag zeigen. Dazu gehören anhaltende Unruhe, Schlafprobleme oder sozialer Rückzug. „Wenn der Medienkonsum beginnt, den Alltag zu bestimmen, oder die Stimmung deutlich beeinflusst, sollte man genauer hinschauen“, sagt Jacob.
Bewusster Umgang als Schlüssel
Ein bewusster Umgang mit sozialen Medien kann helfen, negative Effekte zu reduzieren. Dazu gehört, Nutzungszeiten zu reflektieren und gezielt Pausen einzuplanen. „Es geht nicht darum, soziale Medien grundsätzlich zu vermeiden“, betont Jacob. „Wichtig ist ein ausgewogenes Maß und die Fähigkeit, sich davon auch wieder zu lösen.“
Frühzeitig Hilfe suchen
Wenn psychische Beschwerden über längere Zeit anhalten, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein. „Psychische Gesundheit ist ein zentraler Bestandteil des Wohlbefindens“, sagt Jacob. „Je früher Belastungen erkannt werden, desto besser lassen sie sich behandeln.“
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