NTZ+ Logo Wendlingen

Warum viele Apotheken am Montag nur eingeschränkt öffnen

Viele Apotheken in der Region beteiligen sich am bundesweiten Protesttag am 23. März. Kunden müssen sich auf Einschränkungen einstellen. Hintergrund sind steigende Kosten und seit Jahren stagnierende Einnahmen. In Wendlingen bleibt die Versorgung dennoch gesichert.

Julia Wirth in der Wendlinger Rathaus-Apotheke. Foto: Philip Sandrock

WENDLINGEN. Wer am kommenden Montag eine Apotheke aufsucht, sollte sich auf Einschränkungen einstellen. Bundesweit beteiligen sich zahlreiche Betriebe am Protesttag der Apothekerschaft, auch in Baden-Württemberg folgen viele dem Aufruf des Landesapothekerverbands. Schaufenster könnten verhängt sein, mancherorts erfolgt die Ausgabe von Medikamenten nur über die Notdienstklappe, vereinzelt bleiben Apotheken ganz geschlossen. In Nürtingen etwa werden die Apotheken nur von 9 bis 12 Uhr geöffnet haben.

Hintergrund ist die wirtschaftlich zunehmend angespannte Lage der Branche. Seit mehr als 13 Jahren wurde die Vergütung für Apotheken nicht angepasst – obwohl steigende Kosten und eine politische Zusage zur Erhöhung den Druck weiter verschärfen.

Protest – aber mit Augenmaß

In Wendlingen wird der Protest zwar sichtbar sein, die Versorgung aber gesichert bleiben. Apothekerin Julia Wirth, die in der Stadt drei Apotheken betreibt, beteiligt sich an der Aktion am Montag, 23. März – allerdings bewusst mit Augenmaß. „Wir wollen unsere Patienten nicht hängen lassen“, sagt sie. Komplett schließen will sie ihre Häuser nicht, stattdessen setzt sie auf Plakate und Unterschriftenlisten. „Es ist wichtig, auf die Missstände hinzuweisen – aber genauso wichtig ist die Versorgung vor Ort.“

Dass diese Versorgung längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist, zeigt sich auch in der Region. In Unterensingen und Neckarhausen mussten Apotheken bereits schließen. „Wir sind in Wendlingen noch gut aufgestellt“, sagt Wirth – fügt aber hinzu: „Das ist keine Garantie für die Zukunft.“

Die Apothekerin betreibt seit 15 Jahren die Rathaus-Apotheke und die Apotheke am Markt – beide Häuser wurden bereits von ihren Eltern vor 53 Jahren aufgebaut. 2024 kam die Löwen-Apotheke hinzu. Gerade deren Geschichte steht exemplarisch für die Entwicklung der Branche: Die frühere Inhaberin arbeitet heute weiterhin im Betrieb – allerdings nicht mehr selbstständig, sondern als Angestellte. Wirtschaftlicher Druck und Personalmangel hatten zur Übergabe geführt.

Einnahmen seit 2013 unverändert

„Als größerer Betrieb können wir vieles besser auffangen“, erklärt Wirth. Doch auch größere Strukturen stoßen zunehmend an ihre Grenzen. Bürokratische Anforderungen und Dokumentationspflichten wachsen stetig, gleichzeitig fehlt qualifiziertes Personal. Vor allem pharmazeutisch-technische Assistentinnen (PTA) sind knapp. Dazu kommen stark gestiegene Kosten für Energie, Miete und Gehälter. „Wir hatten in den letzten Jahren Kostensteigerungen von rund 65 Prozent.“

Diese Entwicklung bestätigt auch der Apothekerverband: Seit 2013 sind Personal- und Sachkosten massiv gestiegen, während das Honorar pro abgegebener Medikamentenpackung unverändert bei 8,35 Euro liegt. Vorgesehen ist laut Koalitionsvertrag eine Anhebung auf 9,50 Euro – umgesetzt wurde sie bislang nicht.

In der Apotheke liegen Unterschriftenlisten aus. Foto: Philip Sandrock

Für Wirth ist das ein zentraler Punkt: „Wir haben seit über einem Jahrzehnt keine echte Steigerung unserer Einnahmen mehr.“ Lange habe die Branche das hingenommen. „Apotheker sind geduldige Menschen“, sagt sie – doch inzwischen sei die Grenze erreicht.

Jede fünfte Apotheke musste schließen

Die Folgen sind bereits sichtbar: Bundesweit hat fast jede fünfte Apotheke in den vergangenen Jahren aufgegeben, viele weitere wirtschaften nur noch an der Grenze oder schreiben Verluste. Besonders im ländlichen Raum droht sich die Lage weiter zu verschärfen.

Dabei geht die Arbeit von Apotheken weit über die reine Medikamentenausgabe hinaus. „Wir sind oft die erste Anlaufstelle bei kleineren Beschwerden und entlasten damit die Arztpraxen“, sagt Wirth. Hinzu komme die persönliche Betreuung: Viele Kunden seien seit Jahren bekannt, wodurch sich Risiken wie gefährliche Wechselwirkungen früh erkennen ließen – ein Vorteil gegenüber Versandapotheken.

Wie groß der organisatorische Aufwand inzwischen ist, zeigt sich auch im Betrieb selbst: In Wirths Apotheken arbeiten 36 Mitarbeiter – vom approbierten Apotheker bis hin zum Fahrdienst. Denn was viele nicht wissen: Medikamente können häufig auch vor Ort telefonisch oder online bestellt und noch am selben Tag geliefert werden. „Das ist oft sogar schneller als bei großen Versandapotheken“, sagt Wirth mit einem Schmunzeln.

Zugleich haben sich ihre Wendlinger Apotheken spezialisiert, um wirtschaftlich bestehen zu können. In der Rathaus-Apotheke liegt ein Schwerpunkt auf individuell hergestellten Krebsmedikamenten in Zusammenarbeit mit Onkologen. In der Apotheke am Markt spielt die Substitutionstherapie für Suchtkranke eine wichtige Rolle. Gerade bei hochpreisigen Medikamenten wird jedoch die Schieflage deutlich: „Ich muss diese Arzneien vorfinanzieren – und bekomme dafür am Ende 8,35 Euro.“

Hinzu kommt der Notdienst, der personal- und kostenintensiv ist: Alle Apotheken sind verpflichtet, regelmäßig einen 24-Stunden-Dienst zu übernehmen. Für Wirths drei Standorte summiert sich das auf 53 Notdienste im Jahr.

Vor diesem Hintergrund will sie den Protest nutzen, um auf die Bedeutung der wohnortnahen Versorgung aufmerksam zu machen. Unter dem Motto „Apotheken gibt‘s nicht zum Nulltarif“ können Kunden am Montag ihre Unterstützung zeigen. Für Wirth ist die Botschaft klar: „Eine funktionierende Apotheke vor Ort ist keine Selbstverständlichkeit – sondern ein wichtiger Teil der Gesundheitsversorgung.“

Zur Startseite

Werbeanzeigen TEST