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Von Nürtingen nach Norwegen: Anja Warich schreibt Wikinger-Romane mit starken Frauen

In ihren Büchern, die sie unter dem Künstlernamen Elin P. Mortensen schreibt, spiegelt sie gesellschaftliche Entwicklungen in ihrer Wahlheimat wider. Die Heldinnen ihrer Fantasy- und Mythologie-Geschichten begeben sich dabei auch auf feministische Reisen.

Als Elin P. Mortensen schreibt Anja Warich Romane zur Wikingerzeit und zur nordischen Mythologie. Foto: Andreas Warausch
Die nordische Kultur und Natur haben es Anja Warich angetan. Foto: privat
Elin P. Mortensen (links) mit ihren Kolleginnen von den „Töchtern des Nordwindes“ jüngst auf der Stuttgarter Buchmesse. Foto: privat
Elin P. Mortensen (rechts) mit ihrer Autorenkollegin Christina Krüger. Foto: privat

NÜRTINGEN. Die Frau, die da mit einem strahlenden Lächeln in einem Nürtinger Café sitzt, trägt für hiesige Gefilde bestimmt nicht ganz alltägliche Kleider. Mittelalterlich, nordisch muten ihr Gewand und die Accessoires an. Und auch ihren Namen hat sie in diese Richtung abgestimmt: Elin P. Mortensen nennt sie sich. Unter ihrem bürgerlichen Namen Anja Warich hat sie einst am Max-Planck-Gymnasium in Nürtingen das Abitur abgelegt. Nun aber lebt sie seit langer Zeit in Norwegen. „Kultur und Natur haben mich schon immer fasziniert“, sagt sie. Auch der Umstand, dass die Rollenbilder von Frau und Mann in Norwegen nicht so starr sind, war für sie schon immer anziehend. Und so schreibt sie eben als Elin P. Mortensen Romane, in denen ganz besondere Frauen die Hauptrolle spielen. Frauen, die in der Gesellschaft ihre eigene starke Rolle suchen – oder schon gefunden haben. Dabei spielen die Romane in Fantasy- oder Mythologie-Welten. Sagen das ihre Kleider aus?

Mit elf Jahren kommt die gebürtige Freiburgerin nach Nürtingen. Nach dem Abi studiert sie in Stuttgart. Elektrotechnik. Sie wird Ingenieurin. Nicht alltäglich für eine Frau damals, sagt die heute 58-Jährige. Weiter nach Frankreich. „Dort lernte ich den Norweger kennen“, sagt sie mit einem Schmunzeln über ihren Mann. Zurück in den Großraum Stuttgart. 2008 dann ziehen die passionierten Langläufer und Segler nach Oslo. „Das hat eine tolle Lebensqualität“, sagt Elin P. Mortensen.

Wikinger-Frauen waren eigenständiger

Doch nicht nur diese Äußerlichkeiten findet sie spannend. Das Selbstbewusstsein der Frauen dort sei groß. Ihr Auftreten entsprechend. Die ehemalige Nürtingerin sagt: „Schon in der Wikingerzeit hatten die Frauen einen eigenständigeren Status.“ Die Männer waren oft unterwegs, die Frau war Chef auf dem Hof, verwaltete auch das lebenswichtige Vorratsgebäude: „Der Schlüsselbund am Rock war dafür das Statussymbol.“ Das Leben war hart, vor allem im Winter, „die Natur war brutal“, sagt sie. Alle mussten mithelfen. Das habe auch heute noch Auswirkungen. Wer sich im Winter im Wald verläuft, könne leicht sterben. Das mache auch die Kinder eigenständiger, sagt die fünffache Mutter und zweifache Großmutter: „Die müssen sich erproben.“

Die Gleichberechtigung in der nordischen Gesellschaft inspirierte sie auch 2022 zu ihrem ersten Roman. Mittlerweile gibt es zwei „Lyrén“-Bände. Sie stellte sich die Frage, ob eine gleichberechtigte mittelalterliche Gesellschaft funktionieren würde. Im 13. und 14. Jahrhundert sei Norwegen von der europäischen Bildfläche verschwunden gewesen – und ihr fiktives Land Lyrén gerate auf dem restlichen Kontinent durch einen Schleier in Vergessenheit. Dadurch haben Alben und Magie noch eine Daseinsberechtigung, während der Rest des Kontinents im Würgegriff eines Ordens mit patriarchalischem Ein-Gott-Glauben verharrt.

Ab und an schläft die Familie im winterlichen Wald

Freilich greift der Orden auch nach Lyrén. Mira, die eigentlich königliche Schildmaid werden will, nimmt den Kampf um ein wichtiges Artefakt auf. „Sie wird in den Wäldern gejagt“, sagt Elin P. Mortensen – und weiß, von was sie schreibt. Schließlich sei sie selbst oft in den Wäldern unterwegs. Mira hat sie dafür literarische Skier angeschnallt. Bei bis zu minus zehn Grad schläft Mortensens Familie auch mal mit den Kindern draußen.

Insgesamt 2000-mal verkauft hat sie die „Lyréns“-Bücher, auch via E-Books. Oft werde sie nach einem dritten Band gefragt. Doch Elin P. Mortensen nahm sich Zeit für ein weiteres Herzensprojekt: „Mich fasziniert auch die nordische Mythologie.“ Also schrieb sie „Thrud – Göttin der Wikinger“. Sie stützte sich auf die ältere und neue Edda, auf die Skalden-Gedichte des 14. Jahrhunderts. Thrud ist die einzige Tochter von Chef-Gott Thor und Sif. „Über sie sagen die Quellen wenig“, weiß Elin P. Mortensen. „Thrud“ stehe auch für Kraft.

Der Roman sei düsterer und brutaler als ihre „Lyrén“-Fantasy, räumt sie ein. Und: „Das Buch wurde immer mehr zu einem feministischen Roman.“ Denn ihre Thrud beweist große Resilienz und emanzipiert sich von ihrem donnernden Vater. Findet sie sich da in dieser Geschichte auch selbst? „Frauenrechte sind mir wichtig“, antwortet sie. Mathe und Physik habe sie geliebt. Einen Männerberuf ergriffen. Als Kind und Jugendliche sei sie viel im Reitstall gewesen. Durfte sich als Mädchen dreckig machen und schuften. Elin P. Mortensen: „Am Ende habe ich Thrud in diese Frauenrolle eingepasst.“ Ihr Fazit zu ihren beiden bisherigen Themenkreisen: Thrud sei die Vergangenheit, während Lyrén zeige, wie sie heute ihre Rolle definiere.

Was sagen nun Kleider und Namen aus?

Und wie sieht dann ihr ganz realer, persönlicher Vergleich der Gesellschaften in Deutschland und Norwegen aus? „In Norwegen haben auch Männer Kinder“, sagt sie wieder mit dem ihr typischen Schmunzeln. In einer egalitären Gesellschaft müssten Männer auch zu Hause Stärke zeigen. Für Frauen sei Norwegen das bessere Land. Und auch für Kinder: Die würden in der skandinavischen Art ernster genommen und selbstständiger erzogen: „Das macht was mit den Menschen.“ Auch wenn sie einräumt, dass sie in der deutschen gesellschaftlichen Realität als Auswanderin, die ab und zu ihre Mutter in Neckartailfingen und ihren Sohn in Stuttgart besucht, nicht mehr so tief steckt. Dennoch glaubt sie, dass man in Deutschland oft noch an alten Mutter- und Frauenbildern festhalte. In „Lyrén“ habe sie so auch Geschichten von Familien und das norwegische Erziehungssystem gespiegelt.

Und was sagen nun Kleider und Namen aus? Der Künstlername soll ihre Identität als Autorin von ihrer Tätigkeit in ihrer Beraterfirma trennen – und natürlich auch ein bisschen besser zu ihren nordischen Romanstoffen passen. Und die Gewandung? „Das ist meine Kluft für die Messe“, sagt sie mit Blick auf die Stuttgarter Buchmesse, den Grund ihrer heimatlichen Stippvisite. Doch auch auf der Leipziger Buchmesse wird sie mit ihrem Mini-Verlag Nordlys Publishing und ihren beiden Kolleginnen von den „Töchtern des Nordwindes“ mit einem Stand vertreten sein und am Donnerstag, 19. März, um 12 Uhr in Halle 3 E401 aus „Thrud“ lesen.

Das grüne Oberteil sei eher männlich und mittelalterlich, beschreibt sie. Der Gürtel sei gemäß altem nordischen Kunsthandwerk mit typischem Muster geknüpft. Der Beutel sei norwegisch. Und dann lege sie auch noch den kleinen Holzbecher dazu an, den man in Norwegen zum Wandern trägt, weil man das Wasser der Bäche und Flüsse überall trinken könne. Der Schmuck wiederum gehört zum Bunad, der traditionellen norwegischen Tracht, die wieder im Kommen sei. „Den habe ich von der Schwiegermutter geerbt“, sagt sie nicht ohne Stolz. Eine Recherche habe ergeben, dass das Stück eine Nachbildung eines Goldschmucks sei, den man in einem Grab gefunden habe. Nicht nur mit ihren Romanen also verbindet Anja Warich als Elin P. Mortensen Tradition und Moderne.

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