Landkreis Esslingen
So geht es Pflegefamilien im Kreis Esslingen
Bereitschaftspflegefamilien springen ein, wenn Eltern ihre Kinder nicht gut versorgen oder gar misshandeln. Eine Familie aus dem Landkreis berichtet aus ihrem Alltag.
LANDKREIS ESSLINGEN. Vier kleine Kinder leben zusammen mit Anita und Jens D. unter einem Dach. Neben den beiden Enkelkindern des Paares gehören derzeit Safi und Omar (alle Namen geändert) zur Familie. Die beiden Brüder sind Familienzuwachs auf Zeit. Anfang Oktober nehmen die beiden das Geschwisterpaar nach einer Inobhutnahme in Bereitschaftspflege zu sich.
Der kleine Safi turnt durchs Wohnzimmer und ist ganz in sein Spiel vertieft. Sein älterer Bruder ist mit Anitas Enkelchen draußen und buddelt emsig Löcher in den Garten. Sie schaut für einen Moment zu und freut sich: Selbstständig spielen, sich beschäftigen, das taten die beiden Brüder anfangs nicht, erzählt die Pflegemutter.
Auch die Kommunikation mit den Zweien, die aus einem osteuropäischen Land stammen, gestaltete sich zu Beginn schwierig. „Aktuell haben sie keine Sprache, auch untereinander nicht“, erzählt die Mama auf Zeit. Bei den ukrainischen Kindern, die schon beim Ehepaar untergebracht waren, funktionierte die Verständigung mit dem Google-Translator. Bei Safi und Omar hatten sie damit jedoch keinen Erfolg, auch wenn Omar zumindest etwas spricht: „Ein Kauderwelsch aus Georgisch und Englisch“, vermutet Pflegevater Jens.
Verständigung über Google Translate
Inzwischen haben die Pflegeeltern trotz der Sprachbarrieren Zugang zu den beiden gefunden. „Mimik und Gestik sind international“, meint Anita. Wobei der kleine Safi anfangs nicht einmal darauf eine Reaktion zeigte: „Da konntest Du nichts erkennen“, schüttelt sie den Kopf. Ganz anders jetzt: Da strahlt Safi glücklich über das ganze Gesicht, als ihm Anita etwas hinhält.
Seit 2022 engagiert sich das Ehepaar in der Bereitschaftspflege. 14 Kinder kamen und gingen seither. Manchmal kommt der Familienzuwachs von jetzt auf gleich. „Da heißt es, flexibel sein und improvisieren können“, meint die Pflegemama. Oft kommen die Kinder mit wenig, meist nur mit dem, was sie am Leibe tragen. Wie das wenige Wochen alte Baby, dass Familie D vergangenes Jahr aufnahm: „Ein T-Shirt und Windeln hatte sie an, das war alles“, berichtet Jens D. „Kein Problem“, winkt Anita D. ab. Inzwischen hat die Familie Kinderkleidung in allen Größen vorrätig.
Kinder kommen nur mit dem, was sie anhaben
Die ersten Tage sind für Anita immer besonders intensiv: „Sie kommen so verloren hier an“, erzählt sie. Was die Kinder erlebt haben, erfahre sie selten: „Wir sind froh, wenn wir zumindest grobe Informationen haben, was los ist“, meint die Pflegemutter. Der Bindungsabbruch, den die Kinder erfahren mussten, sei aber immer zu spüren. Bei jedem neuen Fall heißt es deshalb, sich einfühlen, Halt geben. „Ich fange immer wieder bei null an“, sagt die erfahrene Pflegemutter.
Zusammen mit ihrem Mann und ihrer erwachsenen Tochter, die bei ihnen lebt, versucht sie, den Neuankömmlingen den Start in das Zuhause auf Zeit zu erleichtern. Vertrauen und Wärme sind für Anita dabei der Schlüssel. Weh tut es der Mutter vor allem, wenn man den Kindern nicht erklären kann, warum sie aus ihrer gewohnten Umgebung und von ihren Eltern getrennt sind. „Ich sage meistens, sie sind auf Ferien bei uns“, sagt Anita D.
Zehn, manchmal auch 14 Tage dauert es in der Regel, bis die Pfleglinge angekommen sind. Beim Einleben helfen verlässliche Strukturen. Entsprechend ist der Alltag bei Familie D. durchgetaktet. Ab 6.30 spätestens 7 Uhr sind die Kinder wach. „Dann geht‘s toujours rund“, meint die Pflegemama und Oma. Ganz wichtig sei das Frühstück, erzählt sie. „Essen ist immer das Nonplusultra“, stimmt ihr Mann zu. Frisch zubereitetes Essen, Selbstgekochtes kennen die wenigsten ihrer Schützlinge. „Spätzle kann man gar nicht so schnell schaben, wie sie weggeputzt werden“, lacht Jens.
Ein durchgetakteter Alltag hilft den Kindern
Am Vormittag ist Spielzeit, der Enkel geht in den Kindergarten. Der vierjährige Omar hingegen bleibt daheim bei Anita: „Dabei wäre es für seine sprachliche und soziale Entwicklung gut, auch in den Kindergarten gehen zu können“, meint die Pflegemutter. Doch Plätze sind in Köngen rar, der Junge zudem nicht hier gemeldet. Keine Chance, ihn in einer Einrichtung unterzubringen, bedauert Anita.
Nach dem Mittagessen und der Mittagsruhe geht es in der Regel an die frische Luft. Mit dem Laufrad powern sich die Kleinen aus, es geht zum Klettern und Rutschen auf den Spielplatz. Viele ihrer Zöglinge kennen so etwas gar nicht, musste die Mutter in den knapp drei Jahren ihres Einsatzes in der Bereitschaftspflege feststellen. Spiele wie Puzzles, kleine Ausflüge – für die meisten ihrer Pflegekinder war das alles Neuland. Vom Fernseher oder Tablett sind sie hingegen kaum wegzubekommen. „Sie zu beschäftigen ist deshalb anfangs unheimlich schwierig“, sagt Anita.
Keine Chance auf einen Kindergartenplatz
Entsprechend verzögert in ihrer Entwicklung sind die Kinder, die zu Anita und Jens kommen. Vor allem im Vergleich zu den eigenen Enkelkindern fallen den beiden die Defizite besonders auf. Motorisch, sprachlich, aber auch im sozialen Miteinander hängen die Pflegekinder weit zurück. „Es ist enorm, welche Fortschritte sie machen“, erzählt Anita. Sie würde sich freuen, wenn die Eltern aus der Bereitschaftspflege besser unterstützt würden und zum Beispiel vom Sozialpass profitieren könnten. „Diese Geste fände ich gut“, wünscht sie sich, dass die Politik die wichtige Arbeit der Bereitschaftspflegefamilien besser im Blick hat. Dabei geht es der Pflegemutter gar nicht um großartige Events: „Aber mal ins Schwimmbad oder in die Wilhelma.“
Am frühen Abend gibt es noch mal ein gemeinsames Essen, dann werden die Kinder ins Bett gebracht. Ein Fulltime-Job, den Anita D. da leistet. „Man muss voll und ganz da sein“, meint sie. Die Kinder sollen bei ihr spüren, dass sie wahrgenommen und versorgt werden. „Sie sollen bei uns zur Ruhe kommen und sich selbst positiv erleben“, umschreibt es Anita D.
Ohne den Rückhalt aus der eigenen Familie ist das kaum zu leisten. Unterstützt wird sie von ihrer Tochter und ihrem Mann. Jens nimmt die Kleinen zum Beispiel mit in die Werkstatt, wo sie schrauben und basteln können. Dann bleibt für Anita Zeit zum Durchschnaufen.
Mehr Anerkennung wäre schön
Sehr positiv bewerten die Eheleute die Unterstützung, die von Amtsseite kommt. „Wir haben eine gute Kooperationsbasis“, sind die beiden sich einig. Probleme kommen oft von außen. Insbesondere die Eltern der Kinder sehen die Familie D als Gegner. Bei den Kontakten wird sie schon mal angefeindet, berichtet Anita D. Rückmeldungen von den Familien gebe es nie.
Für die Betreuung der Pflegekinder erhalten Jens und Anita Pflegegeld, der die Versorgung der Pfleglinge abdeckt, plus eine Anerkennungszahlung. Finanzielle Aspekte spielen für die beiden jedoch keine Rolle bei der Übernahme Bereitschaftspflege. „Ich liebe Kinder über alles“, sagt sie aus vollem Herzen. Neben ihrer leiblichen Tochter zog die Familie einen Pflegesohn groß. Nun sind die Kinder erwachsen. Als der Krieg in der Ukraine ausbricht und vor allem die Kinder unter den Auswirkungen und Flucht zu leiden haben, beschließt Anita D. deshalb, ihre Hilfe anzubieten. „Und nach dem ersten Kontakt zum Sozialen Dienst ging dann alles ganz schnell“, erzählt sie. Von ihren Schützlingen bekommt die Vollblut-Mama ganz viel zurück: „Sie fassen so schnell Vertrauen und geben einem so viel zurück“, erfüllt sie die Aufgabe als Pflegemutter auf Zeit immer wieder aufs Neue.
Die Kinder bleiben maximal ein halbes Jahr
Maximal sechs Monate bleiben die Kinder bei den Bereitschaftspflegefamilien. Danach geht es für die Schützlinge weiter. Günstigenfalls hat sich in dieser Zeit die Situation in der Familie so weit stabilisiert, dass die Kleinen zurück in die Obhut der Eltern können. Für Anita ist das der schönste Ausgang einer Pflegschaft. Gelingt es nicht, sucht das Amt für die Kinder eine Unterbringung in einer Dauerpflegefamilie.
Fällt es nicht schwer, die Kinder gehen zu lassen? Anita D. schüttelt den Kopf und lacht: „Die Frage höre ich immer wieder“, meint sie. Klar falle der Abschied bei dem einen oder anderen Kind schwerer, gibt sie zu. Wenn sie sich von den Kindern verabschiedet, tue sie dies aber im Wissen, dass sich ihre Situation verbessert hat. „Die Kinder kommen mit einem leeren Rucksack, den wir mit Liebe und Vertrauen füllen. Das stärkt sie fürs ganze Leben“, ist sie überzeugt.