Nürtingen
Ein emotionales Wiedersehen
Zum 50. Jahrestag treffen sich die Pflegeeltern Kress mit ihren ehemaligen Pflegetöchtern
Vor 50 Jahren entschieden sich Ursula und Andreas Kress dazu, junge schwerhörige Mädchen bei sich zu Hause aufzunehmen. Damals waren sie die jüngsten Pflegeeltern in Nürtingen. Nun gab es ein Wiedersehen mit drei ihrer fünf Pflegekinder.
NT-REUDERN. Ein halbes Jahrhundert ist es her: Im Jahr 1969 war Ursula Kress 22 Jahre alt, ihr Mann Andreas 27 Jahre. Zu der Zeit kamen viele schwerhörige Kinder aus ganz Deutschland nach Nürtingen, um die heutige Johannes-Wagner-Schule zu besuchen. Ein Internat für Auswärtige gab es noch nicht, und da die Schülerzahlen stetig stiegen, wurden die Schülerinnen und Schüler in Pflegefamilien untergebracht.
Meist meldeten sich ältere Ehepaare, deren eigene Kinder bereits ausgezogen waren und die deshalb ein freies Kinderzimmer hatten. Ursula Kress hatte eine andere Motivation: Sie meldete sich auf die Zeitungsanzeige, weil sie sich gut in die Kinder hineinversetzen konnte, da sie selbst seit ihrem achten Lebensjahr schwerhörig ist. Außerdem war ihr Kinderwunsch bis zu diesem Zeitpunkt unerfüllt. Die Kinder waren meist zwischen sechs und acht Jahre alt, als sie zu den Pflegefamilien kamen. Sie blieben dort bis zu ihrem Schulabschluss. Die Schülerinnen und Schüler konnten die Mittlere Reife erreichen.
„Natürlich hatten die Kinder oft Heimweh und fühlten sich fremd“, erzählt Ursula Kress. Deswegen nahmen sie, sofern es möglich war, zwei Schülerinnen gleichzeitig auf, damit sie sich nicht so einsam fühlten. Sie unternahm auch so viel wie möglich mit ihren Pflegekindern, nach der Schule setzten sie sich immer zusammen und erzählten sich gegenseitig von ihrem Tag und tranken Tee.
Die erste Pflegetochter der Kress’ war Maria Knehr aus Burlafingen bei Neu-Ulm. Ein paar Jahre später, nachdem die Schule in das heutige Gebäude in der Braike umgezogen war, stieß Beate Krüger aus Rümmelsheim in Nordrhein-Westfalen dazu. Nachdem Beate Krüger ihre Schullaufbahn beendet hatte, wurde Kerstin Schmidt aus Waldachtal im Schwarzwald aufgenommen. Als dann Maria Knehr ihre Pflegefamilie nach dem Schulabschluss verließ, kam Brigitte Mack aus Langenau als neues Familienmitglied hinzu.
Kerstin Schmidt und Brigitte Mack zogen dann mit Ursula und Andreas Kress in ein anderes Haus um, daraufhin kam Waldtraud Lingh aus Stuttgart als letzte Pflegetochter in die Familie. 1981 kam dann die leibliche Tochter der Eheleute Kress auf die Welt – und sie hatte dann gleich drei große Geschwister in ihrer Familie.
Die Pflegetöchter wurden jeden Morgen von einem Schulbus abgeholt, dieser brachte sie am Nachmittag auch wieder zurück nach Reudern. Zweimal in der Woche hatten die Mädchen Mittagsschule, dann aßen sie in der Mensa zu Mittag. Ursula und Andreas Kress halfen ihnen dann anschließend bei den Hausaufgaben und verbrachten den restlichen Tag mit ihnen.
Jeden Mittwoch gab es einen Spieleabend
„Wir hatten eine tolle Zeit miteinander“, schwärmt Ursula Kress, die von ihren Pflegekindern liebevoll „Uschi“ genannt wird. „Wir haben jeden Mittwoch zusammen einen Spieleabend veranstaltet und verschiedene Brettspiele gespielt. An diesen Abenden war der Fernseher tabu“, erinnert sie sich. An Wochenenden und in den Ferien wurden die Schülerinnen anfangs immer von ihren Eltern abgeholt, bis es später dann einen Bus gab, der größere Städte anfuhr und die Eltern dann keinen großen Weg mehr zurücklegen mussten.
Das Haus der Eheleute Kress ist auch extra für Schwerhörige ausgestattet: wenn jemand an der Tür klingelt, gehen im ganzen Haus Lampen an. Wenn das Telefon klingelt, blinkt es auch grell auf. Fernsehen ist auch kein Problem mehr, denn sie haben einen Verstärker unter dem Fernseher stehen, von diesem geht ein Kabel durch das ganze Haus, ein sogenannter Induktionsverstärker, dadurch kann Ursula Kress ihr Hörgerät umstellen. Dann kann sie alles, was im Fernsehen gesprochen wird, verstehen.
„Das Wiedersehen war etwas Besonderes. Wir haben unsere ehemaligen Pflegetöchter zum Essen eingeladen, unsere Tochter, ihr Mann und unsere Enkeltochter waren auch dabei. Wir haben uns stundenlang unterhalten, dabei verging die Zeit wie im Flug“, erzählt Andreas Kress.
An diesem Tag wurden Beate Krüger und Brigitte Mack schmerzlich vermisst, beide leben nicht mehr. Heute arbeitet Maria Knehr als technische Zeichnerin, Kerstin Schmidt ist in der Wasserwirtschaft tätig und Waldtraud Lingh arbeitet bei einem Sozialamt als Büroangestellte.
„Obwohl noch kein weiteres Treffen geplant ist, sind wir uns sicher, dass es nicht das letzte war“, so Andreas Kress. „Durch soziale Medien wie Whatsapp sind wir auch in ständigem Kontakt miteinander und verlieren uns nicht aus den Augen.“