Neuffen
„Sein Wald“, seine Welt: Neuffens Revierförster Ralf Schuster nimmt seinen Hut
Nach 37 Jahren geht Ralf Schuster in den Ruhestand. Doch die Liebe zu „seinem Wald“ ist ungebrochen. Auf einem Streifzug verrät er uns seine Lieblingsorte und welche Erfahrungen ihn besonders geprägt haben.
NEUFFEN. „Jetzt haben sie mich aus meinem eigenen Wald ausgesperrt“, sagt Ralf Schuster. Er hat gerade versucht, das Tor zum Munitionsdepot zwischen Beuren und Nürtingen zu öffnen. Vergeblich. Er rüttelt noch einmal an der Stahlkette, trottet dann unverrichteter Dinge zum Auto zurück und startet den Motor. „Fahr ich halt unten rum“, murmelt er. Ein schelmisches Grinsen blitzt durch seinen weißen Rauschebart. So schnell trennt Ralf Schuster nichts von „seinem Wald“. Auch kein Vorhängeschloss.
Wirklich ausgesperrt hat ihn natürlich niemand. Das Schloss versagt nur seinen Dienst. Und Schuster gehört „sein Wald“ auch nicht. Die Gemeinden Neuffen, Beuren, Kohlberg und Frickenhausen sind die Eigentümer. Doch die Verwaltungschefs des Neuffener Tals drücken wohl ein Auge zu, wenn Schuster spaßeshalber Besitzansprüche erhebt. Fast vier Jahrzehnte hat er als Revierförster ihre Wälder gepflegt. Nun übergibt er den Stab an seinen Nachfolger Lukas Scheuter.
Förster war sein Kindheitstraum
Manche Kinder wollen zur Feuerwehr, andere träumen von einer Karriere als Polizist oder Arzt. Für Schuster war immer klar: Es muss der Wald sein. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, verschwand er schon als Kind immer zwischen den Bäumen, wenn er nicht gerade in ein Buch vertieft war.
Er verwandelte seinen Kindheitstraum in eine Karriere. In Rottenburg studierte Schuster an der Hochschule für Forstwirtschaft. Mit 25 Jahren wurde er Leiter des Neuffener Reviers. Es blieb seine erste und einzige Station. „Seinem Wald“ war er immer treu.
Nach 37 Jahren hat ein Baum nicht einmal das erste Drittel seines Lebens hinter sich. In Menschenjahren so lange im gleichen Beruf und an derselben Stelle zu arbeiten, ist heute fast unglaublich.
Würde Schuster sagen, er kenne jeden Baum in seinem Revier persönlich, man würde es ihm glauben. Doch fragt man ihn nach seinem Lieblingsort im Wald, gerät er ins Grübeln. „So richtig weiß ich das gar nicht“, sagt er und schaut aus dem Fenster seines Büros. „Aber ich würde sagen, wir fahren einfach mal los.“
Ab in den Wald
Einige Minuten später tritt er aus der Tür in seine Garage und bittet ins Auto. Er trägt einen Hut mit breiter Krempe, Gummistiefel und Handschuhe. Auf seiner Brust prangt das Wappen Baden-Württembergs. „Forst“ steht darüber unmissverständlich.
Über Feldwege lenkt er seinen Wagen durch Vulkanlandschaften, Wiesen und Baumreihen. Jeden Jogger, Spaziergänger oder Arbeiter, der ihm begegnet, grüßt Schuster per Handzeichen. Auf einigen Gesichtern breitet sich ein Lächeln aus. Mancher nickt kurz, als wolle er sagen: „Willkommen zurück.“
Nach dem erfolglosen Kampf mit dem Vorhängeschloss steuert Schuster das Munitionsdepot über die Deponie Blumentobel an. Viele der einstigen Bunker auf dem Bundeswehrgelände sind mit meterdicken Erdschichten überzogen. Es wirkt, als schwappe die Natur langsam über die Betonbauten und verleibe sie sich ein. Bis 2029 soll das Gelände komplett renaturiert werden. Ein Mammutprojekt für Schuster. So richtig zufrieden zeigt er sich mit der Wahl seines Lieblingsplatzes allerdings nicht. Es geht weiter.
Die Verwüstung ist noch heute zu sehen
Spätestens nach der vierten Abzweigung im Wald verliert jeder Normalsterbliche die Orientierung. Schuster weiß jedoch wohin. Eine Kurve links, eine Kurve rechts. Dann säumen entwurzelte Stämme den Wegesrand.
„Das Aufregendste waren immer die Holzversteigerungen“, erzählt der Förster, wenn man ihn daheim in seinem Büro auf die einschneidenden Erfahrungen der 37 Jahre anspricht. „Besonders vor zwei Jahren. Damals hatten alle Angst, dass sie wegen Putin kein Gas bekommen.“
„Und dann natürlich Weihnachten 99“, fügt Schuster hinzu. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück und scheint durch die Wand zu starren. Damals fegte Orkan Lothar über Deutschland. Besonders in Frickenhausen richtete er enormen Schaden an. Es fielen so viele Bäume, wie normalerweise in sieben Jahren geerntet werden. Kurz hat man den Eindruck, Schuster nehme es dem fremden Sturm mit dem Männernamen etwas persönlich, dass er da so in „seinem Wald“ gewütet hat.
Doch schon bei den Erinnerungen an die Aufräumarbeiten werden die Fältchen um seine Augen zu tiefen Furchen und sein einnehmendes Lächeln macht sich breit. „Da waren Arbeiter aus der ganzen Welt da“, sagt er. Besonders an die trinkfreudigen Finnen erinnere er sich. Einer sei am letzten Tag vom Harvester gefallen und habe sich die Schulter ausgekugelt. „Drei Stunden später wäre sein Flug gegangen. Also haben sie ihn kurz in Nürtingen wieder eingerenkt und dann ist er ab in den Flieger“, erzählt Schuster und lacht.
Das Gewehr hat er gegen Bienenstöcke getauscht
Die entwurzelten Stämme am Wegesrand sind Zeugen dieser Zeit. Einige Meter weiter im Wald tut sich ein kleiner Platz auf. Den Hang säumen junge Douglasien. Das Licht bricht durch die dichten Kronen. Am Fuß eines Baumstamms liegen einige Metallbrocken. „Hier wurde das wohl früher im Wald verhüttet“, sagt Schuster. Was da unscheinbar im Gras liegt, sind Zeitzeugen des Mittelalters.
Etwas weiter stehen Schusters Bienenstöcke. In dicke Planen eingepackt, warten sie auf den Sommer. Vor einigen Jahren hat er die Jagd gegen das Imkerdasein eingetauscht. Natürlich habe er nie für die Trophäen geschossen, berichtet er. Einige habe er aber dennoch aufgehängt. Die heute blanken Wände seines Büros zierten früher unzählige Felle. Wegen der Stauballergie seiner Frau habe er sie aber weggegeben. „Und ich bin auch einfach so verfroren geworden“, sagt er. „Das stundenlange Warten ist nichts mehr für mich.“
Im Auto legt sich Schuster dann fest. „Was mir schon immer gefallen hat, ist Licht und Sonne. Deswegen liebe ich die Waldränder am meisten“, sagt er und fügt hinzu: „Das ist so ein Grenzgebiet. Da treffen zwei Biotope aufeinander.“ Der Rand also. Je nach Sichtweise geht es dort entweder erst richtig in den Wald hinein oder heraus. Für einen Förster am Ende seines Berufslebens fast schon poetisch.