Nürtingen
Nürtinger Revierförster Richard Höhn an seinem Lieblingsplatz
Kurz bevor der langjährige Nürtinger Revierförster Richard Höhn sich in den Ruhestand verabschiedet, zeigte er noch seinen Lieblingsplatz im Stadtwald – gut versteckt im Tiefenbachtal.
NÜRTINGEN. „Da vorne ist es, in der Klinge“, sagt Richard Höhn und stellt den VW-Pritschenwagen am Wegesrand ab. Wir halten hoch über dem Tiefenbachtal in der Abteilung „Rutsch“. Im nasskalten Winternebel ist die Talsohle mit dem namensgebenden Bach nur zu erahnen.
Alte Bäume stehen hier – vor allem Eichen und Buchen. „Die Eschen hat es leider fast alle umgehauen“, sagt Höhn, als wir durchs Unterholz auf das enge Tal zugehen. Mächtige, alte Bäume stehen am steilen Hang. „Die Bäume sind alle mindestens 150 Jahre alt“, sagt Höhn.
Es sei ein Riesenglück, dass sie noch stehen, sagt der Förster, als wir durch die Bäume gehen. „Als ich 1994 die Stelle als Revierförster antrat, waren die Bäume hier alle schon ausgezeichnet“, so Höhn. Sein Vorgänger hatte die Bäume zum Fällen markiert. Doch niemand wusste, wie man die Bäume danach aus der steilen und engen Klinge holen soll. „Also beschloss ich, die Bäume stehen zu lassen.“ Bei der nächsten Waldinventur wurde das 15 Hektar große Areal aus der forstlichen Nutzung genommen – und schließlich als Waldrefugium geschützt.
Es ist schwer, Förster Höhn über sich erzählen zu lassen – er lässt lieber die Bäume über sein Wirken erzählen. Es sei schließlich so, dass man oft erst zur Rente sehe, was man zum Beginn seiner Laufbahn richtig oder falsch gemacht habe. Seit 1987 ist Höhn im Landkreis unterwegs – damals kam er als Büroleiter zur Forstverwaltung, die, einige Reformen früher, noch eine Landesbehörde war. Dann ging die Forstverwaltung im Jahr 2005 an die Landkreise, bis das Bundeskartellamt dem vermeintlichen Holz-Verkaufsmonopol der Förster einen Strich durch die Rechnung machte. Seitdem werden Staatswald, Kommunalwald und Privatwald von unterschiedlichen Förstern betreut. Was Höhn von dieser Reform hält, möchte er lieber nicht in der Zeitung lesen. Aber darum geht es bei der gemeinsamen Waldtour auch nicht.
Wir sind an Höhns Lieblingsort: die Abteilung „Rutsch“, mit den großen, alten Bäumen. Denn dort gebe es nicht nur Wald pur – das Gelände hat seit mindestens 50 Jahren keine Motorsäge gesehen. Bäume die absterben bleiben liegen und bilden so den Lebensraum für Pilze, Pflanzen und Tiere. Ein gewaltiger Dachsbau zeugt davon, dass Grimbart hier in Ruhe graben kann.
Aber im Boden der Waldabteilung schlummert Bergbau-Geschichte. Wer schon einmal mit Förster Höhn unterwegs war, weiß um sein Faible für historische Spuren im Wald: keltische Viereckschanzen, Hügelgräber, Klosterruinen. Höhn liebt die kleinen und großen Geheimnisse, die der Wald einhüllt.
Am Steilhang schiebt Höhn mit seinem Schuh das Laub und ein paar Zentimeter Humus weg – darunter liegen seltsame schwarze Steinbrocken mit Schmelzspuren. „Das sind Schlacken“, sagt Höhn. „Hier standen Rennöfen, um Eisen zu verhütten“. Die Alemannen und die Franken hätten vom 6. bis zum 9. Jahrhundert in der Region Eisensandstein abgebaut. Neben den Schlackehügeln im Wald könnte ein Steilhang einst ein Abbaugebiet gewesen sein. Oberhalb der Stelle finden sich Trichtergruben, sogenannte Pingen, die ein Indiz dafür sind, dass hier einmal nach erzhaltigem Gestein gesucht wurde. Die höchste Aktivität in Sachen Eisenverhüttung habe es im Tiefenbachtal allerdings in der Stauferzeit bis ins 13. Jahrhundert gegeben, bis die Bergleute zu ergiebigeren Quellen weiterzogen. „Damals wurde hier das gesamte Holz zu Holzkohle verarbeitet“, sagt Höhn. Man könne sich kaum vorstellen, dass damals alles hier zur Eisenverhüttung kahlgeschlagen wurde.
Entwaldete Flächen sind in der heutigen nachhaltigen Forstwirtschaft tabu – zumindest menschengemachte. Manchmal treffen aber auch die Naturgewalten den Wald gnadenlos: Wie an Weihnachten 1999, als der Orkan „Lothar“ über Baden-Württemberg fegte und dabei auch im Nürtinger Stadtwald seine Spuren hinterließ. In der Nähe von Reudern wurde eine ganze Waldfläche von „Lothar“ umgelegt. „Es war ein brutaler Sturm“, sagt Höhn, der damals in seinem fünften Dienstjahr als Revierförster war. Man habe damals beschlossen, die Fläche – es waren vor allem Fichten, die „Lothar“ umwarf – der sogenannten „Naturverjüngung zu überlassen. Also zu schauen, was die Natur dort an Bäumen wachsen lässt. 22 Jahre später ist Höhn mit dem Ergebnis zufrieden: statt einer Fichten-Monokultur wie vor dem Sturm wachsen dort nun Eichen und Buchen, vereinzelt Douglasien und der eine oder andere Exot, also seltene Bäume, die vom Förster gesondert markiert werden. „Wir haben hier wieder einen gesunden Wald stehen“, sagt Höhn. Die Förster greifen nur wenig ein, suchen Bäume aus, die stehen bleiben können und lichten den Wald behutsam aus, sodass dort nachher nicht nur wertvolles Langholz, sondern auch Lebensraum für Tiere und Pflanzen entsteht. „Das hat nicht überall geklappt“, räumt Höhn ein. An andere Stelle sei die geplante Naturverjüngung einer Douglasien-Plantage gründlich schiefgegangen. Dort wo Licht hinfiel wuchs das Gras schneller als die Laubbäume, der dichte Schatten der Nadelbäume tat sein Übriges dazu. Jetzt lasse man die Abteilung eben stehen. An anderer Stelle sei die Naturverjüngung zu großflächig erfolgt. Einen Wald, bei dem alle Bäume gleich groß sind, will der Förster eigentlich auch nicht haben. Deshalb achte man heute darauf, auch „Lücken“ zu lassen, wo es sinnvoll erscheint, um den Wald nicht zu gleichförmig werden zu lassen.
Zu beinahe jeder Stelle, an der wir auf der kleinen Waldrundfahrt mit dem Förster vorbeikommen, kann Höhn etwas erzählen, Man hört von Bauunternehmern, die Waldwege in ihrem Jagdrevier asphaltierten, „Wildschweinautobahnen“ in Bachtälern, stapft über alte Klostermauern durchs Unterholz und umarmt Mammutbäume.
Bald wird Höhn in den Ruhestand verabschiedet, aber auch schon dafür hat er Pläne: Die Geschichte seines Lieblingsplatzes hat es ihm angetan. Er will als Pensionär unbedingt weiterrecherchieren, wie es um die Eisenverhüttung im Nürtinger Stadtwald einst stand. Sein Ziel: ein Buch über die historische Nutzung des Waldes. Man wird vermutlich also noch einiges hören oder besser lesen vom Förster, den es eigentlich an den Bodensee zog, der aber irgendwie zwischen Alb und Neckar seine Heimat gefunden hat.
NT-Reudern | 27.12.2021 - 05:30
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NT-REUDERN. Die Jugend des Posaunenchors Reudern sammelt am Samstag, 8. Januar, Christbäume gegen eine kleine Spende für die Jugendarbeit ein. Die Bäume sollten ab 9.30 Uhr, mit dem Namen versehen, auf dem Gehweg abgestellt werden. pm