Neuenhaus
Sandstein aus dem Schönbuch für das Ulmer Münster
Geheimnisse des Waldes: Mit Revierförster a. D. Günther Schwarz auf den Spuren des Schlaitdorfer Stubensandsteins. Die meisten dieser Steinbrüche sind heute Geschichte. Doch im Wald südwestlich von Neuenhaus wird seit 2015 wieder Material abgebaut, mit dem das Ulmer Wahrzeichen saniert wird.
AICHTAL-NEUENHAUS. Man muss schon ganz genau hinschauen, aber dann finden sich am Betzenberg im Wald zwischen Aich und Schaich immer wieder Zeugnisse des Sandsteinabbaus früherer Tage. Vor allem in den zahlreichen Klingen, die typisch sind für den Schönbuch, also Stellen, an denen sich das Wasser seinen Weg in die Landschaft gegraben hat, wurden immer wieder Felsblöcke freigespült, erklärt Günther Schwarz. Bruchstücke und Findlinge zeugen noch heute davon, dass hier einst Sandstein bearbeitet wurde. Am Wegesrand des Schaichbergsträßles, nur wenige hundert Meter im Wald nach den Sportplätzen von Neuenhaus, zeigt Schwarz auf einen überwucherten halbrunden Stein: Ein Mühlstein, der offenbar nicht fertig wurde oder zerbrochen ist, und dort der Nachwelt einen Hinweis gibt, dass sich hier einmal eine Abbaustelle befand. Das Loch in der Landschaft dahinter ist noch gut zu erkennen.
Der sogenannte Stubensandstein ist ein Hauptbestandteil des Betzenbergs, berichtet Schwarz. Der einstige Revierförster kennt das Gebiet zwischen Dettenhausen, Waldenbuch und Aichtal-Neuenhaus wie seine Westentasche. Von 2005 bis zu seiner Pensionierung 2013 war er speziell für den Betzenberg zuständig: „Da habe ich dieses Gebiet als etwas Besonderes schätzen gelernt“, sagt der 77-Jährige. Davor war er in seiner Laufbahn unter anderem bereits 16 Jahre Revierförster für Waldenbuch und Steinenbronn gewesen.
Der Steinbau hatte einst große Bedeutung in der Gegend
Der Steinbau hatte für die Bevölkerung einst eine große Bedeutung, sagt Schwarz. Zu Mühlsteinen oder Bausteinen verarbeitet, war der Stubensandstein eine wichtige Erwerbsquelle. An den heute noch auffindbaren Resten könne man erkennen, wie die Steine damals bearbeitet wurden. In mühsam geschlagene Schlitze wurden Haselnussruten geschoben und gewässert, bis sie aufquollen und so eine Sprengkraft entfalteten, erklärt der langjährige Revierförster.
Dann geht es weiter zum eigentlichen Grund unseres Treffens: Denn seit 2015 wird im Gewann Oberer Neubronnen Stubensandstein für das Ulmer Münster abgebaut. Teile der Kirche sind aus Sandstein, der Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Schlaitdorfer Höllsteinbruch, aber auch aus weiteren Abbaustellen dieser Region in großen Mengen nach Ulm geliefert wurde. So ist in einem Bericht des Landesamts für Geologie, Rohstoffe und Bergbau Baden-Württemberg nachzulesen. Der Schlaitdorfer Stubensandstein diente demnach bei der Ulmer Kirche für tragende Elemente wie Strebebögen und -pfeiler sowie als wichtiger Baustein für die Erhöhung des Hauptturms auf 161 Meter.
Doch an dem Münster nagt der Zahn der Zeit. Bei der Renovierung möchte man den speziellen Stubensandstein möglichst originalgetreu wieder einsetzen. Der ist allerdings nicht mehr so leicht aufzutreiben. Die alten Steinbrüche sind längst stillgelegt. Der Schlaitdorfer Bruch gehörte dabei zu den bekanntesten Stubensandsteinbrüchen im Ländle. Daher rührt auch der Name „Schlaitdorfer Stubensandstein“, der synonym für den ganzen Sandstein in dieser Gegend verwendet wurde, wie Schwarz zu berichten weiß. Auch die größeren Brüche, die es in Oberensingen nördlich der Aich gab, sind schon lange aufgelassen.
Aufwendige Suche nach geeigneten Steinen
Die Suche nach adäquaten Steinen für die Renovierung des Ulmer Münsters gestaltete sich aufwendig. „Die Denkmalschützer sagten, es müsse derselbe Stein sein wie damals“, berichtet Günther Schwarz. Dem Abbau eines zunächst ins Auge gefassten Vorkommens bei Filderstadt-Plattenhardt habe das Landratsamt Esslingen eine Absage erteilt, mit der Begründung, eine solche Baustelle sei den von der Landesmesse arg gebeutelten Bürgern nicht zu vermitteln.
So wurde nach weiteren Stellen gesucht. Rings um Dettenhausen gab es einst ebenfalls zahlreiche Steinbrüche. Der letzte wurde bis etwa 1970 betrieben. Der Stein aus Dettenhausen sei für seine Tauglichkeit als Baumaterial bekannt, sagt Schwarz. Denn beim Sandstein kommt es auf die chemische Zusammensetzung an. Sie bestimmt unter anderem, wie hart und wetterbeständig der Stein ist.
Probebohrungen an einer ehemaligen Abbaustelle im Forst zwischen Waldenbuch und Dettenhausen im Mai 2012 versprachen zunächst Erfolg. Doch bei der aufwendigen Untersuchung herausgesägter Blöcke im Labor wurde festgestellt, dass im Stein Klüfte und Risse sind, berichtet Schwarz. Das Material des Flözes war damit ungeeignet für die Bearbeitung durch den Steinmetz. Bei weiteren Bohrungen im Jahr 2013 landete man nur wenige hundert Meter entfernt dann einen Volltreffer: eine besonders mächtige Sandsteinbank, die genau zum Anforderungsprofil passte.
Fundstelle mitten im Wald
Seit 2015 wird dort nun Stubensandstein für das Ulmer Münster abgebaut. Gearbeitet werden darf nur außerhalb der Vegetationszeit, im Winter. Die Quader werden mit großen Sägen herausgesägt und mit hohem Wasserdruck auseinander gepresst und so herausgelöst. Der dafür gerodete Wald an dieser Stelle sei vertretbar, sagt Schwarz: „Hier entsteht ein neues Biotop.“ Die Steilwände des Sandsteins böten einen Lebensraum für bestimmte Tiere und Pflanzen, die es sonst hier nicht gäbe. Schon heute kann man dies an einigen Stellen erkennen, die sich die Natur bereits zurückerobert hat.
Wer sich auf die Suche nach der Abbaustelle machen möchte, muss nur dem Herzog-Jäger-Pfad folgen, ein 13,7 Kilometer langer Premiumwanderweg bei Waldenbuch, der von Günther Schwarz mitentwickelt wurde. Bei der Holzskulptur des Waldgeistes geht es etwa 200 Meter das Ochsenschachensträßchen entlang bis zum Steinbruch.
Auch beim Kölner Dom wurde hiesiger Stubensandstein verwendet
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Sandstein aus dem Gebiet bei Schlaitdorf auch für Teile des Kölner Doms verwendet. Der gute Ruf des „Schlaitdorfers“ und die Verwendung beim Ulmer Münster hatten wohl dazu geführt, dass in Köln größere Mengen davon zum Einsatz kamen, heißt es in der Veröffentlichung des geologischen Landesamts.
Die Bezeichnung Stubensandstein leitet sich übrigens von seiner früheren Verwendung in schwäbischen Haushalten ab: Der durch Verwitterung gelockerte Sand des Gesteins wurde in den Wohnstuben als Scheuermittel für Holzböden verwendet, wie Günther Schwarz erzählt: „Nach dem Auswischen waren die Dielen blitzeblank.“