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Auf der Spur der Sandhasen

Oberensingen war jahrhundertelang von seinen Steinbrüchen geprägt, die sich heute noch finden lassen

Hier, hinter dem Kelterberg, wurden zu Beginn des Jahrhunderts noch Steine gehauen. bg

„Sandhasen“ werden die Oberensinger genannt, ein Spitzname, der sich von den vielen Steinbrüchen ableitet, die einst das Ortsbild prägten. Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts wurde hier Stein gehauen. Wer mit offenen Augen um Oberensingen herumläuft, kann heute noch zahlreiche Spuren der Steinbrüche entdecken.

NT-OBERENSINGEN. Vor ungefähr 200 Millionen Jahren befand sich dort, wo heute Oberensingen liegt, ein großes Flussdelta. Was der Fluss mit sich trug, lagerte sich dort ab und wurde im Laufe der Jahrmillionen zu festem Sandstein. Dann brach eines Tages ein Graben ein. Kaum zu glauben, aber dieser Graben ist heute die Hochebene der Fildern. Am Rande dieser Hochebene schnitten sich Flusstäler in dieses Gelände ein und ließen den Sandstein zu Tage treten. Dieser Stein wurde zu einem begehrten Baumaterial, von dessen Abbau die Oberensinger jahrhundertelang lebten.

Das Haus der Brüder Armin und Otto Früh ist ein Museum der Steinhauerei. Ihr Vater, ihr Großvater und viele weitere Vorfahren arbeiteten noch in den Steinbrüchen. Daher weiß Otto Früh noch ganz genau, wo früher die Steinbrüche waren. Unnatürlich schroffe Abbruchkanten in der sonst sanft gewellten Landschaft, kleine Hügel und Gruben geben heute noch Zeugnis von der Steinhauerei. Die meisten Steinbrüche liegen am Abhang der Filderebene Richtung Aichtal. Auch in Neckartenzlingen und Schlaitdorf wurden Sandsteine gehauen.

Der kleine Teich am Ortsausgang Richtung Grötzingen – ein früherer Steinbruch. Dort, wo heute der Reiner-Pavillon steht – ein alter Steinbruch. Die Straße Hintere Schütte bekam ihren Namen nicht von ungefähr, sie ist eine alte Abraumhalde. Besonders gut zu sehen sind die Steinbrüche noch beim Kelterberg. Nördlich der Häuser finden sich zwei tiefe Einbuchtungen im Gelände, dazu viele kleine Hügelchen – die ehemaligen Abraumhalden. Einige Häuser am Kelterberg und in den Burggärten stehen auf diesen Abraumhalden. Die Stuttgarter Straße, so Früh, wurde in die Halden hineingegraben.

Auch in Zizishausen und auf dem Steinenberg wurden Steine gehauen. Am Steinenberg findet sich eine in Geologenkreisen sehr bekannte Fundstätte für Fossilien. Um 1398 werden 13 Steinbrüche erwähnt, 1526 nur noch sieben, 1848 noch fünf. Irgendwann, so berichtet Otto Früh, waren die Steinvorkommen erschöpft. Der letzte Steinbruch nahe dem Ulrichstein wurde in den 1950er-Jahren aufgegeben.

Beinahe hätte der Ulrichstein als Straßenpflaster geendet

Nicht einmal der Ulrichstein selbst, der aus Rätsandstein besteht, wurde verschont. Doch das verhinderten frühe Denkmalschutzbestrebungen. In der Oberamtsbeschreibung von 1848 ist zu lesen, dass die württembergische Regierung weiteres Hauen an dem ehrwürdigen Stein verbot. Sonst wäre der Ulrichstein heute womöglich Straßenpflaster oder Schotter für die Eisenbahnen.

In Oberensingen gibt es hauptsächlich Rätsandstein und Stubensandstein. Aus diesem Gestein wurden natürlich in der näheren Umgebung zahlreiche Gebäude errichtet. Bereits an der Römervilla In den Seelen wurde dieser Stein in Säulen und Skulpturen verarbeitet. Die Grundmauern der alten Häuser sind daraus gebaut und auch das Nürtinger Pflaster besteht aus dem harten Rätsandstein.

Der fein gemahlene Sand, der beim Hauen der Steine anfiel, wurde zum Reinigen und Fegen verwendet. Daher auch der Name „Stubensandstein“. Zwischen den Gesteinsschichten, berichtet Früh, befand sich ein gelblicher Lehm, der an Töpfer verkauft wurde. So entstand in „Häfner“ (Neuenhaus) bestimmt das eine oder andere Gefäß aus Oberensinger Ton.

Der größte Oberensinger Exportschlager waren jedoch die Mühlsteine. Der grobkörnige Oberensinger Sandstein eignete sich besonders gut zum Mahlen von Korn und wurde sogar bis nach Ungarn verkauft. Um die Steine besser ins württembergische Kernland zu bringen, wurde schon vor 500 Jahren eine Steinbrücke errichtet, die das Gewicht der schweren Mühlsteine tragen konnte – die Teufelsbrücke, 1497 erstmals urkundlich erwähnt. Die Aich hingegen wurde lange nur über eine Furt überquert. Zwischen 1000 und 1500 Wagen mit Sandsteinquadern verließen in den Glanzzeiten die Steinbrüche.

Sogar ein Fall früher Markenpiraterie ereignete sich. Die Echterdinger verkauften ihre Mühlsteine als Oberensinger Ware. Da erließ der württembergische Herzog Eberhard II. ein Dekret, nach dem einzig Oberensinger Mühlsteine mit einem geschützten Warenzeichen als solche verkauft werden durften. Nicht alle hielten sich daran, auch ein Wirt aus Pfullingen wurde als Steinfälscher aktenkundig. Der Wales-Gedenkstein besteht noch aus einem echten Oberensinger Mühlstein, auch am Lindenplatz findet sich noch einer.

Die meisten Oberensinger arbeiteten als Taglöhner in den Steinbrüchen, als Steinbrecher oder Maurer. Eine richtige Ausbildung zum Steinmetz hatten nur wenige. Daneben hatten die meisten eine kleine Landwirtschaft. Es war ein hartes Leben. Viele der Steinhauer litten an einer Staublunge und wurden nicht alt.

Als die Bevölkerungszahl im 19. Jahrhundert anstieg, konnten sich die Oberensinger mit ihren Parzellen nicht mehr ernähren. Also gingen sie nach Esslingen in die Fabriken. Hierin liegt die Wurzel der starken kommunistischen Prägung der Oberensinger. Die Arbeiter wählten eben eine Arbeiterpartei. Davon ist inzwischen kaum noch etwas zu bemerken, auch über die Steinbrüche ist mittlerweile Gras gewachsen. Die Spuren der Geschichte zeigen sich nur noch dem, der weiß, wo er hinschauen muss.

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