Nürtingen
Lokalmatador Medla wird zum Bürgermeister in Nürtingen gewählt
Das Gemeinderatsmitglied setzte sich gegen den Mitbewerber Christian Bergmann deutlich mit 21 zu acht Stimmen durch. Lesen Sie auch den Kommentar „Michael Medla nutzt Heimvorteil“.
NÜRTINGEN. „Bürgermeister in Nürtingen zu werden, ist für mich mehr als ein Karriereschritt – es ist eine Herzensangelegenheit, ein Traumjob.“ So eröffnete Michael Medla seine Rede zur Bewerbung um das Amt des Ersten Beigeordneten vor dem Gemeinderat am Dienstagabend. Und der Traum sollte in Erfüllung gehen. Nachdem die 28 anwesenden Stadträte und der Oberbürgermeister Johannes Fridrich in geheimer Wahl ihre Stimmen abgegeben hatten, brachte die Auszählung ein deutliches Ergebnis: 21 Stimmen entfielen auf Medla, acht Stimmen erhielt der Mitbewerber Christian Bergmann.
Die Stelle war neu zu besetzen, nachdem Bürgermeisterin Annette Bürkner angekündigt hatte, im Mai in den Ruhestand einzutreten. Ab dem Jahr 2014 war sie in Nürtingen Amtsleiterin, die letzten acht Jahre stand sie dann als Bürgermeisterin dem Dezernat II vor, in dessen Aufgabenbereich Fragen der Bildung, Ordnung, Kultur und Soziales fallen.
Zwei Bewerber in engerer Wahl
„Wir hatten ein hochkarätiges Bewerberfeld“, sagte Oberbürgermeister Fridrich. Im Vorfeld der Wahl habe ein Ausschuss, in dem auch die Fraktionen vertreten waren, mit 16 Bewerberinnen und Bewerbern Gespräche geführt. Michael Medla und Christian Bergmann durften sich dann vor dem Gemeinderat präsentieren. Außer Harry Hauber hatten daraufhin alle anderen ihre Bewerbung zurückgezogen.
Der 47-jährige Bergmann verwies in seiner Rede immer wieder auf seine einschlägigen Berufserfahrungen, sei es in seiner praktischen Arbeit als Sozialpädagoge und später dann, mit einem Zusatzstudium, als wissenschaftlicher Referent im Deutschen Jugendinstitut, als Stabsstellenleiter für Sozialplanung bei der Stadt Esslingen und als Leiter des Amtes für Soziales und Sport. Seit 2017 ist er Amtsleiter für Familie und Soziales bei der Stadt Schorndorf.
Medla verweist auf Kenntnisse der Strukturen
Aber auch Medla wartete mit beruflichen Erfahrungen auf. Nachdem er ein Studium der Rechtswissenschaften absolviert hat, leitete der 31-jährige Nürtinger vier Jahre lang das Jugendamt der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Dort war er unter anderem für die zentrale Verwaltung, Personal, Finanzen und Entwicklung zuständig und verantwortlich für rund 150 Mitarbeitende. Dass Medla klar kommuniziert hatte, das Amt frühestens im kommenden Januar antreten zu können, gelangte ihm offensichtlich nicht zum Nachteil. Im Moment absolviert er ein juristisches Referendariat, das ihn zum höheren Dienst befähigt. Er kenne die Strukturen in Nürtingen und könne sofort voll einsteigen, versicherte er.
Die Parteizugehörigkeit beider Kandidaten war kein Geheimnis. Medla engagiert sich seit 2014 für die SPD in der Kommunalpolitik, ist Nürtinger Gemeinderat und Vorsitzender der SPD-Fraktion im Kreistag. Bergmann ist seit vielen Jahren Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen. Beide betonten, ein Bürgermeister für alle sein zu wollen.
Nach den Bewerbungsreden, bei denen jeweils der andere eine Warteposition vor dem Sitzungssaal einnehmen musste, hatten die Gemeinderatsmitglieder Gelegenheit, Fragen zu stellen. Auf vieles schienen beide gut vorbereitet zu sein, hatten sie doch in den Reden zuvor die Antworten bereits nahezu gegeben.
Bergmann versprach einen kommunikativen Führungsstil, aber auch Führungsstärke, gerade auch in konfliktreichen Situationen. Verwaltungsarbeit, vor allem in finanziell schwierigen Zeiten, verstehe er dahingehend, dem Gemeinderat machbare Vorschläge und Optionen zu unterbreiten, dabei vorauszudenken und Risiken wie Chancen aufzuzeigen. Dafür könne er sozialwissenschaftlichen Weitblick und langjährige Führungserfahrung einbringen.
Ordnungspolitisch gelte es, notwendige Regeln maximal bürger- und unternehmensfreundlich auszulegen und zu vereinfachen. Für die Kulturarbeit und für gute nachbarschaftliche Strukturen brauche es die Förderung des Ehrenamts. Sparen dürfe nicht nach dem Rasenmäherprinzip vonstattengehen. Dem Gemeinderat bot er „eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe“ und sich als einen Bürgermeister an, der auch unbequeme Wege mitgehe.
Michael Medla spielte seinen Heimvorteil aus, es war herauszuhören, dass er weiß, welche Probleme den Gemeinderäten unter den Nägeln brennen. „Ich bin in Nürtingen verwurzelt, kenne die Themen und Akteure und Sie kennen mich und wissen, worauf Sie sich einlassen“, warb er. Die Funktion des Bürgermeisters vereine ein politisches Amt und Verwaltungsleitung, aus beidem bringe er vielseitige Erfahrungen mit.
Gestaltungswille statt Zukunftsängste
Medla vergaß dabei nicht, eine gute Entwicklung hervorzuheben, die Nürtingen während der seitherigen Amtszeit von Oberbürgermeister Fridrich erfahren habe. Es gelte, diesen positiven Wandel zu verstetigen, auch in einer Zeit vielfacher Krisen. Viele Menschen verspürten Unsicherheit, Angst vor Abstieg, um die Sicherheit und Zukunft. „Wir dürfen aber nicht erstarren, wir müssen gestalten, zuversichtlich und realistisch“, setzte er entgegen. Im Dezernat des Bürgermeisters seien zentrale Leistungen für die Menschen in der Stadt gebündelt – Bildung, Sport, Soziales, Ordnung, Integration, Kultur, Bürgerservice. Es gelte, diese Infrastruktur zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Das gelinge nicht allein mit dem Rotstift, es gelte, Prozesse zu optimieren. Der Blick müsse sich auf Effizienz richten, nicht zuletzt wegen eines drohenden Mangels an Fachkräften im öffentlichen Dienst. Zu Effizienz trage Digitalisierung, einhergehend mit Entbürokratisierung, bei. Nicht schlechte, sondern gute Prozesse müssten digitalisiert werden. Als Beispiel nannte er, Daten zu bündeln, anstatt bei Dienstleistungen durch jedes Amt neu zu erfragen. Auch brauche es bei Verwaltungsaufgaben nicht immer eine vollumfassende Prüfung, wenn auch Stichproben genügten.
Unter den Mitarbeitenden in der Verwaltung will Medla eigenverantwortliches Handeln fördern, „um Ermessensspielräume für schlanke Lösungen zu nutzen“. Auch plädierte er für ein transparentes Handeln gegenüber der Bürgerschaft und dem Gemeinderat.
Frage nach Standards
Weitere Vorschläge unterbreitete Medla für Fragen der Sicherheit und des Katastrophenschutzes, um vorbereitet zu sein. Auch die Förderung von Strukturen des sozialen Zusammenlebens und der gegenseitigen Unterstützung, die Förderung der hausärztlichen Versorgung, der soziale Wohnungsbau und die Schulpolitik seien große Herausforderungen.
Aber auch Fragen nach Standards gelte es zu stellen. „Kindertagesstätten müssen keine Architekturpreise gewinnen, sie müssen gute pädagogische Arbeit und Betreuung ermöglichen“, betonte er. Es gelte, pädagogische Fachkräfte von Verwaltungsaufgaben zu entlasten. Davon profitierten auch Familien und Fachkräfte, die ein verlässliches Angebot bräuchten.
Medla konnte offensichtlich überzeugen, gewählt ist er für eine Amtszeit von acht Jahren. Der Oberbürgermeister dankte aber auch Bergmann: „Der Gemeinderat hat sich nicht gegen Sie, sondern für Michael Medla entschieden.“