Die Menschen in Wendlingen und Unterboihingen verbrachten die letzten Kriegstage fast nur noch im Keller
WENDLINGEN. Nichts hatten sich die Menschen in Wendlingen und Unterboihingen am Ende des Krieges sehnlicher gewünscht, als dass endlich die Amerikaner einmarschierten und das Grauen des Krieges ein Ende habe. Am 22. April 1945, einem Sonntag, war es so weit. Die ersten amerikanischen Truppen erreichten von Ötlingen kommend den Wendlinger Bahnhof. Die Menschen konnten ihre Keller verlassen, in denen sie die letzten Kriegstage aus Angst vor den über die Häuser donnernden Fliegerangriffen verbracht haben. Die Erinnerung an diese grauenvolle Zeit sitzt denen, die hautnah dabei waren, heute noch regelrecht „in den Knochen“.
Roland Durst, der Zeugnisse seiner Heimat und der hier lebenden Menschen akribisch sammelt und dokumentiert, hat an das Kriegsende in Unterboihingen vielfältige Erinnerungen. Gemeinsam mit Waldemar Benz, seinem Vetter, erinnerte er sich im Gespräch mit der Redaktion an die vielen Nächte im Gewölbekeller in der Schützenstraße 3, wo die Großfamilie zusammenkam, Schutz suchte vor den vielen Fliegerangriffen und die Nacht notdürftig auf den Apfelhurden liegend verbrachte. Die beiden, damals noch Buben, beobachteten das Geschehen in einer Mischung aus Angst und Neugier, wie es nur Kindern zu eigen ist.
Sie erinnern sich an die letzten Kriegstage, an die deutschen Truppen, die die Nürtinger Straße passierten, am Ortsrand Waffen und Munition in den Graben warfen, die von den Buben dann auf Geheiß des Onkels Paul Durst im nahen Neckar „entsorgt“ wurden. Nicht ohne zuvor auf Vaters Schraubstock manche Patrone unerlaubt und geradezu unbedarft entschärft zu haben.
Noch heute haben sie das Bild vor sich, wie deutsche Soldaten hinter einem Bienenstand ihre letzten Lebensmittelreste aßen, um sich anschließend den vorbeiziehenden Amerikanern zu ergeben. Dabei erlebten die Buben den Feind als ausgesprochen human, im Vergleich zur Agitation der Nazis vor Ort. Bemerkungen der Erwachsenen, „hoffentlich kommen die Amerikaner bald“, wurden plötzlich verständlich und der Einzug der amerikanischen Soldaten als „eine Erlösung“ empfunden. Wach blieb auch die Erinnerung an einen Gefangenentransport mit vielen hungrigen Männern unter der Autobahnbrücke. Die Männer riefen nach Brot, das die Buben trotz fehlender Brotmarken beim Rosenwirtsbeck in der Nürtinger Straße erhielten und den Hungrigen brachten.
Unvergessen auch die Erinnerung daran, wie die Großmutter in den letzten Kriegstagen einen hölzernen Teigtrog im Garten eingraben ließ, gefüllt mit allem, was das Überleben sichern sollte. Oder das Spiel der Buben nach Angriffen auf Wendlingen. Die Gegend wurde nach leeren Patronenhülsen abgesucht. Später verarbeitete der Onkel sie zu Feuerzeugen. Zeugnisse davon hat Roland Durst noch heute.
Neugier stärker als die Angst
An den Einzug der Amerikaner erinnern sich Roland Durst und Waldemar Benz noch ganz genau. Beiden standen im Straßengraben, nur wenige Meter nach dem letzten Haus in der Nürtinger Straße. Der eine schmückte sich mit einer MG-Munitionskette, der andere probierte einen dort liegenden Stahlhelm. In kurzen Abständen fuhren mit hoher Geschwindigkeit Fahrzeuge vorbei, von den Buben völlig unbeachtet. Bis die Tante angerannt kam und laut schrie: „Heiliger Gott im Himmel, kommt schnell, schnell, in den Keller, das hier sind doch bereits die Amerikaner!“ Die Angst war schnell verflogen, neugierig wurden vorbeiziehende amerikanische Infanterietruppen auf dem Weg in Richtung Oberboihingen beobachtet.
Paul Durst, der Onkel der beiden, hat noch zu Lebzeiten seine ganz persönlichen Erinnerungen an die letzten Kriegstage in Wendlingen niedergeschrieben. Mit „ganz viel Glück“ war Paul Durst noch vor Kriegsende zu Hause in Unterboihingen angekommen, hatte Luftschutzdienst geleistet bei der Feuerwehr und war beim Volkssturm. Das Kriegsende in Unterboihingen beschrieb Paul Durst mit folgenden Worten: „Die Nacht verbrachte die ganze Familie im Keller, in der Äpfelhurde wurde ein Bett gemacht. Wir saßen in Decken gehüllt herum und lauschten, ob der Feind schon da wäre. Beim Nachbar Stohr hatten sich Volkssturmmänner mit Panzerfäusten eine Stellung eingerichtet. Diese bat ich: ,Geht doch nach Hause, bringt uns nicht in Gefahr, ich gebe euch Kleider.‘
Am anderen Morgen war die Stellung verlassen, sie waren weg. Immer noch zogen deutsche Truppen durch, immer wieder stießen Flieger herab und schossen auf die Soldaten. In Richtung Dettingen war der Himmel schwarz vom Rauch. Vom Ortskommandanten wurde dann die Panzersperre beim Gasthaus Rose in der Nürtinger Straße geschlossen. Es wurde wieder Abend, man richtete sich noch einmal im Keller ein. Durchziehende Soldaten baten um Brot oder eine warme Suppe. Es wurde wieder Morgen. Sonntag, keine Glocke läutete zum Gottesdienst, Gerüchte kursierten, der Ortskommandant wolle Wendlingen nicht kampflos übergeben. Wir suchten ihn. In der Hauptstraße solle er wohnen. Beherzte Männer wollten ihn herausholen, aber da war nur ein unbeteiligter Feldwebel. Daraufhin beseitigten die Leute die Panzersperre, damit das Dorf nicht zu Schaden komme. Inzwischen war es Mittag geworden, der Franzose solle schon in Köngen und Unterensingen sein. Jeden Augenblick erwartete man die Amerikaner. Die Straßen wurden menschenleer, niemand wagte sich mehr aus dem Haus. Nur noch einzelne Soldaten zogen auf der Straße nach Oberboihingen. Ein letzter zog sogar singend weiter. Doch gegen 16 Uhr war es so weit. Ein Bataillon Amerikaner marschierte in Zweierreihen links und rechts der Nürtinger Straße in den Ort, das Gewehr im Anschlag, Richtung Oberboihingen. Wie auf leisen Sohlen kamen sie daher. Allmählich trauten sich einige Leute vorsichtig auf die Straße.“
Paul Durst schließt seinen Bericht ab mit den Worten: „Es war ein Aufatmen im ganzen Dorf, dass alles so unblutig abgelaufen war. Man war glücklich und dankbar über das gute Ende.“
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