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Polnischer Jude plädiert für "Leben in Hoffnung"

Mieciu Langer, der mehrere Konzentrationslager überlebte, sprach 60 Jahre nach Kriegsende als Zeitzeuge vor Högy-Schülern in Nürtingen

NÜRTINGEN (pk). Ein polnischer Jude, Mieciu Langer, sprach in Nürtingen. Rund 130 Schüler und Schülerinnen im Hölderlin-Gymnasium waren tief beeindruckt, als der Zeitzeuge, der mehrere Konzentrationslager überlebte, über sein schweres Leben sprach.

60 Jahre nach Kriegsende plädiert der Mann, dessen Ehefrau Felicia Langer ist (Alternativer Nobelpreis, wohnt in Tübingen, Buchverfasserin „Miecius später Bericht“, Lamuv Taschenbuch Nr. 257), für „ein Leben in Hoffnung“. Die Schüler und Schülerinnen hingen bildlich an seinen Lippen, als Langer sein Schicksal vortrug. Darüber wird berichtet: Der Mann ist von mittlerer Größe, gut gebaut, er sieht aus wie einer von den vielen älteren Menschen, die in Deutschland leben. Doch wer ihn genauer betrachtet spürt, dass er geprägt ist von der Last des letzten Jahrhunderts. Wir reden von Verbrechen, verurteilen sie dort, wo wir unter denen sind, die genauso denken wie wir. Er hat sie erlebt. Mieciu Langer geht auf den kleinen Tisch zu, setzt sich und mustert sein Publikum, Schülerinnen und Schüler des Hölderlin-Gymnasiums in Nürtingen. Stille. Jeder starrt ihn an.

Die Spannung im Saal ist zu spüren, aber keine Spannung wie man sie sonst erlebt. Ein Gefühl, das einem zum ersten Mal den Eindruck vermittelt, die Schuld nicht realitätsverzerrt zu empfinden. Er fängt an zu sprechen, ein polnischer Akzent betont seine Herkunft. Er erzählt. Er erzählt von seinen Wurzeln, Bernardynska 9, Krakau in Polen. Und von seiner Kindheit, aus der er so abrupt herausgerissen wurde und die er als fernen Lichtpunkt vor den kalten, dunklen Ereignissen sieht. Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, war der kleine Mieciu erst zwölf Jahre alt. Als Grund, dass seine Familie nicht wie viele andere Juden in die Sowjetunion floh, gibt er an, dass sein Vater und sein Onkel eine Zeit lang in Berlin gelebt hatten. Diese bezeichneten das deutsche Volk als hochkultiviert und meinten, dass Hitler nicht lange an der Regierung geduldet werden würde. Dass dies nicht so war, ist bekannt, und so wurde der kleine Junge, anfangs mit seiner Familie, von den Nazis in verschiedene Ghettos deportiert. Er erzählt von der Arbeit, die er mit 14 begann, von der Bewachung und von seiner Anstellung als Laufbote, die ihm das Leben rettete, weil er als „nützlich“ eingestuft wurde. Dies geschah während einer Razzia, von denen er insgesamt zwei große in den Ghettos miterleben musste. Er erzählt von den Widerwärtigkeiten, die geschahen, von den grausamsten Schandtaten und Schikanen.

Seine Stimme bleibt ruhig, emotionslos. Dies ist beabsichtigt, er will kein verrückter Nazi-Hasser, sondern Zeitzeuge sein. Und er trifft genau den Nerv in seinem Publikum, den er zu treffen hofft. Mädchen schütteln den Kopf, Jungen starren gebannt und mit großen Augen auf ihn. Sein Gefühl während der Verfolgung durch die Nazis beschreibt er als oft sogar optimistisch, zum Teil niedergedrückt, doch man hat den Eindruck, als hätte er nie die Hoffnung verloren zu überleben. Obwohl jeder verstehen würde, wenn er sich aufgegeben hätte.

„Ich wurde oft und sehr heftig geschlagen“, erzählt er mit ruhiger Stimme. Zum Beispiel als er mit anderen während der Arbeit versuchte, die Arbeit so gut wie möglich in die Länge zu ziehen und dabei erwischt wurde, mit 25 Peitschenhieben bestraft wurde, von denen er noch lange Zeit Narben trug. Er sah viele Menschen sterben, sogar beste Freunde und Klassenkameraden.

Doch man merkt, dass Mieciu Langer sich im Inneren nicht verändert hat. Man erkennt, dass er schon immer ein sympathischer, sogar lustiger Mensch war. Und er ist jung geblieben. Während des Vortrags klingelt sein Handy, ein polyphoner Klingelton. Alles lacht. Aber herzlich, er wird nicht ausgelacht, sondern angelacht.

Auf eine Episode ist er sogar stolz. Er erzählt, dass er einmal bei der Anfertigung eines Geschossteils einen Fehler gemacht habe. Und als sein Aufseher ihn gefragt habe, ob er es gewesen sei, habe er anfangs gelogen. Doch der Verdacht fiel dann auf einen älteren Mitarbeiter. Er bekam ein schlechtes Gewissen und ging nach langem inneren Zwiespalt zu seinem Aufseher. Er erhielt nur eine Ohrfeige und die Gewissheit, einen älteren Mitarbeiter von dem Verdacht und vielleicht sogar vor dem Tod gerettet zu haben. Dabei hatte er sein Leben riskiert.

Mieciu landet am Ende seines langen, immer wieder fast tödlichen Leidensweges in Theresienstadt. Die Russen befreiten den halbtoten Menschen schließlich am 8. Mai 1945. Er war an Typhus erkrankt, landete in den Armen einer Krankenschwester, die er nur noch als großes weißes Etwas wahrnahm.

Nach dem Krieg lernte er in einem Waisenheim für jüdische Kinder ein junges schönes Mädchen kennen, Felicia. Er verliebte sich in sie.

Heute ist er mit ihr immer noch glücklich verheiratet und Felicia Langer ist eine berühmte Frau geworden. Zusammen streiten sie für die Menschenrechte und setzen sich für den Frieden und die Beilegung des Nahost-Konflikts ein.

1990 wurde Felicia Langer für ihre Leistungen und ihren Einsatz sogar mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Heute schreibt Felicia Bücher und Mieciu erzählt der dritten Generation seine Geschichte, will ihnen sein Vermächtnis weitergeben. Denn eines hat er trotz allem nicht verloren, den Glauben an die Menschen und die Hoffnung.

Ein Leben in Hoffnung. Mieciu Langer (Bild) sprach in Nürtingen. pk

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