Neue Sonderausstellung im Stadtmuseum widmet sich der Sigillata-Töpferei in der Ruthmännin - Eine Sensation unter der Lupe
NÜRTINGEN. Was Romulus und Remus für Rom, das sind Verecundus und Primitius für Nürtingen: die ersten namentlichen Bewohner der Stadt. Besser gesagt: des damals noch rechtschaffen unwirtlichen Landstrichs dort. Sie können zugleich als die ersten Nürtinger Handwerker bezeichnet werden - dort, wo heute die ersten Häuser der Ruthmänninstraße stehen, betrieben sie dereinst eine Töpferei. Der „Zufallsfund“ vom 31. August 2003 hat sich als absolute archäologische Sensation erwiesen. Von heute Abend bis zum 11. September ist der „Manufaktur des Verecundus“ eine Sonderausstellung im Nürtinger Stadtmuseum gewidmet.
Der Sonntagsfriede war damals zwar im Hause von Erwin Beck, dem ehrenamtlichen Beauftragten des Landesdenkmalamtes für Nürtingen, nicht mehr in lupenreinster Urform vorhanden, aber im Nachhinein ist natürlich jeder froh, dass er auf dem Weg zum Mittagessen seinem von den Augenwinkeln aktivierten archäologischen Gewissen folgte, als er an der Ampel vom Tiefenbachtal fast nur im Unterbewusstsein einen Bagger in der Ruthmänninstraße wahrnahm. In der Baugrube entdeckte er eine rote Ziegelprobe von drei mal drei Zentimetern, die „irgendwie römisch gerochen hat“, fingernagelgroße Scherben entpuppten sich später im häuslichen Waschbecken als Sigillata (das die Historiker für den normalen Menschen als „Meißner Porzellan der Römer“ beschreiben). Das eigentliche Nachmittagsprogramm wurde gestrichen, Erwin Beck hatte Witterung aufgenommen: „Und als ich dann ein einziges Stückchen einer Formschüssel gefunden habe, ist in mir der Alarm losgegangen.“
Großes Lob für Ehrenamtliche
Das gute Gespür des Hobby-Archäologen sollte ihn auch diesmal nicht täuschen. Er wusste, dass hier noch mit was zu rechnen ist, und behielt die Baustelle auch noch die nächsten Wochen im Auge. Plötzlich entdeckte man feuerroten Sand, den man zunächst nicht einzuordnen vermochte. Aber es war klar, dass nun die „Arg’nta“, die Arbeitsgemeinschaft der Nürtinger Hobby-Archäologen quasi, eingreifen musste. Von Freitagnachmittag bis Montag früh gab’s einen Großeinsatz, aber um die Motivation brauchte man sich wohl keinerlei Sorgen zu machen. Erwin Beck: „Wir hatten das Glück des Tüchtigen und sind genau auf den Schürkanal mit Ofen gestoßen.“
Ob diesen enormen Einsatzes seiner freiwilligen Helfer gerät Dr. Rüdiger Krause vom Referat Denkmalpflege des Regierungspräsidiums Stuttgart (einen solchen Monsternamen muss das frühere Landesdenkmalamt nach seiner Auflösung im Zuge der Verwaltungsreform nun tragen) nachgerade ins Schwärmen. An dieser Stelle hätten zum einen die Experten nie und nimmer damit gerechnet, dass dort was zu finden sein könnte, dann hätten an dem Grabungswochenende auch noch völlig widrige Umstände geherrscht: „Wir von der Behörde könnten so was gar nicht bewältigen.“ Dass letztlich eine absolute wissenschaftliche Sensation herausgekommen sei (eine von nur drei Sigillata-Töpfereien im Ländle, die einzige, die binnen der vergangenen 35 Jahre entdeckt worden sei), habe noch das Tüpfelchen aufs i gesetzt. Die Funde seien derart bedeutend, dass ein Teil von ihnen sofort nach Ende der Nürtinger Schau verpackt und in die große Landesausstellung „Imperium Romanum - Roms Provinzen an Neckar, Rhein und Donau“ ins Archäologische Landesmuseum Stuttgart gebracht werde.
Dass die Nürtinger Ausstellung auch dem Laien verständlich ist und nicht nur wie ein Haufen Ton, Steine, Scherben anmutet: das ist das Verdienst des aus Köngen stammenden Privatdozenten Dr. Martin Luik. Er klemmte sich hinter den gesamten Themenkomplex, trug weitere Erkenntnisse zusammen, ordnete sie ein und machte all dies auch anschaulich.
Wissenschaftler der Freien Universität Berlin bestätigten ihm zum Beispiel nach chemischen Analysen, dass die gefundenen Töpferwaren tatsächlich in Nürtingen produziert (und nicht nur zum Verkauf dort gelagert) wurden.
Dank seiner Puzzlearbeit weiß man auch, dass Nürtingen quasi eine kleine Filiale eines riesigen „Industriekomplexes“ in Rheinzabern bei Speyer war. Man versprach sich offenkundig etwas von der Nähe zum Kastell Grinario (dem heutigen Köngen): „Soldaten im Grenzland des Limes waren im Vergleich sehr vermögende Leute, die sich auch teureres Geschirr leisten konnten.“
Sogar ein Fund in Linz
Und wie man heutzutage im Porzellan Namen wie Hutschenreuther oder Rosenthal eingebrannt findet, so entdeckte man auch in der Sigillata vom Tiefenbachtal „Produktionsnachweise“. Verecundus und Primitius, Maternus und Saturninus stempelten ihre Namen in die Schüsseln und Töpfe, und daher kann man sie jetzt als die ersten namentlich bekannten Nürtinger in die Stadtgeschichte einordnen. Was Erwin Beck gewaltig fasziniert: „Sonst hat man es nur mit namenlosen Sachen zu tun; wenn man eine direkte Verbindung zu einem konkreten Menschen schlagen kann, dann ist das doch ganz etwas anderes.“
Und plötzlich kann man sich auch denken, warum mitten in der Oberensinger „Prärie“ der „Seelen“ eine Villa steht, die ansonsten kaum einen Sinn macht: Luik geht davon aus, dass der Verecundus („vermutlich ein einheimischer Kelte, der romanisiert wurde und kein Vollbürger war“) dort wohnte und mit seinen Töpferwaren so gut verdiente, dass er sich ein respektables Domizil leisten konnte.
Seine Arbeit trug zwar nicht den Namen Nürtingens, aber doch seiner Handwerkskunst (die auf die Jahre zwischen 170 und 220 nach Christus datiert wird) in die weite Welt hinaus. In einem Kastell beim heutigen Linz konnte Luik eindeutig „Nürtinger Ware“ nachweisen. Vermutlich hat sie ein Soldat aus Köngen an seinen neuen Einsatzort mitgenommen.
Was heute noch fasziniert, sind die herrlichen Ornamente: Girlanden finden sich ebenso wie Tänzerinnen und Schwertkämpfer, Löwen, Hasen und ein Vogel, der Erwin Beck spontan an die „Heckschnärre“ erinnert (deren Ei er ja seit Aschermittwoch 1998 von der SPD auszubrüten beauftragt ist). Sollte gar die erste Spur des Nürtinger Wappenvogels entdeckt worden sein? Auf jeden Fall zeigt es: diese Schau ist nicht nur was für Experten, sie vermag durchaus auch dem Laien „Geschichten aus der Geschichte“ zu erzählen.
Geöffnet ist die Sonderausstellung im Stadtmuseum bis zum 11. September dienstags, mittwochs und samstags von 14.30 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr.
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