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Anfangs war.s der Wilde Westen der Römer

Ausstellungseröffnung im Stadtmuseum - Antike Töpferei im Mittelpunkt - Signale auf einer römischen Tuba

NÜRTINGEN. Dass die in der Ruthmänninstraße entdeckte römische Töpferei ein Jahrhundertfund ist, zeigt ein einfaches Rechenexempel. Im Neckarland kennt man zwar an die 2000 Römervillen, aber nur ganze drei Sigillata-Töpfereien. Neben der Anlage in Nürtingen gibt es nur noch zwei weitere in Waiblingen und in Stuttgart-Kräherwald. Bei der am Freitag im Stadtmuseum eröffneten Ausstellung „Die Manufaktur des Verecundus“ wurden so viele Bezüge zwischen der Nürtinger Töpferei und den einschlägigen Großbetrieben in Rheinzabern in der Pfalz festgestellt, dass die Fachwelt davon ausgeht, es handele sich bei der Nürtinger Einrichtung um einen Filialbetrieb der Rheinzaberner Großunternehmer, die ihre Waren bis nach England und Ungarn exportierten.

Warum die Ausstellung unter dem Motto „Die Manufaktur des Verecundus“ läuft? Weil dieser Name auf mehreren in Nürtingen gefundenen Keramikscherben auftaucht. Leihgaben aus Stuttgart, Aalen und Speyer runden die Nürtinger Schau ab. Die Sonderausstellung läuft bis zum 11. September.

Etwa 50 Jahre wurde produziert

Wo es um Geschichte geht, sind Jahreszahlen wichtig. Um 83 nach Christus rückten die Römer zum Neckar vor. Das Neckarland war anfangs der Wilde Westen der Römer. Die älteste Münze, die man in der Nürtinger Römervilla fand, offenbar schon längere Zeit im Umlauf, wurde im Jahre 74 nach Christus geprägt. Die Nürtinger Sigillata-Töpferei nahm um 170 nach Christus die Arbeit auf. Folglich muss es um diese Zeit am Neckar bereits genügend Abnehmer gegeben haben. Die in Rheinzabern produzierenden Großunternehmer dachten kaufmännisch. Bei einer Herstellung vor Ort, in unmittelbarer Nähe der potentiellen Kundschaft, erübrigte sich der schwierige und teure Transport über Land oder auf dem Wasserweg. Die Einstellung der Produktion in Nürtingen erfolgte um 220 nach Christus, also in der Zeit, da die Alamannen mit Feuer und Schwert die römische Reichsgrenze überrannten.

Archäologie ist eng mit Glück, Fleiß und einer tüchtigen Portion Kombinatorik verbunden. Im Sommer 1993, es war an einem Sonntag, ging Erwin Beck, seit 35 Jahren ehrenamtlicher Beauftragter des Landesdenkmalamtes, wie unzählige Male vorher die Baustellen ab. In der Ruthmänninstraße wurde zu der Zeit ein Abwasserkanal verlegt. An einer Stelle der Ausschachtung fiel ihm eine schwarze Verfärbung ins Auge. Er nahm die Stelle näher in Augenschein und fand zwei Scherben, die sich bei gründlicher Untersuchung zu Hause als Teile von Sigillata-Gefäßen erwiesen. Damit war die Familienplanung für den restlichen Sonntag, wohl nicht zu jedermanns Freude, über den Haufen geworfen. Statt sich in der Natur zu ergehen, alarmierte Erwin Beck Mitglieder der Archäologischen Arbeitsgemeinschaft in der Nürtinger Gruppe des Schwäbischen Heimatbundes und machte sich mit ihnen an die Arbeit.

Anfangs gab es keine Anzeichen für eine antike Töpferei. Aber die Hobby-Archäologen blieben bei der Sache und ließen sich die Aufgabe von keiner Misslichkeit verdrießen, wie Erwin Beck bei der Ausstellungseröffnung schilderte. Sie schaufelten und schabten bei Dauerregen, unter Notbeleuchtung und dem milden Drängen der Baufirma, die ihrerseits mit ihrer Aufgabe weiterkommen wollte. Erwin Beck lobte in diesem Zusammenhang seine Helfer und fand besonders anerkennende Worte für Erika Maag und Dieter Metzger. „Ohne den anhaltenden und ganz und gar ehrenamtlichen Einsatz aller Helfer gäbe es diese Ausstellung heute nicht.“ Jetzt ist die so genannte Schwäbische Ware im Stadtmuseum zu sehen. Unter diesem Namen werden die Produkte der Sigillata-Manufakturen im mittleren Neckarraum zusammengefasst.

Dass die wissenschaftliche Aufarbeitung der Funde noch nicht ganz abgeschlossen ist, verdeutlichte der aus Köngen stammende Archäologe Dr. Martin Luik, Privatdozent an der Universität München mit dem Spezialgebiet des Provianzialrömischen. Er ließ keine Zweifel daran, dass zwischen 170 und 220 nach Christus in der Ruthmänninstraße römische Facharbeiter am Werk waren, unter ihnen Verecundus, der, wenn man so will, erste namentlich bekannte Nürtinger. Sein Name ist auf einigen der gefundenen Scherben eingestempelt. Die Produktion bestand aus feinem römischen Servier- und Tafelgeschirr. Gefunden wurden wie üblich keine ganz erhaltenen Gefäße, sondern das, was die frühen Facharbeiter nach dem Brennvorgang aussortierten und achtlos auf die Seite warfen.

Professor Dr. Dieter Planck, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege (und Nachkomme der bekannten Nürtinger Stadtschreiberfamilie der Plancks), umriss die Bedeutung des Fundes für die Wirtschaftsgeschichte der Römer in Württemberg und würdigte vor allem die Leistungen der Mitglieder der archäologischen Arbeitsgruppe. Besonders anerkennende Worte fand er für Erwin Beck, dessen geschultem Auge der Fund letztlich zu danken sei, und seiner Frau Hannelore, denn ohne das Mittragen der Ehefrau seien weder die Ausgrabungen der Töpferei noch die Ausstellung im Stadtmusem vorstellbar. Dr. Planck ist sicher, dass die Ausstellung über den regionalen Raum hinaus auf großes Interesse stoßen wird.

Museumsleiterin Angela Wagner-Gnan hatte zu der sehr gut besuchten Ausstellungseröffnung begrüßt, während Bürgermeister Rolf Siebert den Schlusspunkt unter den offiziellen Teil der Veranstaltung setzte. Für einen besonderen Akzent sorgte Hans-Peter Buck von der Nürtinger Musikschule. Mit Signalen auf einer nachgebauten römischen Tuba gab er das Zeichen für die Eröffnung des Abends wie für deren Abschluss. Erwin Beck hatte seinen Ausführungen ein Hölderlin-Zitat vorangestellt. Es lautet: „Es ist nichts so klein und wenig, woran man sich nicht begeistern könnte.“ Dass es die Stimmung der Ausstellungseröffnung traf, zeigten die vielen Gesprächsrunden, die sich nach dem offiziellen Teil des Abends bildeten. Sie alle hatten nur ein Thema: die Töpferei und das antike Erbe der Stadt Nürtingen.

Die Sonderausstellung im Stadtmuseum ist dienstags, mittwochs und samstags von 14.30 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

Die Ausstellung im Stadtmuseum ist eröffnet. Die Aufnahme zeigt von links: Hannelore Beck, ihren Mann Erwin Beck, Professor Dr. Dieter Planck, Privatdozent Dr. Martin Luik, Bürgermeister Rolf Siebert und Museumsleiterin Angela Wagner-Gnan. itt

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