Unterensingen
Unterensingen feiert 750 Jahre Michaelskirche
Das Jubiläum wird am Sonntag, 1. Juni, gefeiert. Nach einem Gottesdienst mit Landesbischof Gohl gibt es ein Gemeindefest im Udeon. Eine Ausstellung zeigt die Geschichte der Kirche.
UNTERENSINGEN. Auf halber Höhe Unterensingens liegt die Michaelskirche, die mit ihrem 41 Meter hohen Turm das Wahrzeichen der Gemeinde ist. Die denkmalgeschützte Kirche wird in diesem Jahr 750 Jahre alt. „Michaelskirchen gehören zu den ältesten Kirchen in unserer Gegend“, weiß Susanne Jasch, Mitglied des evangelischen Kirchengemeinderats, die mit ihrem Kollegen Peter Schönhaar viel Zeit in die geschichtliche Recherche gesteckt hat. „In Unterensingen wurde vermutlich der Name des Erzengels Michael für die Kirche gewählt, da vor allem Schutz gegen die Überflutungen von dem damals noch wilden Neckar gebraucht wurde“, erklärt Jasch.
Eine Kirche an der Stelle, an der heute die Michaelskirche steht, gab es schon vor mehr als 750 Jahren. Die Anfänge, wahrscheinlich hölzerne Vorgängerbauten, gehen auf das 8. Jahrhundert zurück. Der vermutlich heute älteste Teil ist der Chor, der aus dem 13. Jahrhundert stammt. Susanne Jasch erzählt: „Erstmals wurden Unterensingen als Einsingen und die Kirche in einem Zehntbuch im Jahr 1275 erwähnt.“ Aufgrund dieser Erstnennung wird dieses Jahr 750 Jahre Michaelskirche gefeiert.
Die große Jubiläumsfeier findet am Sonntag, 1. Juni, statt. Der Tag startet mit einem Gottesdienst mit Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl und Pfarrerin Hanna Gack und dem Unterensinger Posaunenchor. Im Anschluss sind alle Besucher zum Gemeindefest im Udeon eingeladen. Parallel wird in der Kirche die Ausstellung mit Fotos, Zeichnungen und Exponaten zur Michaelskirche eröffnet. Da die Kirche jeden Tag von 10 bis 18 Uhr geöffnet ist, hat man auch noch nach der Jubiläumsfeier die Möglichkeit, sich die Ausstellung anzuschauen.
Erstmals eine Pfarrerin
Auch für Hanna Gack ist das Jubiläum etwas Besonderes, denn sie ist die erste Pfarrerin in der Geschichte der Kirche. Dies geht auch aus der Namenstafel hervor, auf der all ihre Vorgänger aufgezeigt sind. „Für mich ist es eine große Freude, mich in eine so lange Tradition von Pfarrern als Frau einzureihen“, sagt Gack.
Vor der Jubiläumsfeier haben Hanna Gack und die beiden Kirchengemeinderatsmitglieder Susanne Jasch und Peter Schönhaar unserer Zeitung Einblicke in die lange Geschichte und die Räume der Michaelskirche gegeben. Unterlagen über die gesamte Baugeschichte sind Mangelware. Sicher weiß man, dass 1420 die Kirche im gotischen Stil vergrößert wurde: Das Kirchenschiff und ein Turm wurden gebaut. „Im Erdgeschoss des Turms sieht man heute noch ein relativ schlichtes Kreuzrippengewölbe aus dieser Zeit“, erzählt Peter Schönhaar und zeigt auf die unscheinbare Decke.
1534 wurde die Kirche evangelisch
Ab 1534 wird die Unterensinger Kirche evangelisch und ist es bis heute, vorher gehörte sie dem Kloster Adelberg und war katholisch. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde die erste Kanzel mit Schalldeckel an der Südwand eingebaut. Kurz darauf wurde an den Altar das Kruzifix mit einer lebensgroßen Jesusfigur installiert. Um 1700 kam dann auch Musik in das Gotteshaus, denn die erste Orgel mit gerade mal sechs Registern und Pfeifen aus Holz wurde installiert. Die sogenannte Königin der Instrumente hat auch eine lange und bewegte Geschichte in der Michaelskirche. Aus einer kleinen Orgel, die laut Berichten wie ein „Tudel-Sack“ klang, wurde mit der Zeit die große Orgel mit dem barocken Orgelprospekt, und aus wenigen Holzpfeifen wurden viele Metallpfeifen.
Über die Jahre hinweg fanden immer wieder kleinere und größere Renovierungs- und Umbauarbeiten statt. In den Berichten dazu heißt es, dass diese neben den Handwerkern mit tatkräftiger Unterstützung zahlreicher Gemeindemitglieder jeden Alters umgesetzt wurden. Im Jahr 1765 wurde der Chorbogen des Schiffs bis auf geringe Pfeilerstümpfe herausgeschlagen, südlich wurde eine Sakristei an den Chor und nördlich eine Freitreppe gebaut. Zudem wurden im Chorbereich Emporen eingebaut. Nach einem Blitzeinschlag musste der Kirchturm teilweise neu aufgebaut werden und existiert seit 1840 in der heutigen Form mit der aufgesetzten Laterne auf dem eigentlichen Turmkuppeldach.
Die Emporen im Chor entfernte man im Jahr 1955 wieder, und der gotische Chorbogen wurde wieder hergestellt. Zudem wurde die Kanzel von der Seite nach vorne in die Mitte verlegt. Mit dieser neuen Platzierung entfernte man auch den Schalldeckel. Das erste bunte Fenster, das das Gleichnis aus Matthäus 13 zeigt, wurde 1962 auf der Südseite der Kirche eingesetzt. „Wenn man das Fenster genau anschaut, dann sieht man, wie in der Gemeinde etwas wächst, man Hoffnung sucht und findet und wie das Evangelium weitergegeben wird“, sagt Jasch. Ein Bild vom Namensgeber des Unterensinger Gotteshauses wurde im Jahr 1985 als buntes Kirchenfenster daneben eingesetzt.
Holzbalken aus dem 15. Jahrhundert
1973 musste der Glockenstuhl aus Eichenholz gegen eine Stahlkonstruktion ausgetauscht werden und das alte, etwas altersschwache und pflegebedürftige Gewichtsuhrwerk wurde stillgelegt und gegen eine elektrisch betriebene Uhr mit vier anstatt drei Ziffernblättern ausgetauscht. Zudem mussten 1996 umfangreiche Renovierungsarbeiten im Kirchturm vorgenommen werden. In diesem Zuge wurden die Holzbalken der Kirche untersucht, und dabei stellte man fest, dass die Balken aus der ersten Holzdecke im Turm aus dem Jahr 1420 stammen.
Die letzten großen Renovierungsarbeiten fanden im Jahr 2007 statt und prägen das heutige Erscheinungsbild der Kirche. Das große Kruzifix vom Altar aus dem 17. Jahrhundert wurde an die Südseite zwischen die beiden bunten Fenster versetzt. Ein neues, kleineres und viel filigraneres Glaskreuz, das einen Stein sprengt, steht seither auf dem Altar. Pfarrerin Hanna Gack stellt fest: „Das ist auch eine Veränderung im theologischen Sinn. Weg von dem typischen Leidenskreuz und hin zur Auferstehung.“
Wenn man die abgeschlossene Tür im Turm auf Höhe der Empore aufschließt, dann gelangt man zuerst in den Dachstuhl über dem Kirchenschiff. Hier oben kann man die handwerkliche Kunst vergangener Zeiten in Form der alten Konstruktionen bewundern. Über einige schmale und sehr alte Treppenstufen geht es weiter hinauf. Bevor man auf die Ebene des Glockenstuhls gelangt, sieht man das stillgelegte Gewichtsuhrwerk, das einmal täglich aufgezogen werden musste. Die älteste und kleinste der Glocken stammt aus dem Jahr 1920, die anderen drei wurden 30 Jahre später gegossen. Jede Glocke hat einen eigenen Schriftzug, den der damalige Kirchengemeinderat festgelegt hat.
Kirchenführung mit Turmbesteigung
Wer allerdings denkt, dass man auf der Höhe der vier Kirchturmglocken eine wundervolle Aussicht hat, der liegt falsch. „Leider versperren die Schallläden die schöne Sicht“, bedauert die Pfarrerin. Die Schallläden sind aus Holz, dämpfen die Lautstärke der Glocken und sollen das Regenwasser abhalten. Nur wenn man zwischen den Spalten hindurchschaut, sieht man Unterensingen und Umgebung von oben. Am Freitag, 18. Juli, gibt es für Interessierte die Möglichkeit, im Rahmen einer Kirchenführung den Kirchturm zu erklimmen.
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