Region
Stadtjäger in Denkendorf: Sie halten Waschbär und Co. in Schach
Sie sind Füchsen, Mardern oder Waschbären auf den Fersen: Olaf Goetsch und Jochen Auch. Die Gemeinde Denkendorf (Kreis Esslingen) hat die Stadtjäger seit kurzem bestellt.
DENKENDORF. Sie sehen niedlich aus und sind doch alles andere als knuddelige Kuscheltiere. Immer mehr Wildtiere wie Fuchs, Dachs, Steinmarder oder Waschbär werden im urbanen Gebiet heimisch, weil sie dort leicht Futter finden. Vor allem Waschbären können großen Schaden anrichten, wissen Olaf Goetsch und Jochen Auch. Die beiden sind seit November von der Gemeinde Denkendorf als Stadtjäger beauftragt. Ihre Aufgabe ist es, Konflikte zwischen Menschen und Tieren zu entschärfen.
An erster Stelle stehe die Beratung, erklärt Olaf Goetsch, der seit rund einem Jahr auch Stadtjäger in Plochingen ist. Gibt es Probleme mit ungebetenen tierischen Besuchern in Haus oder Garten, müsse zunächst festgestellt werden, um was für ein Tier es sich handele. Um die meist nachtaktiven Tiere zu identifizieren, stellt der 68-Jährige, der viele Jahre im Denkendorfer Freibad als Schwimmmeister arbeitete und auch heute dort noch aushilft, oft Kameras auf. Der nächste Schritt sei dann das Vergrämen der Eindringlinge mit Ultraschall, Wassersprengern oder auch Musik. „Manchmal funktioniert das“, sagt Goetsch. Wenn nicht, rücken die beiden Stadtjäger mit Lebendfallen an, bis zu 1,70 Meter langen Kisten. Je nach Tier werden sie mit Leberwurst, Hundefutter, Früchten, Frischfleisch oder auch Nutella bestückt.
Mit einem Schuss in den Waschbärhimmel
Der Waschbären ist ein Allesfresser. Und genau dies macht das scheinbar so possierliche Tierchen zu einer großen Gefahr. „Er vernichtet praktisch alles“, sagt Goetsch. Der Räuber plündert Vogelnester und Nistkästen, frisst Singvögel, Igel, Kröten oder andere Amphibien und Reptilien und bedroht so heimische Tiere, die häufig unter Naturschutz stehen. Auch Krankheiten können die Wildtiere übertragen. Zudem hat der Einwanderer aus Nordamerika keine natürlichen Feinde. „Er kann extrem gut klettern und sogar Dachziegel verschieben“, erklärt Goetsch. Auch Biotonnen oder Kompostbehälter sind für den Waschbären kein Hindernis. Mit seinen geschickten Pfoten bekomme er sogar Riegel etwa von Kaninchenkäfigen auf, weiß Auch. Zudem vermehre er sich rasant. Bis zu vier Junge könne ein Weibchen pro Jahr gebären. Deshalb ist der Waschbär auch das einzige Tier, das die Stadtjäger nicht mehr freilassen. Er werde mit einem gezielten Schuss in den „Waschbärhimmel“ befördert, so Goetsch. Einzige Ausnahme: Wenn es sich um ein weibliches Tier mit Jungen handelt. Hier gelte der Mutterschutz, sagt Goetsch. Rund 50 Waschbären habe er bisher in Plochingen gefangen, erzählt er.
Die Lebendfallen müssen laut Gesetz mindestens zweimal pro Tag kontrolliert werden. Damit die Jäger nicht jedes Mal vor Ort sein müssen, gibt es spezielle Fallenmelder, die signalisieren, wenn ein Tier gefangen ist. Oft sind es Katzen, aber auch Eichhörnchen oder Siebenschläfer, die der Köder in die Falle lockt. Diese werden dann direkt befreit und die Kiste wieder bestückt. Geht das gesuchte Wildtier in die Falle, lassen es die Stadtjäger in einem abgelegenen Gebiet wieder frei. Nur äußerst selten komme eine Schusswaffe zum Einsatz. Schießen dürfen sie in bewohntem Gebiet nicht. Ist es unumgänglich, weil etwa verletzte Tiere vor Ort getötet werden müssen, muss vorher und nachher die Polizei informiert werden.
Die Stadtjäger beraten auch, wie Gebäude geschützt werden können. Fallrohre und Dachrinnen gegen das Hochklettern zu schützen, Bäume so zurückschneiden, dass die Tiere nicht über sie aufs Dach kommen, nennt Goetsch als Beispiele. Olaf Goetsch und Jochen Auch haben beide einen Jagdschein und eine Fortbildung zum Wildtierschützer. Das ist die Voraussetzung, um Stadtjäger zu werden. Der Vorteil der Stadtjäger-Funktion: „Wir müssen nicht mehr für jedes einzelne Grundstück eine behördliche Genehmigung für die Jagd einholen“, erklärt Goetsch. Denn bis diese vorlag, sei das Tier oft schon weitergezogen gewesen. Nicht selten nur in einen Nachbargarten, für den dann aber erneut eine Genehmigung eingeholt werden musste. Goetsch: „Nun dürfen wir im ganzen Ortsgebiet jagen.“
Neun Monate Ausbildung
Jochen Auch (50) ist gelernter Industriemeister und ausgebildeter Waldpädagoge und kam über seinen ehrenamtlichen Einsatz für verletzte und kranke Greifvögel beim Naturschutzbund (Nabu) zur Jagd. Olaf Goetsch hat bereits in seiner Kindheit in Österreich die Leidenschaft fürs Jagen entdeckt. Als die Gemeinde anfragte, ob sie die Aufgabe als Stadtjäger übernehmen würden, sagten beide ja. Ums Geldverdienen gehe es ihnen nicht, betonen beide. Eher schon sei es Berufung, so Goetsch. Und Auch nennt es „ein Ehrenamt für die Gemeinde“.
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