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Landestreffen in Nürtingen: Alevitische Gemeinden wollen sichtbarer werden

Vertreter aller 39 Mitgliedsvereine sind am Sonntag aus ganz Baden-Württemberg zur Landesdelegiertenkonferenz nach Nürtingen gekommen. Man wolle als eigene Stimme wahrgenommen werden, sagt der Landesvorsitzende Cem Cantekin.

Die Landesvertretung der Alevitischen Gemeinde in Baden-Württemberg auf einen Blick (von links): der Vorsitzende Cem Cantekin, Bedirhan Han (Landessekretär), Ezgi Kozakli (Landessekretärin), Hasan Geyik (Vize-Vorsitzender), Güller Erdogan (Vorsitzende der Nürtinger Gemeinde, nicht Teil des Landesvorstands), Öner Önder (Vize-Schatzmeister), Hüseyin Sinirtas (Technik), Firaz Durmaz (Vorstandsmitglied), Ruhiye Akbaba (Frauenvorsitzende), Mahir Durmaz (Vorstandsmitglied), Utku Sahinkayali (Jugendvorsitzender), Enver Uzungelis (Vize-Generalsekretär des Dachverbands, nicht Teil des Landesvorstandes) Erdal Yildiz (Schatzmeister). Foto: Kai Müller

NÜRTINGEN. Die Friedenstaube mit dem roten Band in der Mitte ist an vielen Orten auf der Deutschlandkarte zu finden, die neben dem Rednerpult steht. „In Baden-Württemberg gibt es insgesamt 39 Mitgliedsvereine“, erzählt Cem Cantekin. Für jede Taube steht eine Gemeinde. Cantekin ist Vorsitzender der Landesvertretung der Alevitischen Gemeinde in Baden-Württemberg (AABF-BW) und muss am Sonntagmorgen immer wieder Hände schütteln. Vertreterinnen und Vertreter der besagten Mitgliedsvereine haben sich in Nürtingen zur Landesdelegiertenkonferenz getroffen. Einmal im Jahr findet diese an wechselnden Orten in Baden-Württemberg statt.

„In Nürtingen waren wir schon lange nicht mehr“, sagt Cantekin. Umso mehr freut sich die Vorsitzende der Nürtinger Gemeinde, Güller Erdogan, dass sie Gastgeberin der Konferenz sein darf. „Wir haben 170 Mitglieder“, erzählte sie. Diese kommen nicht nur aus Nürtingen, sondern auch aus Wendlingen und Kirchheim. Man packt miteinander an, auch wenn es zum Beispiel um den neuen Anbau geht, in dem heute das Treffen stattfindet. Da steckt viel Eigenleistung drin, denn die Gemeinde in Nürtingen, wie alle anderen auch, finanziert sich rein durch Spenden und die Beiträge ihrer Mitglieder.

Rund 700.000 Aleviten leben in Deutschland

Die aktuelle Landesvertretung wurde vor einem Jahr gewählt. Ihr 100-Tage-Programm: Sie wollte mit allen 39 Gemeinden ins direkte Gespräch kommen. Das ist gelungen, wie ein Film gleich zu Beginn der Veranstaltung zeigt. „Wir wollen den Fokus auf die Öffentlichkeitsarbeit legen“, sagt Cantekin über die Pläne. Denn es gibt schließlich immer noch viele Menschen, die nicht wissen, dass die Aleviten eine eigenständige und liberale Religionsgemeinschaft sind.

Rund 700.000 Aleviten leben derzeit in Deutschland und sie sind eine wichtige Minderheit in der Türkei. Die Religion hat sich zwar aus dem schiitischen Islam entwickelt, verfügt aber über ganz eigene Riten und Glaubensgrundsätze. Aleviten lehnen die Scharia ab, beten nicht in Moscheen, sondern in sogenannten Cemevi, also Versammlungshäusern. Sie fühlen sich besonders humanistischen Werten wie Toleranz und Nächstenliebe verpflichtet. Frauen und Männer sind gleichberechtigt und beten gemeinsam. Die Anwesenden einer alevitischen Cem-Zeremonie werden unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrem Alter oder ihrem sozialen Status als „Can“ („Seele“) betrachtet.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Derya Türk-Nachbaur aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis ist selbst Alevitin und sprach bei der Landesdelegiertenkonferenz in Nürtingen ein Grußwort. Foto: Kai Müller

Eigener Wohlfahrtsverband als langfristiges Ziel

Die Alevitische Gemeinde Deutschland hat im Jahr 2020 den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts erhalten. „In Baden-Württemberg arbeiten wir noch daran“, ergänzt Cantekin, der dem zweitgrößten Landesverband vorsteht. Auch daran, dass man als „eigene Stimme“ wahrgenommen werden wolle: „Wir wollen für uns selbst sprechen.“ Ein langfristiges Ziel sei auch, die Möglichkeit zu schaffen, dass die Aleviten einen Wohlfahrtsverband, analog zu Caritas oder Diakonie, gründen können. „Um der Gesellschaft etwas zurückgeben zu können“, sagt Enver Uzungelis, der auf Bundesebene stellvertretender Generalsekretär ist.

Doch das ist noch Zukunftsmusik. Derzeit geht es Cantekin und dem Landesvorstand eher darum, die Gemeinden vor Ort zu unterstützen, damit dort mehr Sozial- oder auch Kunst- und Kulturprojekte verwirklicht werden können. In seiner Heimatgemeinde Mannheim hat Cantekin den Videocast D.R.A.M.A in die Tat umgesetzt, um ein Zeichen gegen Alltagsrassismus zu setzen. Dafür gab es auch einen Preis.

Zentrales Büro in Stuttgart?

Video-Botschaft des Grünen-Ministerpräsidentenkandidaten Cem Özdemir, da zeitgleich die Landesdelegiertenkonferenz der Grünen in Ludwigsburg war. Foto: Kai Müller

Dass bei der Stadtbilddebatte pauschaliert wurde, hätte die Aleviten „ziemlich enttäuscht“, erzählt der Landeschef. Zumal sich viele selbst als Deutsche fühlten. „Das Grundgesetz ist für uns das höchste Buch“, sagt Cantekin. Man wolle als „ebenbürtiger Partner“ auftreten. Der Vorsitzende ergänzt: „Wir müssen noch mehr tun, um verstanden zu werden.“ Ihm und seiner Mitstreiterin schwebt auch ein zentrales Büro in Stuttgart vor. Am besten in der Nähe zum Landtag. Doch man suche keineswegs die Konfrontation: „Es ist eine Herausforderung, die wir bewältigen müssen.“

„Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit“: Diese Schlagworte benutzt auch die Landessekretärin Ezgi Kozakli in ihrer kurzen Rede. Eda Aktaş, die stellvertretende Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde, erklärt, dass viel „Leidenschaft, Herzblut und Liebe“ in den einzelnen Gemeinden steckten und auch darüber hinaus: „Wir sind da, wir bringen uns ein.“ Sie ergänzte: „Wir wollen aber nicht übersehen werden.“ Die Massaker und Angriffe auf Minderheiten in Syrien erschütterten die Aleviten noch immer zutiefst. Das zeige aber, wie wichtig der Zusammenhalt sei. Der Landesjugendvorsitzende Utku Sahinkayali sagt: „Wenn Kinder und Jugendliche geachtet werden, wird Deutschland und Baden-Württemberg noch viel schöner werden.“

Video-Grußwort von Cem Özdemir

Sichtlich wohl in der Nürtinger Gemeinde fühlt sich offenbar auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Derya Türk-Nachbaur, die selbst Alevitin ist: „Das ist ein Wohnzimmer unserer Demokratie“, sagt die Politikerin, die den Wahlkreis Schwarzwald-Baar im Bundestag vertritt, und auch parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion ist. Hier weht ein besonderer Geist von „Offenheit, Wärme und Respekt“: „Jeder Mensch zählt. Gleichberechtigung ist kein Schlagwort, sondern selbstverständlich“, ergänzt Türk-Nachbaur. Solche Orte der Begegnung brauche eine wehrhafte Demokratie. Das sei aber noch viel zu selten sichtbar: „Das darf so nicht bleiben.“ Sie rief die Anwesenden dazu auf: „Seid mutig, seid sichtbar.“ Eine Video-Grußbotschaft sendet der Grünen-Ministerpräsidentenkandidat Cem Özdemir, da gleichzeitig die Landesdelegiertenkonferenz der Grünen in Ludwigsburg auf dem Programm steht. Özdemir ist kein Alevit, fühlt sich aber schon länger der Religionsgemeinschaft gegenüber verbunden. Es brauche eine Gesellschaft, die alle mitnimmt, sagt Özdemir. Den Schlusspunkt des öffentlichen Teils setzt schließlich der Landesvorsitzende Cantekin. „Wir müssen mehr in die Öffentlichkeit gehen und alle auch außerhalb der Gemeinden mehr tun“, sagt er und nennt damit die nächsten Ziele.

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