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Kunst zwischen Abbruch und Aufbruch im Nürtinger MEGA-Markt

Im leer stehenden Großhandel auf dem Schlachthof-Areal präsentieren Nürtinger Kunstschaffende ihre aktuellen Werke und machen damit das Gebäudeinnere zum Resonanzraum für gesellschaftliche Fragen.

Detail aus der Arbeit „Nürtingen-Komplex“ von Andreas Mayer-Brennenstuhl. Foto: Florian Stegmaier

NÜRTINGEN. Ein Kühlraum als Oval Office? Wenn ein Ort sich im Wandel befindet, birgt er Potenzial für neue Perspektiven. Das beweist die Ausstellung „MEGA-Potential“, die derzeit im ehemaligen MEGA-Markt auf dem Schlachthof-Areal zu sehen ist. Vierzehn künstlerischen Positionen dient das leer stehende Gebäude als kreative Ressource.

Ironischer Kommentar über Sprache und Struktur

In einer ausgedienten Kühlkammer wirft Michael Gompf Schlaglichter auf die Inszenierung der Realität: Sein Diorama des Oval Office gewährt Einblick ins kalte Herz der Macht. Wolfgang Zieher hingegen entwickelt aus einer vergessenen Insektenfalle eine technische Versuchsanordnung samt Röntgenbild und Wirbelknochen. Andreas Mayer-Brennenstuhl greift zur Fassade: Der MEGA-Schriftzug, in neuer Anordnung ins Gebäudeinnere transferiert, wird zum ironischen Kommentar über Sprache und Struktur. Auch Sawako Nunotani bezieht die räumlichen Gegebenheiten ein – ihre Tanzperformance zur Vernissage verband Bewegung und Projektion zu einem flüchtigen Ereignis im Hier und Jetzt.

Auch die ehemaligen Kühlräume werden bespielt. Foto: Florian Stegmaier

Überhaupt lebt die Ausstellung von einer klugen Spannung zwischen Vergänglichkeit und Vergegenwärtigung. Ein Beispiel dafür ist Meike Düßmanns Installation, die wie das Modell einer Baustelle wirkt. Sie verweist auf das, was nach dem Abriss des Gebäudes entstehen soll: das neue Diakoniezentrum.

Individuelle Reflexion auf die Ästhetik des Erinnerns

Nicht nur ihre Arbeit zeigt, dass Kunst gesellschaftliche Prozesse sichtbar machen und mitgestalten kann. Während andernorts dem Neuen das Wort geredet wird, setzt Tiina Kirsi Kern auf Re-Use. Ihre filigranen Gewebe aus alten Magnetbändern verwandeln Technikreste in poetische Oberflächen – eine individuelle Reflexion auf die Ästhetik des Erinnerns. Mit dem Erinnern spielt auch Josephine Bonnet. Ihre teils aus Schlafanzügen gefertigten Materialbilder rufen Intimes ins Bewusstsein. Intimität und Verletzlichkeit stellen auch die großformatigen Gemälde von Nina Raber-Urgessa aus – expressive Figuration im Dienst der malerischen Selbstbefragung. Die Grenze zwischen Kunst und Wissenschaft befragt Monika Schaber, deren Holzschnitte zwischen astronomischer Karte und irdischer Topografie oszillieren.

Gemälde von Nina Raber-Urgessa. Foto: Florian Stegmaier

Steinskulpturen von meditativer Klarheit

Ein stiller Höhepunkt ist die posthume Ehrung von Harald Huss. Seine Serie „Aude“, inspiriert von der südfranzösischen Landschaft, entfaltet kontemplative Farbräume. Auch plastische Arbeiten sind vertreten: Carla Mausch zeigt formal strenge Steinskulpturen von meditativer Klarheit. Johannes Pfeiffers geometrische Kupferrohrplastik „Energia“ verschaltet Kriegsverwüstung und Energieversorgung – und rührt an einem ethischen Dilemma, das nicht nur die Medien, sondern auch das kollektive Empfinden umtreibt. Einen „visuellen Appell für den Frieden der Völker“ formulieren die glänzenden, an asiatische Lackkunst gemahnenden Collagen von Eva Hoppert. Und schließlich Till Ansgar Baumhauer: Durch das Lösen von Knoten afghanischer Kriegsteppiche macht er Militärembleme als Negativformen sichtbar – eine visuell eindrückliche Metapher für das Löschen kultureller Strukturen durch den Krieg.

„MEGA-Potential“ zeigt, was möglich ist, wenn Raum, Kunst und Gesellschaft miteinander in Dialog treten. So wird eine Kühlkammer zum politischen Denkraum – und ein aufgelassener Großmarkt zur Bühne der Imagination. Die Ausstellung ist bis 29. Juni samstags und sonntags von 15 bis 19 Uhr geöffnet.

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