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Was sich hinter den dicken Mauern des ehemaligen Spitals in Nürtingen verbirgt

Am Samstag kamen Leserinnen und Leser unserer Zeitung in den Genuss, Orte der Hochschule zu besichtigen, die sonst für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind.

Lydia Rambold führt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ersten Tour der Sommer-Aktion auch in die Cafeteria der Hochschule. Das Fachwerk wurde vor 20 Jahren freigelegt. Foto: Stefan Rosenfeld
Im Spitalhof lieferte Lydia Rambold einen geschichtlichen Abriss über die unterschiedlichen Nutzungen des Gebäudes. Foto: Stefan Rosenfeld
Die alte Turnhalle weckte bei vielen Zuhörerinnen und Zuhörern Erinnerungen an die eigene Schulzeit. Foto: Stefan Rosenfeld
Neben der alten Turnhalle war früher der Sportplatz. Foto: Stefan Rosenfeld
Die Tour gewährte neben Einblicken auch Ausblicke wie hier auf den Hof neben der alten Turnhalle. Foto: Stefan Rosenfeld
Der ehemalige Fruchtkeller imponierte wegen seiner Größe und Kühle. Er soll mithilfe von Spenden wieder als Veranstaltungsraum nutzbar gemacht werden. Foto: Stefan Rosenfeld
Die Fässer zeugen davon: Der Wein floss im Fruchtkeller einst in Strömen. Foto: Stefan Rosenfeld
Beeindruckend: das reich verzierte Treppengeländer. Foto: Stefan Rosenfeld
Eines der vielen Schmuckstücke: die Decke im Stucksaal. Foto: Stefan Rosenfeld
Die von außen fast unscheinbar wirkende Fensterflucht entlang der Lampertstraße: Innen erhellt sie die moderne Mensa der HfWU und gibt dem Raum eine markante Struktur. Foto: Stefan Rosenfeld
Willkommene Abkühlung: Vor oder nach der Führung gönnten sich manche ein erfrischendes Eis. Foto: Stefan Rosenfeld

NÜRTINGEN. „Hier habe ich früher geturnt“, entfährt es dem ein oder anderen Teilnehmer der ganz besonderen Tour am Samstagnachmittag. Helga Hanke beispielsweise erinnert sich noch gut daran, wie es von der Mörikeschule aus zum Sport ins „Spital“ ging. Als Lydia Rambold die Tür mit der Aufschrift „Workplace“ öffnet, schweifen die Blicke neugierig durch den Saal, der durch seine freigelegten Holzbalken, die spitz zulaufenden Fenster, vor allem aber durch die an der Decke hängenden Ringe längst vergangene Zeiten aufleben lässt. Heute können Studenten der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) hier arbeiten. Im Rahmen der Sommer-Aktion bekamen Leserinnen und Leser unserer Zeitung nicht nur Einblick in dieses sonst für die Öffentlichkeit verschlossene „Schmuckstück“ aus dem Jahr 1865. Auch andere Bereiche machte Lydia Rambold für diejenigen zugänglich, die per Glückstelefon jeweils zwei Karten ergattert hatten.

Lydia Rambold ist seit 25 Jahren Stadtführerin

Anlass für die dreiteilige Reihe in Kooperation mit dem Amt für Stadtmarketing ist, dass in Nürtingen vor 25 Jahren erstmals Stadtführerinnen und Stadtführer ausgebildet worden waren. Auch Lydia Rambold hatte sich damals dafür entschieden, nachdem sie an der Volkshochschule einen Geschichtskurs absolviert hatte. Die „Reig’schmeckte“, wie sie sich selbst schmunzelnd bezeichnet, kam vor 35 Jahren aus dem Hohenlohischen ins Schwabenland. „Ich war immer an Geschichte interessiert“, sagt sie. „Es hat mir geholfen, mich einzufinden.“ Das hatte sie bereits bei Auslandsaufenthalten, etwa als Au-pair in Paris und Toronto, aber auch bei einem mehrmonatigen Sprachkurs in Spanien erfahren.

Die Geschichte Nürtingens erhellt sie für Interessierte als Stadtführerin auch noch 25 Jahre nach ihrer Ausbildung. Und sie führt im Auftrag der Hochschule internationale Gäste durch die historischen Räume. Prädestiniert ist sie dafür, weil sie fünf Sprachen spricht und 35 Jahre im akademischen Auslandsamt, dem heutigen International Office der HfWU, gearbeitet hat.

Zum Auftakt lieferte Lydia Rambold am Samstag unter der Linde im Spitalhof einen geschichtlichen Abriss zu dem Gebäudekomplex, der im Laufe der Jahrhunderte als Spital und später unter anderem als Lehrerseminar gedient hatte und heute von der HfWU genutzt wird. Den „Daheimgebliebenen“ wollte sie jedoch vor allem Räume präsentieren, in die auch sie sonst selten vordringt. Das gestaltete sich nicht ganz einfach. Zwar hatte sie eine Karte bei sich, die tags zuvor noch problemlos als „Sesam öffne dich“ funktioniert hatte. Doch hatte zwischenzeitlich jemand die ein oder andere Tür verriegelt. Als die ersehnte Hilfe per Schlüssel kam, fiel nicht nur ihr ein Stein vom Herzen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer quittierten die Öffnung der Hochschule mit Beifall.

Der Stucksaal ist heute Sitzungszimmer des Senats

Was sie zu sehen bekamen, ließ viele staunen: Der Stucksaal, der sich über knarzende Treppen mit einem aufwendig verzierten Geländer erreichen lässt, dient heute dem Senat der HfWU als Sitzungszimmer. Lydia Rambold lenkte den Blick zur strahlend weißen Stuckdecke: Ceres oder Demeter, römische und griechische Göttinnen der Ernte, sind dort etwa verewigt. Genauso ein Pelikan, der sich opfert, um seine Jungen durchzubringen. Er sei ein Zeichen für Barmherzigkeit. Vieles davon, womit das einstige Spital in Verbindung gebracht wird, lässt sich an der Decke ablesen.

Vom lichtdurchfluteten Obergeschoss ging es in den düsteren alten Gewölbekeller, in dem von der sommerlichen Hitze nichts zu spüren war. Auch der brachte manche Augen zum Leuchten: „So einen Keller haben wir auch“, sagte Fritz Schur aus Kohlberg. Zum Lagern etwa von Kartoffeln sei der hervorragend. Die am Eingang des ehemaligen Fruchtkellers aufgereihten Fässer erinnern dagegen an andere Nutzungen: In den Zeiten, in denen das Gebäude als Armenhaus (ab 1526) diente, wurde hier das Weinzehntel eingelagert. Die Höhere Landbauschule, ab 1949 im ehemaligen Spital ansässig, kelterte dort Dessertweine. „Sie haben geschmeckt wie Fruchtsaft“, so Lydia Rambold. Draußen habe es einem dann die Füße weggezogen. Dazu hatte sie eine Anekdote parat: Nachdem ein Landrat aus Stuttgart in den Keller geladen hatte, um eine wichtige Entscheidung zu fällen, sei einer der Ministerialen plötzlich verschwunden. Am nächsten Morgen habe man ihn in Stuttgart auf einer Parkbank gefunden. „Das kam damals sogar in der Zeitung“, sagte Lydia Rambold lachend. Geplant ist, den einst für Feiern, Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen genutzten „Großen Keller“ mithilfe von Spenden zu restaurieren und ihn mit einem brandschutzgerechten Aufgang wieder zugänglich zu machen.

Kellertreppe führt zur Lampertstraße

Die vorhandene ausgetretene, steile Treppe führt hinauf zur Lampertstraße. Dort verbirgt sich der Kellerabgang hinter einem abgeschossenen, fast unscheinbaren Rundbogentor. Von der Straße aus lässt sich hinter der hoch gelegenen Fensterflucht auch vom freigelegten Fachwerk in der Cafeteria und der modernen Mensa aus kaum etwas erahnen. Immer wieder sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmern verblüfft: „Da ist man schon 100 Mal vorbeigelaufen, aber dass es da drin so schön ist“, sagt Gerhard Harrer aus Neuenhaus, der mit seiner Frau Annelie gekommen ist. Auch Sylvia Class, die Barbara Häußler zur Tour mitgebracht hat, freut sich wie ihre Begleiterin darüber, dass sie nun weiß, was sich hinter den dicken Mauern verbirgt. Sie ist völlig baff: „Ein bis zweimal in der Woche ist man in der Stadt zum Einkaufen und denkt nichts dabei, wenn man vorbeikommt. Und dann ist das hier so interessant.“

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