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So lief in Nürtingen der Kampf um den Bunker

Der geplante Atomschutzraum unter dem Rathaus spaltete die Stadt. Am Ende sorgte der erste Nürtinger Bürgerentscheid für eine Entscheidung.

So berichtete die Nürtinger „Stattzeitung“ über die Bunkerpläne. Foto: Steffen Seischab

NÜRTINGEN. Selten war der Wunsch nach Frieden so drängend wie heute. Tagtäglich zeigen uns die Medien die ganze Grausamkeit des Krieges. Ob in Gaza oder der Ukraine: Das Leid der Menschen dort ist furchtbar. „Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“, lautete lange ein Motto der Friedensbewegung, die aktuell eine Renaissance zu erleben scheint. Dem entgegen steht das Wort des ehemaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz von einer „Zeitenwende“, die zu einer Politik der Abschreckung und des verstärkten Selbstschutzes angesichts der russischen Bedrohung aufruft.

Frieden schaffen mit immer mehr oder weniger Rüstung und Sicherheitsmaßnahmen – in diesem Dilemma steckt die Diskussion in einer zunehmend gespaltenen Öffentlichkeit momentan fest. Derzeit wird sogar von Katastrophenschützern eine Umrüstung von Tunneln und Kellern in potenzielle Schutzräume für den Ernstfall verlangt. Angesichts dessen erhält ein Blick in die nunmehr rund 40 Jahre alte Debatte um den Bau eines „Atomschutzraums“ in der Nürtinger Innenstadt eine ungeahnte Aktualität.

Anfang der 1980er-Jahre stand die Bundesregierung im Zuge des Nato-Doppelbeschlusses 1979 unter dem Eindruck einer verschärften Bedrohung durch sowjetische Atomraketen. So forderte sie die Kommunen auf, bei zukünftigen Bauprojekten mit größeren Unterkellerungsarbeiten Planungen über einen möglichen Ausbau der Untergeschosse zu Zufluchtsorten der Bevölkerung im Krisenfall einzubeziehen.

Die Architekten sahen sich nicht als Planer eines Schutzraums

In Nürtingen wurde dies im März 1984 konkret, als das 1982 mit der „Planung eines Wohn- und Geschäftshauses [Aldi-Markt] mit einer Tiefgarage an der Ecke Mühlstraße/Europastraße“ beauftragte örtliche Architektenbüro Weinbrenner-Kuby-Rehm-Maier eine Mitteilung der Stadtverwaltung erhielt, „dass sie prüfe, ob im Zusammenhang mit der Tiefgarage ... auch ein Schutzraum eingebaut werden könne.“ Infolgedessen bekam das Architektenbüro nun auch den Auftrag, „Untersuchungen anzustellen, ob und in welcher Größe ein solcher Schutzraumbau im Bereich der Tiefgarage möglich wäre“.

Als sich diesbezügliche Planungen der Stadt konkretisierten, stand das Architektenquartett also nunmehr vor der Entscheidung, ob man sich jetzt an der Bauausführung einer Tiefgarage mit Schutzraum beteiligen würde oder nicht. Hierzu stellte Eberhard Weinbrenner in einem Brief vom 13. Dezember 1984 an die Stadtverwaltung klar, dass man sich „als die Architekten eines Hochbauprojekts und nicht als die Planer eines Schutzraums“ sehe. Für den Bau eines solchen strahlen- und atomsicheren Schutzraums stehe das Büro nicht zur Verfügung, „da die Wirksamkeit ... unseres Erachtens nicht gegeben ist. Unsere Sorge geht dahin, dass durch den vermehrten Bau solcher Schutzräume die Illusion einer vermeintlichen Sicherheit genährt wird. Unseres Erachtens sollte alles daran gesetzt werden, die Bevölkerung über die gefährliche Situation aufzuklären, in der wir uns durch die Überbewaffnung der beiden Blöcke befinden“.

Ein tiefer Riss in der Kommunalpolitik

In seinem Schreiben an die Stadtverwaltung wies das Architektenbüro auch darauf hin, dass ja noch keine politische Entscheidung zum Bau eines solchen Schutzraums getroffen worden sei. Nun schrieb das Büro auch alle Fraktionsvorsitzenden des Gemeinderats an, um deren Meinung dazu zu erfragen. Erwartungsgemäß führte dieses Nachfassen allerdings nicht dazu, dass eine Mehrheit des Nürtinger Gemeinderats das Projekt hinterfragte oder gar davon abließ, zumal sich Oberbürgermeister Alfred Bachofer eindeutig auf die Seite der Befürworter stellte.

Stattdessen wurde ein tiefer Riss innerhalb der Nürtinger Kommunalpolitik zwischen Befürwortern und Gegnern eines Schutzraumbaus erkennbar, der auch die städtische Öffentlichkeit polarisierte. Auch die lokale Presse wurde in die Auseinandersetzung hineingezogen: Bei der Nürtinger Zeitung positionierte sich Lokalredakteur Jürgen Gerrmann skeptisch gegenüber einem Schutzraumbau. Gegen eine Berichterstattung seines Kollegen Otto Häusser intervenierte der empörte OB – mit der Folge, dass Häusser die Zeitung verließ. Bei der Nürtinger „Stattzeitung“ war man ohnehin von vornherein aufseiten der Projektkritiker und titelte bereits im Juli/August 1984 satirisch: „Keine Bange! Nürtinger überleben den Atomkrieg“ zum Bild eines einsamen Gasmaskenträgers im Keller.

Das Rathaus gerät als Standort in den Fokus

Aus dem Lager der Gegner heraus bildete sich 1985 eine Nürtinger Initiative gegen Atombunker mit dem Ziel, das Aldi-Tiefgaragen-Schutzraumprojekt zur Strecke zu bringen. Die Stadtverwaltung erkannte die gefährliche Dimension des anschwellenden Protestes, ließ aber nicht von ihren grundsätzlichen Planungen für einen Atomschutzraum ab. Bei längerem Nachdenken würde sich das Aldi-Projekt hierfür allerdings eher als ungünstig erweisen. Denn es handele sich doch hierbei nicht um ein rein städtisches Bauprojekt, sondern um eines, bei dem ein privater Investor einen wesentlichen Teil des Kapitals beisteuerte. Deshalb bestand auch die Gefahr, dass dieser bei einer längeren Verzögerung des Projekts abspringen und andernorts bauen lassen würde.

Als gangbarere Alternative präsentierte sich demgegenüber der ebenfalls anstehende Erweiterungsbau des Rathauses, bei dem auch eine großflächig dimensionierte Tiefgarage vorgesehen war. Dementsprechend lenkte OB Bachofer die Energien des Stadtbauamts unter dessen Direktor Kurz auf dieses Projekt. Das Aldi-Areal wurde zwar, um sich auch diesen Weg theoretisch weiter freizuhalten, formal noch nicht aus der Schutzraumplanung entlassen, aber es war offensichtlich, dass die Stadtverwaltung jetzt das Rathausprojekt als neuen Standort favorisierte.

Das Thema wurde von der „Stattzeitung“ auch satirisch aufgegriffen. Foto: Steffen Seischab

Der Gemeinderat stimmte für den Schutzraum

Diesen Schwenk machten aber die Projektgegner natürlich ebenfalls mit, denen es im öffentlichen Meinungsstreit nun in die Hand spielte, dass ausgerechnet das zentrale Bauwerk kommunaler Selbstverwaltung zum Hort eines Atomschutzraums von zweifelhaftem Nutzen und nur begrenzten Kapazitäten sein würde: Mehr als 1500 bis 2000 Personen könnten hier nicht Platz finden, weshalb sich mit dem Bau eines solchen Schutzraums automatisch die Frage verbinde, wer im Ernstfall dessen Belegung bestimme.

Diesen Vorbehalten zum Trotz votierten bei der Abstimmung im Nürtinger Gemeinderat am 18. Februar 1986 immerhin 22 Gemeinderäte aus den Fraktionen von CDU, FDP und UFB für einen Schutzraumbau, bei 13 Gegenstimmen aus dem Lager von SPD, Grünen und Nürtinger Frauenliste. Damit hätte der Schutzraumbau eigentlich beschlossene Sache gewesen sein müssen, wenn hier nicht Nürtinger Bürger eingeschritten wären.

Gegner des Projekts wie der Friedensaktivist Hellmut Kuby, einer der vier Partner des mit der Planung des Aldi-Areals beauftragten Architektenbüros, hatten engagiert verfolgt, wie andere Kommunen mit diesem Thema umgegangen waren. In München hatte es im Dezember 1984 eine Expertenanhörung mit öffentlicher Podiumsdiskussion dazu gegeben. In Waldkirch war die Frage über einen Bürgerentscheid am 5. Mai 1985 entschieden worden, bei dem 83,5 Prozent gegen den Ausbau einer Tiefgarage zum Schutzraum gestimmt hatten. Eine deutschlandweite Emnid-Umfrage vom Frühjahr 1985, wonach 69 Prozent der Bürger einen Schutzraumbau ablehnten, wies in die gleiche Richtung.

Ein Bürgerentscheid wurde angestoßen

Also beschlossen Kuby und seine Mitstreiter, über die bereits existierende Nürtinger Initiative gegen Atombunker auch in der Neckarstadt einen solchen Bürgerentscheid anzustoßen. Tatsächlich konnten weder OB noch Gemeinderat sich diesem lauthals vorgetragenen Begehren verschließen, wenn sie nicht als undemokratisch gelten wollten. Eine Anfrage beim Regierungspräsidium ergab die rechtliche Zulässigkeit eines solchen Bürgerentscheids. Und so wurde im Dezember 1985 durch den Nürtinger Gemeinderat – also noch vor der oben erwähnten Abstimmung, die nur der Dokumentation der Mehrheitsverhältnisse diente – die Realisierung eines solchen Entscheids zum 16. März 1986 beschlossen.

Bei der daraufhin mit voller Wucht auf beiden Seiten einsetzenden Kampagne nahm Hellmut Kuby im Lager der Gegner eine zentrale Position ein. So holte er die Ausstellung „Schutz-Räume?“ der Friedensinitiative Architekten und Planer aus München nach Nürtingen, wo sie im Foyer der Stadthalle im Februar 1986 eine Woche lang gezeigt wurde.

Das Ergebnis des Bürgerentscheids vom 16. März 1986 fügte sich nahtlos in den allgemeinen damaligen deutschlandweiten Trend ein: Bei einer Beteiligung von 57 Prozent stimmten 85,2 Prozent gegen den Ausbau einer Tiefgarage in der geplanten Rathauserweiterung zum Schutzraum. Bachofers Hoffnung, dass die Zahl der abgegebenen Stimmen das erforderliche Quorum nicht erreichen würde, hatte sich nicht erfüllt. Immerhin aber reagierte er geschmeidig auf die neuen Verhältnisse, indem er behauptete, ein „ähnliches Ergebnis vorausgesagt“ zu haben, während Stadtrat Besemer, einer der engagiertesten Befürworter des Projekts, verbittert zu Protokoll gab, dass jeder „jetzt für die nächsten 100 Jahre dazu verdammt [ist], sich nicht schützen zu können.“

Eine der größten Leistungen der Atomschutzraumgegner

Worin liegt nun, jenseits der nackten Tatsache, dass die Stadt bis heute keinen Atomschutzbunker hat, die Bedeutung dieser Episode Nürtinger Geschichte? Ohne Zweifel ist es eine der größten Leistungen der Atomschutzraumgegner gewesen, den Nürtingern, wie es Jürgen Gerrmann rückblickend treffend formuliert hat, mit dem engagierten Kampf für einen Bürgerentscheid – den ersten in der Stadt überhaupt – „eine Sternstunde kommunaler Demokratie“ beschert zu haben. Alle weiteren Bürgerinitiativen in der Neckarstadt bauen auf diesem Erstling auf, der die Bürgerschaft jenseits von Parteipolitik und Gremienarbeit wieder zum unmittelbaren Souverän gemacht hat. Das hat die stark aufgeheizte, polarisierte Debatte nachhaltig beruhigt, wie immer man zum Ergebnis des Entscheids stehen mag.

Aber auch in der Sache wurde ein Meilenstein gesetzt. Frieden braucht mehr als atomsichere Schutzräume: Die Bereitschaft, auf den anderen zuzugehen, Vertrauen zu schaffen, Brücken zu bauen. Mag sein, dass die Zeiten gerade nicht danach sind. Aber es werden auch wieder andere kommen, in denen es von großem Vorteil sein kann, diese Möglichkeiten aktiver Friedenspolitik nicht verlernt zu haben. Daran mag uns die Debatte um den nicht realisierten Nürtinger Bunker erinnern.

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