Nürtingen
Die Träger des Eis der Heckschnärre
Die Nürtinger SPD ehrt Hellmut Kuby mit dem Ei der Heckschnärre – Einsatz für das Stadtbild und gegen den Krieg gewürdigt
Ein Kämpfer für ein gewachsenes Stadtbild und gegen die Geißel des Krieges ist der 27. Träger des Eis der Heckschnärre: Die Nürtinger SPD zeichnete vorgestern in der Kreuzkirche Hellmut Kuby mit ihrem Aschermittwochspreis aus. Gewürdigt wurde damit der „konstruktive Widerstand“ des Architekten und Friedens-Aktivisten.
NÜRTINGEN. Sinnigerweise fand die Veranstaltung in der Kreuzkirche statt, die in Hellmut Kubys Biografie eine ganz spezielle Rolle spielt: Der Tatsache, dass er als von der Stadt mit dem Renovierungskonzept des einstigen Gotteshauses beauftragter Architekt die Entfernung der Seitenempore gefordert hatte, bis er in einer spektakulären Aktion vom damaligen Regierungspräsidenten Manfred Bulling gestoppt wurde, wich er nicht aus: „Ich hatte mich geirrt. Heute bin ich sehr froh, dass ich mich nicht durchsetzen konnte. Der Einwand von außen hat zu einem besseren Ergebnis geführt.“ Mit diesem Bekenntnis einher ging das Bedauern darüber, dass „echte Beteiligung interessierter Bürger in Nürtingen und anderswo heute leider unterrepräsentiert ist“.
Die Bürger mehr mitreden und vor allem mitentscheiden zu lassen: Das war auch der rote Faden, der sich sowohl durch die Laudatio als auch die Dankesworte des Ausgezeichneten zog. Dessen Wirken hatte Reinmar Wipper in einer bemerkenswerten Rede voller fein geschliffener Formulierungen gewürdigt und dabei erst einmal skizziert, was der nicht sei – kein Ungehorsamer, keiner, den man aus den Schlagzeilen kenne, kein Anführer und Antreiber, kein Aufrührer und Umtreiber. Mit dem Bildhauer Alfred Hrdlicka könne man sagen: „Dem Baumeister fällt nichts ein, ihm fällt was auf.“ Und daraus ziehe Hellmut Kuby Konsequenzen – bis hin zur Empörung: „Und dann spricht er darüber, schreibt und handelt.“
Anders als die Heckschnärre habe er nie geschärrt und geschnärrt, sei nie laut gewesen, sondern höre stets erst mal zu – als „Gentleman der Diskussion“ sei er „sanft auf die Füße derer getreten, die holzten und bolzten“ und sich dabei nie einschüchtern lassen. Als einen Meilenstein für das Wirken Kubys nannte Wipper den Bürgerentscheid gegen den Bunker: „Die kollektive bürgerliche Vernunft hatte gesiegt über die gewählte Vernunft ihrer Vertreter.“
„Hellmut Kuby ist ein Gentleman der Diskussion“
Reinmar Wipper, Laudator
Auch auf den „unermüdlichen Mahner gegen den Krieg“ ging die Laudatio ein. Auch hier zeige sich, dass Kuby widerständig werde, wenn er das Wesentliche gefährdet sehe. Er orientiere sich an der christlichen Maxime: „Missbrauche deinen Einfluss nicht dazu, das Leben anderer zu erschweren.“
Durch Einmischen, Abwägen, Bewerten, Warnen und Korrigieren habe Kuby jahrzehntelang in Nürtingen beispielhaft gewirkt. Daher gebühre ihm zu Recht dieses schöne Ei, das ihm von der Ortsvereinsvorsitzenden Bärbel Kehl-Maurer und dem Gemeinderats-Fraktionsvorsitzenden Dr. Hans-Wolfgang Wetzel traditionsgemäß feierlich auf einem roten Kissen überreicht wurde.
Der neue Eiträger schilderte zunächst die Wurzeln seines Tuns: Die Geschichte seiner Pfälzer Familie seit Anfang des 19. Jahrhunderts, aber auch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, von dem er als idealistischer junger Mann missbraucht worden sei. Die Lehre, die er daraus gezogen habe, laute: „Sei nicht gutgläubig!“
Sein Engagement möchte Hellmut Kuby freilich nicht als Folge eines heroischen Entschlusses verstanden wissen – er sieht darin eine „zwangsläufige Konsequenz“. Auch wenn die Friedenspolitik kein Hauptgrund gewesen sei, ihm das Ei zu verleihen, so sei sie dennoch „das Hauptthema meines Lebens“. Und ihm widmete er denn auch einen Großteil seiner Rede.
Krieg sei nicht gottgewollt, sondern er werde vom Menschen gemacht. Nicht vom Volk zwar. Aber von den Mächtigen. Seit der Wiederbewaffnung in der Adenauer-ära kämpfe er unentwegt gegen eine militärisch geprägte Politik – mit dem Nürtinger „Friedenshetzer“ Otto Umfrid als Vorbild.
Kuby kann nicht so recht begreifen, dass 1991 wegen des ersten Golfkriegs alle Faschingsveranstaltungen und auch die Verleihung des Eis der Heckschnärre abgesagt worden seien, aber nur acht Jahre später keinerlei Aufschrei ertönt sei, als Deutschland unter Rot-Grün erstmals wieder aktiv Krieg geführt habe. Er frage sich, ob die Deutschen mit dem Krieg doch ganz gut leben könnten – sofern der nur außerhalb der eigenen Grenzen stattfinde: „Wissen wir nicht mehr, dass der Krieg die Ursünde des 20. Jahrhunderts ist?!“ Und dennoch lebe in ihm auch Hoffnung: „Wer erlebt hat, dass aus Erbfeinden binnen 50 Jahren Freunde wurden, der kann auch daran glauben, dass Utopien Wirklichkeit werden.“
Hier wie auch in den kommunalpolitischen Auseinandersetzungen laute sein Credo: „Bürger müssen sich einsetzen, anstatt alles laufen zu lassen“, sagte der 85-Jährige und kündigte an: „Sollte ich gesund bleiben, werde ich unverdrossen weitermachen.“
Ein ganz besonderes Wort rundete die Veranstaltung, zu der die Gruppe Hohenloher Schulhausklezmer mit dem Nürtinger Dr. Werner Dürr an der Geige fetzige Musik jüdischer Tradition beigesteuert hatte, ab: „Ich danke meiner Frau Ursula. Sie hat bei allem, was ich getan habe, ein Leben lang zu mir gehalten.“
Info
Die Träger des Eis der Heckschnärre
Im Jahr 1984 vergab die Nürtinger SPD zum ersten Mal das Ei der Heckschnärre (damals noch im Waldheim im Rossdorf) – und zwar an Jürgen Gerrmann, Redakteur unserer Zeitung. Es folgten Dr. Ulrich Schweizer (1985), Otto Zondler (1986), K. H. Türk (1987), Roland Appl (1988), Rose Steinbuch (1989), Peter Härtling (1990). Wegen des Golfkriegs wurde 1991 kein Ei vergeben. In den folgenden Jahren ging das Ei an: Lothar Neitzel (1992), Hannes Wezel (1993), Robert Bauer (1994), Siegfried Haag (1995), Rose Lorch (1996), Werner Mehlhorn (1997), Erwin Beck (1998), Wolfgang Ischinger (1999), Ruth Rau (2000), Walter Wahl (2001), Ursula Kuby, Paula Röllig, Helga Hahn, Rose Kohlhammer und Waltraud Müller für den von ihnen initiierten Weltladen (2002), Guido Wolf (2003), Johanna Herpich für den Arbeitskreis Leben (2004), Dr. Hans Binder (2005), Julia Rieger und Pit Lohse (2006), Ruhsar Aydogan (2007), Otmar Braune (2008), Roland Knapp, Eberhard Pflüger, Sebastian Osswald und Manuel Grass für den Club Kuckucksei (2009), Dr. Uschi Eid (2010), Hellmut Kuby (2011).
Ehrung für einen bedingungslosen Friedenskämpfer: Hellmut Kuby (links) erhielt vorgestern das Ei der Heckschnärre der Nürtinger SPD. Seine Frau Ursula (Mitte) freut sich mit. Laudator Reinmar Wipper (Zweiter von links) sowie die SPD-Ortsvereinsvorsitzende Bärbel Kehl-Maurer und Gemeinderatsfraktionschef Dr. Hans-Wolfgang Wetzel gratulieren. Foto: Holzwarth