Nürtingen
Nürtinger Chefarzt hat die Geburt von 35.000 Kindern begleitet
Die Medius-Klinik Nürtingen hat einen neuen Chefarzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Sebastian Mayer folgt auf Andreas Funk, der in den Ruhestand verabschiedet wurde.
NÜRTINGEN. An der Medius-Klinik Nürtingen endet eine Ära: Professor Andreas Funk, 25 Jahre Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, geht in den Ruhestand. Sein Nachfolger wird Privatdozent Dr. Sebastian Mayer. Mayer kehrt zurück zu seinen Wurzeln: Der 50-Jährige ist in Owen aufgewachsen. In Kirchheim hat er die Schule besucht und im Krankenhaus auch seinen Zivildienst abgeleistet. Der Wechsel in der Klinikleitung wurde am Dienstag im großen Saal der Stadthalle K3N in Nürtingen mit rund 170 Gästen und musikalischer Begleitung des Duos Jenne & Jenne gefeiert. Gekommen waren unter anderem Kollegen aus der Ärzteschaft, Mitarbeitende aus dem Pflegebereich, Hebammen, Vertreter des Landkreises, Familie und Freunde.
Mit 29 Deutschlands jüngster Oberarzt
„Geradlinig, ein Mensch mit Haltung, mit dem Fokus auf eigene Ziele“, so beschrieb Landrat Marcel Musolf Andreas Funk. Geboren wurde Funk in den Ardennen im deutschsprachigen Teil Belgiens. Seine eigentliche „Laufbahn“ habe bereits lange vor seinem Studium in Aachen begonnen, so Musolf. Als Jugendlicher sei er häufig mit einem Tierarzt auf Bauernhöfen unterwegs gewesen. Doch weil man sich mit Tieren so schlecht unterhalten könne, habe er sich der Humanmedizin zugewandt – eines der Beispiele für Andreas Funks Humor, der an dem Abend als feinsinnig, teils auch als trocken, selbstironisch und manchmal völlig unerwartet beschrieben wurde. „Mit 29 Jahren waren Sie Deutschlands jüngster Oberarzt“, sagte Musolf. Im Jahr 2000 habe er nach Nürtingen nicht nur medizinisches Know-how, sondern auch universitäres Denken mitgebracht. An den Medius-Kliniken habe er Generationen von Kollegen geprägt. „Viele junge Ärzte verdanken ihm Wissen und echte Förderung.“
Sebastian Krupp, Geschäftsführer der Medius-Kliniken, nannte eine beeindruckende Zahl: „Rund 35.000 Kinder haben unter Funks Begleitung das Licht der Welt erblickt.“ Wäre er noch fünf Jahre länger geblieben, wären es so viele Kinder gewesen, wie Nürtingen Einwohner hat. Krupp erinnerte an die Zertifizierung des Brustzentrums Nürtingen-Ruit unter Funks Ägide. Es sei ihm um die bestmögliche Behandlung der Betroffenen gegangen. Ob am Wochenende oder nachts – er sei immer für seine Patientinnen da gewesen. „Das ist keine Selbstverständlichkeit, aber für Sie war es das.“
Präzision in der Medizin und beim Golfen
In den vergangenen 25 Jahren sei Andreas Funk das Gesicht der Medius-Kliniken gewesen, so der Ärztliche Direktor der Medius-Kliniken, Kirchheim/Nürtingen, Professor Bernhard Hellmich. Viele Chefarztkollegen seien gegangen und gekommen. „Funk war immer da.“ Er habe sich nicht gescheut, auch unbequeme Themen anzusprechen. Hellmich schlug die Brücke vom Mediziner zum Privatmenschen Funk – ein leidenschaftlicher Golfer. Hier und da sei Präzision gefragt.
Sehr persönliche Worte richtete Dr. Michael Burkhardt, Chefarzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Medius-Klinik in Ruit, an Andreas Funk: Als erster Assistenzarzt nach dessen Amtsantritt sei er beeindruckt gewesen vom stets nahbaren, humorvollen Chefarzt. Ihm verdanke er das Schärfen seines „klinischen Blicks“ sowie das Erkennen und Managen auch exotischer Krankheitsbilder. Im Namen der niedergelassenen Gynäkologen würdigte Hans-Joachim Schmidt die Zusammenarbeit mit Andreas Funk.
Saiten ohne Linsen und Spätzle
Melanie Vinke, Oberärztin in der Geburtshilfe der Medius-Klinik in Nürtingen, bedankte sich für das ganze Team bei ihrem scheidenden Chef: „Sie hatten immer ein offenes Ohr und ein großes Interesse daran, jeden ein bisschen besser kennenzulernen.“ Sie plauderte aus dem Nähkästchen: In der Kantine – so viel Rheinländer müsse sein – habe er gerne Saiten ohne Linsen und Spätzle gegessen. Als Erinnerung an die Zeit im Schwabenland bekam er ein Bild des Nürtinger Künstlers Fritz Ruoff. „Pferdle und Äffle“ – überreicht von Marcel Musolf – werden Funk ebenfalls begleiten. Dazu ein Buch „Türkisch für Anfänger“, da es Andreas Funk und seine Frau Francesca im Ruhestand überwiegend in die Türkei zieht. „Vielen Dank, Chef und herzlich willkommen, Chef“, so schloss Melanie Vinke.
Der neue „Chef“ Sebastian Mayer wird künftig nicht nur die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe auf dem Säer, sondern auch das zertifizierte Brustkrebszentrum leiten. Zu seinen Aufgaben gehören die Diagnostik und Therapie gutartiger wie bösartiger gynäkologischer Erkrankungen. Seine Facharztausbildung hatte Mayer an den Universitätsfrauenkliniken in Würzburg und Freiburg absolviert. Viele Jahre war er anschließend an der Universitätsfrauenklinik Freiburg tätig. Dort spezialisierte er sich auf die Brustdiagnostik und -chirurgie, die gynäkologische Onkologie und die minimalinvasive Chirurgie. 2018 habilitierte er an der Uni Freiburg für das Fach Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Nach seiner Zeit als Leitender Oberarzt am Klinikum Memmingen war er zuletzt Chefarzt an den Kreiskliniken Günzburg-Krumbach.
Mayer ist bestens vernetzt
„Willkommen zurück“, so begrüßte Marcel Musolf den neuen Chefarzt und wünschte ihm einen guten Start in der „Mediusfamilie“. Mayer sei in einschlägigen Fachgesellschaften Mitglied und bestens vernetzt. Sebastian Krupp betonte, er freue sich auf die Zusammenarbeit und zeigte sich überzeugt: „Sie werden unsere Klinik bereichern.“ Bernhard Hellmich betonte: „Wir sind froh, einen so kompetenten Nachfolger für Andreas Funk gefunden zu haben.“
Sebastian Mayer kündigte an, die Abteilung kontinuierlich weiterzuentwickeln. Besonderes Augenmerk wolle er auf die minimalinvasive Chirurgie, die gynäkologische Onkologie sowie die Diagnostik und Therapie von Brusterkrankungen legen. „Wichtig ist mir zudem eine moderne, sichere und individuelle Geburtshilfe“, betonte er. Ihm gehe es um Medizin auf fachlich höchstem Niveau und darum, die Patientinnen persönlich zu betreuen. „Sehr wichtig ist mir dabei ein offener, wertschätzender Umgang miteinander und ein positives Arbeitsklima.“
Darauf hatte nach eigenem Bekunden auch Andreas Funk Wert gelegt. „Ich bin jeden Morgen gerne in die Klinik gekommen und habe mich auf die Arbeit und vor allem die Mitarbeiter gefreut“, sagte er sichtlich gerührt. „Wir haben Berufe, die uns reich beschenken“, schloss er. „Das sollten wir bedenken, bevor wir von Work-Life-Balance reden.