Nürtingen
Musikgeschäft Wondra in Nürtingen schließt nach 47 Jahren
Wirtschaft regional: Inhaber Willy Wondra hört zum Jahresende auf. Seine Instrumenten-Werkstatt macht er noch weiter, die Musikschule bleibt unter neuer Leitung erhalten.
NÜRTINGEN. Es muss an einem Heiligabend in den 1980er-Jahren gewesen sein, erinnert sich Willy Wondra. Die Familie und Freunde saßen bereits gemütlich zusammen, als das Telefon klingelte: Der Anrufer sagte, er habe vergangene Woche diese bestimmte Hammond-Heimorgel bei ihm im Geschäft gesehen. Die wolle er unbedingt haben. „Wie, jetzt gleich?“, habe er gefragt, erzählt Wondra: „Der Kunde sagte, ja, ich könne sie gleich bringen.“ Wondra muss heute noch darüber schmunzeln: „Wir waren schon in Feierlaune, da habe ich noch eine Orgel verkauft für 20.000 Mark. Der Kunde hat bar bezahlt.“
Solche Geschichten kann Willy Wondra einige erzählen. Sein Musikgeschäft ist in Nürtingen eine Institution. Seit 47 Jahren, da eröffnete er den ersten Laden samt Werkstatt in einem Eckhaus an der Neckarbrücke. Am 29. Juli 1978 war das. Acht Jahre später zog er in den damaligen Neubau in der Europastraße, wo das Geschäft bis heute ist. Doch diese Ära endet nun. Vor etwa vier Jahren hatte er bereits verkleinert, jetzt, mit 74 Jahren hat sich Wondra entschlossen, ganz aufzuhören. Ende des Jahres soll der Ausverkauf beendet sein.
Vielfacher Instrumentenbauer
Die Musik ist Willy Wondras Ding. Mit neun Jahren lernte er Gitarre spielen bei seinem Onkel. Von da an ließ ihn die Musik nicht mehr los: „Das wurde mir in die Wiege gelegt.“ Mit 15 machte er eine Lehre zum Klavierbauer und zum Klavierstimmer, danach bildete er sich zum Gitarrenbauer und Violinenbauer weiter. Zwischendurch hat er auch mal zwei Jahre als Betriebsschreiner bei einem Esslinger Maschinenbauer gearbeitet. Als er mit dem Laden in Nürtingen in die Europastraße umzog, habe er den kompletten Innenbau selbst gemacht, berichtet er.
Schon kurz nach der Eröffnung des eigenen Musikgeschäfts – als Vollsortimenter gab es bei ihm alles, von Gitarren über Klaviere und Orgeln, Blech- und Holzblasinstrumente bis zum Schlagzeug – machte Wondra auch eine Musikschule auf: „Die Nachfrage war damals sehr groß.“ Für kurze Zeit gab er selbst Gitarre-Unterricht, das habe sich jedoch mit dem Laden nicht vereinbaren lassen, blickt er zurück. Die Musikschule wird künftig unter dem Namen Sound-Akademie von Sven Frey, langjähriger Musiklehrer bei Wondra, in den ehemaligen Wondra-Verkaufsräumen in der Europastraße weitergeführt. Die Fläche wird derzeit dafür umgebaut.
Den Nürtinger Maientag beschallt
„Ich bin ein Arbeitstier“, sagt Wondra über sich. Mit seinem Musikgeschäft und der Werkstatt machte er sich rasch einen Namen in der Szene. „Wir waren top ausgerüstet und berieten und bedienten auch viele Profi-Musiker“, erzählt er. Neben den Instrumenten und Zubehör gab es bei ihm auch Verstärker und große Beschallungsanlagen. „Wir haben etliche Jahre das Festzelt beim Nürtinger Maientag beschallt“, erzählt er.
Fast von Beginn an war Ulrich Besemer im Geschäft mit dabei, vielen von der Partyband Blaumeisen bekannt. Er kümmerte sich all die Jahre als Techniker um alles, was mit Elektronik zu tun hatte, berichtet Wondra: „Er war eine wichtige Stütze.“
Fahrbare Musikschule begründet
Was viele nicht wissen: Wondra hatte auch Niederlassungen in Rottenburg-Weiler und in Bad Urach. Als letzterer Standort aufgegeben wurde, kaufte er als Ersatz für die dortige Musikschule einen Siebeneinhalb-Tonner-Lkw, bestückte ihn mit fünf Orgeln – „Es gab damals einen regelrechten Hype mit Heimorgeln“, berichtet der Geschäftsführer – und begründete damit eine fahrbare Musikschule, die fortan einige Jahre lang zwischen Bad Urach, Dettingen/Erms, Neckartailfingen und den Fildern zu den Schülern gefahren kam: „Das war eine Sensation. Es hat sehr gut funktioniert“, so Wondra, der mit seiner eigenen Band Telstars und mit den Blackbirds aus Reutlingen auch als Musiker unterwegs war.
Ein wesentlicher Bestandteil des Musikhauses war die Werkstatt für Musikinstrumente. Diese werde er auch nach der Schließung des Ladens noch weitermachen – bei sich zuhause in Nabern, sagt Willy Wondra. Er erzählt die Geschichte, wie er einmal das Konzert einer Heavy-Metal-Band aus Karlsruhe gerettet hat: An einem Freitagabend habe es an der Ladentür geklingelt, davor die Band in heller Aufregung: „Die sollten in Nürtingen auftreten, doch der Gitarrist stellte fest, dass an seiner Flying V die Saiten aufliegen, weil sich der Hals verzogen hatte.“ Flying Vs sind E-Gitarren in der markanten Form eines Vs. Für Wondra kein Problem, nach ein paar Handgriffen in seiner Werkstatt konnte die Band ihr geplantes Konzert spielen.
Er höre mit einem „guten Gefühl“ auf, sagt der gebürtige Köngener: „Ich freue mich darauf, gemeinsam mit meiner Frau mit dem Wohnmobil auf Reisen zu gehen.“
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