Das in diesem Sommer erstmals bei hiesigen Rindern nachgewiesene Shamonda-Virus betrifft inzwischen nachweislich fast ganz Deutschland. Lediglich aus Mecklenburg-Vorpommern und den Stadtstaaten gebe es bisher keine Nachweise, sagte Martin Beer, Vizepräsident des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) bei Greifswald, der Deutschen Presse-Agentur. Tausende Betriebe seien betroffen.
«Nachgewiesen wird nur die Spitze des Eisbergs.» Die Infektion sei nicht meldepflichtig, erklärte der Veterinär. «Die meisten Tiere zeigen auch keine oder nur sehr milde Krankheitssymptome.» Rinder hätten mitunter Fieber, zeitweise einen Rückgang der Milchleistung oder auch Durchfall. Erst in den kommenden Monaten werde man sehen, inwiefern das Virus bei trächtigen Tieren etwa zu Fehlgeburten und missgebildetem Nachwuchs führt.
Beer verwies auf das verwandte Schmallenberg-Virus bei Schafen: «Wenn sie in einer bestimmten Phase der Trächtigkeit infiziert wurden, dann waren bis zu 30 Prozent der Föten missgebildet.»
Für Menschen und Verbraucher sieht Beer derzeit keine direkten Auswirkungen. «Es gibt ganz klar keinerlei Hinweise in den letzten 60 Jahren auf ein zoonotisches Potenzial». Zoonosen sind Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen überspringen. Auch geht laut Beer von Erzeugnissen wie Milch keine Gefahr aus. «Das war bei Schmallenberg so, das ist beim Shamonda-Virus auch so.»
Bei mit dem Shamonda-Virus infizierten Rindern seien bereits Aborte registriert worden. «Sehr wenige zum Glück», sagte Beer. Allerdings ist das Virus erst im Sommer neu aufgetreten und Rinder sind rund neun Monate trächtig. «Wir werden erst in den nächsten Monaten bis Anfang nächsten Jahres überhaupt wissen: Sind Totgeburten oder Missbildungen ein großer Faktor oder ist das etwas, was nur selten passiert?»
Erste Nachweise der neuen Variante stammen aus dem Juli und August aus Süddeutschland, Frankreich, und der Schweiz. Es handelt sich laut FLI um eine Variante des bereits seit den 1960er-Jahren zunächst in Afrika und später auch in Teilen Asiens nachgewiesenen Shamonda-Virus.
Jüngst ist zusätzlich eine weitere neue Variante - die Fachleute sprechen von Klade - nachgewiesen worden, zunächst in Nordwestdeutschland und dann auch in den Niederlanden, Belgien sowie in Schleswig-Holstein. In weiteren Bundesländern wie Hessen oder Thüringen treten beide Virusvarianten auf. Das FLI geht von zwei unterschiedlichen Einträgen aus und spricht vom Shamonda-Virus Europe 1 (SHAV-EU1) und Shamonda-Virus Europe 2 (SHAV-EU2).
Für die erste zunächst im Süden nachgewiesene Variante (SHAV-EU1) gibt es inzwischen Nachweise bei Rindern, Schafen, Ziegen, Pferden und einem Alpaka. Die zweite Variante (SHAV-EU2) wurde bislang nur bei Rindern nachgewiesen. Infektionen weiterer Wiederkäuer und Säugetiere sind laut FLI aber denkbar.
Übertragen wird das Shamonda-Virus von Gnitzen. Das sind sehr kleine Stechmücken. Beer hält es für möglich, dass das Virus in Gnitzen etwa per Luftfracht nach Europa gekommen ist. Damit es dann zur Verbreitung kommt, müsse die Gnitze nicht nur etwa ein Rind finden. Auch das Wetter spiele eine Rolle. Hohe Temperaturen begünstigten die Vermehrung des Virus in den Gnitzen.
«Wir hatten, glaube ich, dieses Jahr für so einen Eintrag noch eine Sonderbedingung. Das waren diese extrem hohen Sommertemperaturen. Das ist etwas, was diese Viren sehr schätzen», sagte Beer.
Anders als das Schmallenberg-Virus und auch neu für das Shamonda-Virus ist laut Beer, dass es Nachweise bei Pferden gibt und auch Todesfälle. «In Deutschland gibt es nach jetzigem Stand drei Pferde, die verstorben sind.» Bei den Tieren seien Gehirnentzündungen und in den Gehirnen hohe Viruslasten festgestellt worden. Auch in der Schweiz seien neurologische Schädigungen durch die erste europäische Shamonda-Variante bei Pferden beobachtet worden.
Es brauche weitere Daten, um besser einschätzen zu können, wie häufig derartige Fälle sind. Das FLI arbeitet an Antikörpertests, um generell die Verbreitung des Virus besser erfassen zu können.
Eine Infektion führt bei den betroffenen Tieren laut Beer zu einer sehr guten Immunität. Der Hauptschaden werde daher jetzt gesetzt. Nachfolgende Wellen fielen erwartungsgemäß deutlich schwächer aus oder seien kaum noch nachweisbar. «Diese Viren verschwinden aber nie wieder ganz», so Beer. Die Tiere hätten nur eine begrenzte Lebenszeit und mit ihrem Tod verschwindet auch die aufgebaute Herdenimmunität. Beim Schmallenberg-Virus komme es daher alle drei bis vier Jahre zu einer neuen Welle.
Einen Shamonda-Impfstoff gibt es nach Aussage Beers bislang nicht. Ob Firmen einen entwickeln, hänge auch davon ab, welchen Schaden das Virus letztendlich verursache.
Woher stammt der Name «Shamonda»? Das Virus sei 1965 erstmals beschrieben worden, anhand der Probe eines Rindes aus der nigerianischen Stadt Ibadan und dort aus dem Stadtteil Samonda, erklärt Beer. «Und woher das H kommt, konnte ich nicht herausfinden, aber aus Samonda wurde Shamonda.»
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