Wissenschaft

Alle Freunde wissen, wo ich bin - immer eine gute Idee?

Was passiert, wenn Menschen sagen, dass sie ihren Live-Standort nicht teilen wollen? Sind die anderen dann misstrauisch oder beleidigt? (Symbolbild) Jens Kalaene/dpa
Seinen Live-Standort zu teilen, kann praktisch sein, etwa wenn man sich auf einem Musikfestival, einer Demonstration oder einer anderen Großveranstaltung mit Freunden treffen will. (Symbolbild) Jens Kalaene/dpa
Freunde und Familie können den Live-Standort verfolgen und wissen, dass man gut angekommen ist. (Symbolbild) Jens Kalaene/dpa
Aus den Standort-Daten von Personen kann man auch viel herauslesen. (Symbolbild) Jens Kalaene/dpa

Den Eltern nach einer langen Autofahrt eine Nachricht schicken, damit sie wissen, dass man gut angekommen ist? Unnötig, sie können es selbst sehen. Der Freundin erzählen, dass man gestern auf einem Konzert war? Unnötig, sie weiß es längst. Den Partner auf dem Heimweg von der Arbeit anrufen und fragen, ob man noch etwas einkaufen soll? Unnötig, er hätte in dem Fall längst selbst angerufen.

Viele Menschen teilen über ihr Smartphone ihren Live-Standort mit Familie und Freunden. Ein Blick aufs Display genügt, damit diese wissen, wo ihre Liebsten sich gerade aufhalten. Das hat viele Vorteile, birgt Fachleuten zufolge aber auch Risiken. Eine Annäherung in sechs Schritten:

Für viele Paare ist das laut einer repräsentativen Befragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom bereits Alltag. Demnach haben 14 Prozent der mehr als 1.400 Befragten bereits in einer Beziehung ihren Standort dauerhaft geteilt, unter den 16- bis 29-Jährigen sogar fast jede und jeder Vierte. 

Als Gründe gaben diese vor allem an, dass es ihnen ein Gefühl der Sicherheit gebe und praktisch sei. Allerdings sagten auch 54 Prozent der Befragten, dass so etwas für sie nicht infrage komme. 

Auch viele Eltern nutzen den Live-Standort vom Smartphone oder von Smartwatches mit Tracking-Funktionen, um zu sehen, wo ihre Kinder gerade sind. Eine Studie aus den USA legt nahe, dass nicht nur Eltern von jüngeren Kindern auf Tracking setzen. In der landesweiten Haushaltsbefragung der Universität Michigan gab etwa die Hälfte der Eltern an, dass sie ihre Kinder im Alter von 18 bis 25 Jahren übers Smartphone oder ein anderes technisches Gerät tracken - der Großteil sogar dauerhaft. 

Viele der Eltern gaben an, dass sie sich dadurch beruhigt fühlten und im Notfall Bescheid wüssten. Manche erklärten, durch das Tracking besser einschätzen zu können, wann ein guter Zeitpunkt für einen Anruf ist - oder auch, dass man so auf dem Stand dazu bleibt, was der Sohn oder die Tochter so macht. 

Seinen Live-Standort zu teilen, kann praktisch sein, etwa wenn man sich auf einem Musikfestival, einer Demonstration oder einer anderen Großveranstaltung mit Freunden treffen will. Statt ins Handy brüllen zu müssen, um die Lautstärke um einen herum zu übertönen, reicht ein Blick auf den Bildschirm. 

Ebenso kann es in bestimmten Situationen für mehr Sicherheit sorgen - oder zumindest das Sicherheitsgefühl erhöhen. Zum Beispiel auf einer schwierigen Bergtour, wenn man nachts alleine von einer Party nach Hause geht oder sich zum ersten Mal mit einer Online-Bekanntschaft trifft. 

Vertraute Personen könnten dann schnell handeln, wenn man sich nicht wie gewöhnlich verhalte oder in Schwierigkeiten gerate, schreibt die polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes auf einer Ratgeberseite im Internet für mehr Sicherheit im öffentlichen Raum. 

Sprecherin Martina Plackmann weist aber auch darauf hin: «Man ist leider nicht sicher durch das Teilen des Standortes, es ist tatsächlich eher die gefühlte Sicherheit, die dadurch steigen kann.»

Christian Schicha, Professor für Medienethik an der Universität Erlangen, befürchtet, dass man sich dadurch in bestimmten Situationen sogar in falscher Sicherheit wiegen könnte. «Da wäre ein Selbstverteidigungskurs, Pfefferspray oder auch die Begleitung einer Freundin oder einer anderen Person durchaus sinnvoller, weil die Technik das tatsächlich nicht lösen kann.»

Den Standort mit anderen zu teilen, suggeriert zwar Nähe. Es könne aber auch dazu führen, dass wir uns noch einsamer fühlen, sagt Schicha. Nach einer langen Autofahrt braucht man nicht mehr zu telefonieren oder eine Nachricht zu tippen, damit die Liebsten wissen, dass man gut angekommen ist. Es reicht, wenn diese den Live-Standort verfolgen. Was dabei aber auch wegfällt: ein nettes Wort am Rande. 

Denkbar ist auch, dass der Live-Standort zu Missverständnissen, Misstrauen und Rechtfertigungsdruck führt. Zwei Szenarien: Zwei Freundinnen gehen ins Kino, die dritte sieht es über den Live-Standort und fühlt sich ausgeschlossen. Oder eine Frau wünscht sich etwas Bestimmtes zum Geburtstag. Über den Live-Standort sieht sie, dass ihr Mann in besagtes Geschäft geht. Überraschung dahin.

«Wenn alle mit der Situation einverstanden sind und sich damit wohlfühlen, dann spricht überhaupt nichts dagegen, den Standort zu teilen», sagt Schicha. «Die Frage ist nur: Was passiert, wenn Menschen sagen, dass sie das nicht wollen?» Sind also die anderen misstrauisch oder beleidigt, wenn eine Person ihren Standort nicht mehr teilen will? Und was ist mit dem Recht auf Privat- und Intimsphäre?

Private Überwachung könnte laut dem Experten Markus Reuter von Netzpolitik.org der staatlichen Überwachung in die Hände spielen. «Mein neues Auto weiß, wo ich bin und wie ich angeschnallt bin. Das Handy funkt fortlaufend meinen Standort weiter und zwar auf 30 verschiedene Apps, die die Daten weiterverkaufen. Mit Gesichtserkennung kann ich auch noch identifiziert werden, wenn ich mich im öffentlichen Raum bewege.»

Die staatliche Überwachung brauche natürlich einen juristischen Anlass, sagt Reuter. Aber auf alles, das ich privat überwachen lasse, könne die staatliche Überwachung im Zweifelsfall zugreifen. «Das heißt, ich schaffe Optionen, die die staatliche Überwachung nutzen kann, ohne selbst Infrastrukturen aufzubauen.»

Aus den Standort-Daten von Personen kann man nach Angaben von Professor Stefan Katzenbeisser von der Universität Passau viel herauslesen: wo man sich aufgehalten hat, wohin man dann gegangen ist, mit wem man sich eventuell getroffen hat. Alles Daten, die auch für Werbezwecke interessant sein können. Dass die großen Anbieter Apple und Google diese Daten weitergeben, hält der Experte jedoch nicht für wahrscheinlich. «Das würde einen Riesenskandal verursachen. Bei kleinen Apps sieht das vielleicht wieder anders aus.»

Problematischer können Reuter zufolge unter Umständen Smartwatches sein, die Eltern gerne nutzen, um ihre Kinder zu tracken. Da hänge der Datenschutz sehr stark vom Hersteller ab, sagt er. «Es gab schon Fälle, in denen Standortdaten von Kindern frei im Netz abrufbar waren.» Wenn Menschen Überwachungsuhren unbedingt kaufen wollten, sollten sie auf namhafte Hersteller statt Billigprodukte setzen, rät er. 

Überwachung könnte zur Normalität werden, befürchtet Reuter. «Wir verlernen, was es eigentlich heißt, frei und unbeobachtet zu sein.» Wenn man überwacht werde, sehe man sich unbewusst auch durch die Augen der anderen und überlege, was diese über einen denken, weil man sich an einem bestimmten Ort aufhält. «Das wirkt wie eine Schere im Kopf. Wir fangen an, unsere eigene Freiheit zu beschränken.»

Und vielleicht macht es uns in manchen Fällen sogar ängstlicher? Darauf weist zumindest die Studie aus den USA hin. Zwar gaben fast alle Eltern an, dass sie sich dank des Trackings weniger Sorgen machten. Aber knapp ein Viertel sagte auch, dass es sie manchmal eher beunruhige, statt ihnen ein sicheres Gefühl zu geben.

© dpa-infocom, dpa:260923-930-729038/1

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