Jonathan ist geschätzte 194 Jahre alt – und auf seine alten Tage ein begehrtes Forschungsobjekt. Wissenschaftler versprechen sich von der Aldabra-Riesenschildkröte (Aldabrachelys gigantea) Aufschluss über das Altern – genauer gesagt darüber, wie dieser Prozess bei einem Lebewesen abläuft, das ein solch stolzes Alter erreicht hat.
Aktuell soll Jonathan das älteste bekannte Landtier der Welt sein, wie es im Fachjournal «Science Advances» heißt. Nach Schätzung von Forschern ist er im Jahr 1832 geschlüpft – und damit ein Zeitgenosse von Charles Darwin (1809-1882) und Queen Victoria (1819-1901). Vor 144 Jahren war die Schildkröte von den Seychellen aus als Geschenk für den Gouverneur nach St. Helena, eine Vulkaninsel im Südatlantik und britisches Überseegebiet, gebracht worden.
Ein Team unter anderem mit Forschern der Universität Cambridge und der Longevity-Forschungsorganisation Kallel analysierte nun genetische Proben der Schildkröte, die aus Abstrichen im Wangenbereich genommen wurden. Man habe Jonathan mit der Aussicht auf Futter gelockt, bis er sein Maul weit genug geöffnet habe, um Abstriche nehmen zu können, heißt es in einer Mitteilung zur Studie. Die Entnahme von Blutproben sei wegen behördlicher Beschränkungen nicht möglich gewesen.
Die Forscher glichen die Genproben des alten Jonathan auch mit genetischen Proben von vier anderen Schildkröten ab – einem Jungtier, einem zwölf Jahre alten Tier und zwei älteren Männchen, die aber noch deutlich jünger als Jonathan waren. Alle leben ebenfalls nicht in freier Wildbahn, sondern in Zoos oder ähnlichen Einrichtungen. Erstaunlicherweise ähnelte das sogenannte Epigenom von Jonathan stark jenem der jüngeren Schildkröten. Das Epigenom besteht aus Markierungen an der DNA, die beeinflussen, welche Gene aktiviert und welche deaktiviert werden.
Üblicherweise verändere sich das Epigenom im Zuge des Alterungsprozesses, schreiben die Autoren. Dies sei einer der Gründe, weshalb in älteren Körpern Dinge nicht mehr so gut funktionierten wie in jüngeren. Als umso bemerkenswerter bewerten die Experten den Zustand von Jonathans Epigenom: «Wir haben festgestellt, dass die an der Energieproduktion und der DNA-Reparatur beteiligten Genregulatoren bei Jonathan über fast zwei Jahrhunderte hinweg unglaublich stabil geblieben sind», erklärte Co-Autor Justin Gerlach von der Universität Cambridge.
Bei der Analyse entdeckte das Team 287 Gen-Varianten, die die üblichen Alterungsprozesse verringern. Sie seien unter anderem dafür verantwortlich, DNA-Schäden zu reparieren, Entzündungen zu verringern oder Krebs zu unterdrücken. Nach Angaben des Teams war es das erste Mal, dass das Epigenom einer Riesenschildkröte detailliert untersucht worden ist.
Trotz dieser genetischen Erkenntnisse bleibt der Grund, weshalb Jonathan so alt geworden ist, ein Rätsel. «Er könnte die außergewöhnlich älteste Riesenschildkröte aller Zeiten sein, oder aber völlig normal: Bis vor kurzem hat niemand das Alter von Schildkröten dokumentiert», erklärte Gerlach auf Nachfrage. Vorerst gehen die Forscher davon aus, dass Jonathan mit seinen fast 200 Jahren etwa doppelt so alt ist, wie die meisten seiner Artgenossen typischerweise werden.
Stephen Clark, Gründer von Kallel, erklärte, Ziel sei die Übertragung solcher Erkenntnisse in Behandlungsmöglichkeiten für Menschen. Von Erkenntnissen über die genetischen Codes von Alterungsprozessen bei einer Schildkröte bis hin zu solchen praktischen Anwendungen dürfte es jedoch noch ein sehr weiter Weg sein.
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