Ausland

Humanitäre Helfer riskieren in Krisengebieten ihr Leben

Auf dem Gelände eines Lagers für Flüchtlinge aus dem Sudan im Osten des Tschads stehen die Logos von Hilfsorganisationen, die dort im Einsatz sind. (Archivbild) Eva Krafczyk/dpa
Die Fahrzeuge von Hilfsorganisationen in Krisengebieten sind klar gekennzeichnet - trotzdem kommt es immer wieder zu Angriffen auch auf Helfer. (Archivbild) Eva Krafczyk/dpa
Innerhalb von drei Jahren kamen weltweit als 1.000 Helfer im Einsatz ums Leben. Eva Krafczyk/dpa
Fahrzeuge und Büros von Hilfsorganisationen machen deutlich: Es gibt hier keine Waffen - eine Garantie für mehr Sicherheit bedeutet das nicht. (Archivbild) Eva Krafczyk/dpa

Humanitäre Helfer arbeiten dort, wo die Not am größten ist - in Gebieten, in denen Erdbeben gewütet haben oder Kriege toben. Der Welttag der humanitären Hilfe am Mittwoch erinnert an die Menschen, die gegen Hunger, Armut und Ungleichheit im Einsatz sind. In immer mehr Ländern brauchen sie nicht nur Fachwissen und Idealismus, sondern auch Mut: In Krisen- und Konfliktgebieten werden Helfer oft selbst Opfer von Angriffen.

Wenn Mona Mahadi von der Kinderrechtsorganisation Plan International im sudanesischen Bundesstaat Nord Kordofan unterwegs ist, hat sie doppelt Sorge: Wird sie ihr Ziel sicher erreichen, oder macht ein Drohnenangriff den Weg in ein Flüchtlingslager oder in eine Dorfgemeinschaft unmöglich? Und: Bleiben ihr Ehemann, ihre Eltern, ihre Schwestern von Angriffen verschont? Nord Kordofan ist derzeit eines der Zentren in dem seit bald dreieinhalb Jahren andauernden Bürgerkrieg im Sudan.

Auch für das Mitarbeiterteam hat die immer präsente Gefahr Auswirkungen. «Wenn wir uns am Ende des Tages verabschieden, wenn wir "Auf Wiedersehen" sagen, tun wir das so, als würden wir uns morgen nicht wiedersehen», erzählt Mahadi. Die junge Sudanesin hat selbst mehrere Angehörige und eine Kollegin bei Drohnenangriffen verloren.

Für internationale humanitäre Helfer ist das Land eine «non-family station» - zu gefährlich, um dorthin mit den Angehörigen zu ziehen. Für die einheimischen Helfer ist eine Evakuierung im Notfall keine Lösung, sie haben hier ihre Familien. «Ende Mai, im ganzen Juni und Anfang Juli hatten wir Drohnenangriffe fast rund um die Uhr, jetzt ist es etwas besser, Alhamdulillah (Gott sei Dank)», sagt Mahadi, die als Lehrerin tätig war, ehe sie sich 2022 entschloss, als humanitäre Helferin für Kinder- und Mädchenrechte zu arbeiten.

Oft schon habe sie sich gefragt, ob es sich lohne, ihr Leben bei der Arbeit zu riskieren, gibt sie zu. «Aber wenn ich an die wertvolle Arbeit denke, die wir leisten, bin ich einfach nur dankbar. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas tue, etwas Gutes für Menschen, die die Unterstützung und Hilfe von uns, unseren humanitären Helfern, brauchen.»

«Früher reichte oft eine weiße Flagge am Fahrzeug aus, um in Ortschaften zu gelangen - auch dort, wo Kämpfer präsent waren oder das Militär Bombenangriffe flog», sagt Unni Krishna, Globaler Humanitärer Direktor bei Plan International in London. Als Arzt war er selbst für Hilfsorganisationen im humanitären Einsatz. «Das hat sich dramatisch geändert.» Während ein Logo des Roten Kreuzes oder einer Hilfsorganisation am Fahrzeug früher die Helfer schützten, reiche das nun nicht mehr aus. «Helfer werden nun selbst zur Zielscheibe.» 

Denn es seien oft die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die Zeugen von Kriegsverbrechen werden, die Berichte über sexuelle Gewalt und Menschenrechtsverbrechen an die internationale Öffentlichkeit bringen.

Der Sudan gehört zu den gefährlichsten Einsatzländern für humanitäre Helfer. Mehr als 130 von ihnen sind seit Beginn des Bürgerkriegs getötet worden. «Wir wollen keine Helden sein. Wir wollen einfach nur unsere Arbeit sicher verrichten», sagt Francesco Lanino, stellvertretender Landesdirektor von Save the Children im Sudan. Doch für diese Sicherheit gibt es immer öfter keine Garantien.

Lanino ist besorgt über den verstärkten Einsatz von Drohnen. Die Lage und der Einsatz der Mitarbeiter würden dadurch unvorhersehbar. «Dass wir eine sichere Route freigemacht haben, über die wir Notunterkünfte oder Medikamente liefern können, bedeutet nicht, dass wir vor Angriffen durch Drohnen sicher sind. Und jedes Mal, wenn es zu einem Angriff auf einen unserer Mitarbeiter kommt, hat das natürlich nicht nur Folgen für uns, sondern auch für die lokalen Gemeinschaften.»

Früher habe man den Verlauf der Frontlinie beobachtet und danach entschieden, wo Knotenpunkte für humanitäre Hilfe eingerichtet werden konnten. Jetzt aber werden auch diese Gebiete von Drohnen getroffen. Und es seien die einheimischen Helfer, die buchstäblich an vorderster Front stehen. Internationale Mitarbeiter hingegen könnten sich zurückziehen, nach Kenia gehen, von dort aus arbeiten oder nach Hause zurückkehren, sagt Lanino.

Als im vergangenen Jahr die Stadt Al-Faschir von der Miliz RSF eingenommen wurde, seien auch mehrere Mitarbeiter der Welthungerhilfe unmittelbar betroffen gewesen, berichtet Denis Drichi, Nothilfekoordinator der Hilfsorganisation im Sudan. «Ein Kollege aus dem Logistikteam wurde während der Kämpfe in Al-Faschir festgenommen und nach etwa einer Woche Gefangenschaft wieder freigelassen», erzählt Drichi. Ein anderer Kollege kam ums Leben. «Er hinterließ seine Frau und seine kleine Tochter und war der Hauptverdiener seiner Großfamilie», sagt Drichi. «Sein Verlust war nicht nur eine tiefe persönliche Tragödie, sondern auch ein verheerender Schlag für all jene, die für ihren Lebensunterhalt und ihre Unterstützung auf ihn angewiesen waren.»

In der Datenbank zur Sicherheit humanitärer Helfer werden für das laufende Jahr bislang 133 schwerwiegende Angriffe auf humanitäre Helfer verzeichnet - tödliche Zwischenfälle ebenso wie Entführungen oder Verletzte bei Luftangriffen. Als besonders gefährliche Einsatzgebiete wurden der Gazastreifen und Sudan genannt, gefolgt von der Demokratischen Republik Kongo, Südsudan und der Ukraine.

Tom Fletcher, Direktor der UN-Nothilfeorganisation OCHA, wies im April vor dem UN-Sicherheitsrat darauf hin, dass in den vergangenen Jahren mehr als tausend humanitäre Helfer getötet worden seien, darunter waren allein im vergangenen Jahr 326 Menschen in 21 Ländern. «Sie wurden getötet, während sie Nahrungsmittel, Wasser, Medikamente und Unterkünfte verteilten. Sie starben in deutlich gekennzeichneten Konvois und bei Einsätzen, die direkt mit den Behörden koordiniert wurden. Und allzu oft wurden sie von Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen getötet.»

© dpa-infocom, dpa:260818-930-545047/1

Zur Startseite