Leserbriefe

Der Konflikt ist komplexer

Eugen Wahl, Nürtingen. Zum Leserbrief „Staatsräson darf kein Schweigen bedeuten“ vom 30. Mai.

Zu Recht verweist Gerhard Härer auf die Gewaltexzesse radikaler israelischer Siedler im Westjordanland. Seit die ultraorthodoxen Minister Ben-Gvir und Smotrich für die innere Sicherheit beziehungsweise den Siedlungsbau zuständig sind, haben sich die Spannungen zwischen Juden und Palästinensern wesentlich verschärft und der seit Jahrzehnten andauernde Konflikt scheint weiter von einer Lösung entfernt.

In den jetzt auch bei uns hitzig geführten Debatten zum Nahostkonflikt wende ich mich aber gegen die Tendenz, das „zionistische“ Israel allein zum Sündenbock zu stempeln. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass 1967 im Zusammenhang mit dem Sechs-Tage-Krieg (und schon davor) die Juden „ins Meer“ getrieben werden sollten, und die iranischen Mullahs den „Teufel“ Israel ja gänzlich vernichten wollen.

Auch erinnere ich mich an das Jahr 1995, als der damalige Ministerpräsident und vormalige Generalstabschef Yithzak Rabin auf einer Friedenskundgebung mit rund 150.000 Teilnehmern von einem jungen Fanatiker erschossen wurde. Und wenn sich Tausende nationalistischer Hitzköpfe wie jüngst vor der Klagemauer versammeln, übersehe ich auch die Zehntausenden Demonstranten nicht, die seit über zwei Jahren gegen die repressive Politik eines Ministerpräsidenten Netanjahu auf die Straße gehen. Ein erweiterter Blick auf die israelische Gesellschaft ist nötig.

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