Geschichten aus der Klinik
Wenn jede Sekunde zählt
Brustschmerzen, ein Sturz im Garten oder plötzlich starke Bauchschmerzen: In der Notaufnahme treffen ganz unterschiedliche Beschwerden aufeinander. Ein Einblick in den Alltag zeigt, wie das Team zusammenarbeitet – und warum nicht die Reihenfolge der Ankunft darüber entscheidet, wer zuerst behandelt wird.
7.43 Uhr: Die automatische Schiebetür der Zentralen Notaufnahme in der Medius-Klinik Ostfildern-Ruit öffnet sich. Im Hintergrund piepen Monitore, Telefone klingeln, ein Rettungswagen rollt in die Wagenhalle. Auf dem großen Bildschirm am Empfang erscheinen neue Namen und Zahlen, farblich nach Dringlichkeit markiert. Die Notaufnahme schläft nie.
Die Dringlichkeit entscheidet
Wer zuerst kommt, wird zuerst behandelt? Dieses Prinzip gilt in der Notaufnahme nicht. Entscheidend ist, wie dringend jemand medizinische Hilfe benötigt. Eine speziell geschulte Fachkraft beurteilt bei der Ankunft die Beschwerden und den Zustand der Patientinnen und Patienten. Diese medizinische Ersteinschätzung wird auch Triage genannt. Menschen mit lebensbedrohlichen Beschwerden müssen sofort versorgt werden. Wer weniger schwer erkrankt oder verletzt ist, muss unter Umständen warten – auch dann, wenn andere erst später eintreffen.
Brustschmerzen erfordern schnelles Handeln
Ein Patient Mitte 60 wird mit Brustschmerzen und Luftnot hereingeschoben. Er ist blass und verschwitzt. Der erste Verdacht: Herzinfarkt. Nach der Übergabe durch den Rettungsdienst übernimmt das Team. Ein Elektrokardiogramm, kurz EKG, zeichnet die elektrische Aktivität des Herzens auf. Außerdem wird ein Zugang gelegt und Blut abgenommen. Anders als im ersten EKG des Rettungsdienstes sind nun deutliche Veränderungen zu erkennen. Zusammen mit den Beschwerden ergibt sich ein klarer Befund: Der Patient benötigt eine Herzkatheteruntersuchung. Innerhalb weniger Minuten wird er ins Herzkatheterlabor gebracht, wo das Team der Kardiologie bereitsteht. „Wir können hier rund um die Uhr akute Herzinfarkte behandeln“, erklärt Professor Dr. Christian Herdeg, Chefarzt der Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen an der Medius-Klinik Ostfildern-Ruit. „Schnelligkeit ist entscheidend. Jede Minute zählt.“
Ein Sturz im Garten
Währenddessen wartet eine ältere Dame mit einem geschienten Arm. Sie ist beim Blumengießen im Garten gestürzt. Bei der Ersteinschätzung wurde ihr Fall als dringlich, aber nicht lebensbedrohlich eingestuft. Ein Assistenzarzt der Unfallchirurgie untersucht sie und lässt Röntgenaufnahmen machen. Der Arm ist gebrochen, die Knochenstücke sind jedoch nicht verschoben. Die Patientin erhält einen Gips, Schmerzmittel und die Empfehlung zur Nachkontrolle. Nach gut einer Stunde kann sie wieder nach Hause. „Wir erleben täglich ein breites Spektrum – vom verstauchten Knöchel bis zur schweren Mehrfachverletzung“, erzählt Dr. Ingomar Lorenz, einer der Chefärzte der Unfallchirurgie in Ostfildern-Ruit.
Starke Bauchschmerzen und ein Verkehrsunfall
Nahezu zeitgleich kommt eine junge Frau mit starken Schmerzen im rechten Unterbauch. Nach der körperlichen Untersuchung folgt ein Ultraschall. Die Diagnose: eine akute Blinddarmentzündung. Das Team der Viszeralchirurgie, das auf Operationen im Bauchraum spezialisiert ist, wird informiert. Noch am selben Nachmittag wird die Patientin operiert. Schon folgt die nächste Meldung: ein Verkehrsunfall mit zwei Verletzten, Ankunft in fünf Minuten. Das Team bereitet den Schockraum vor, einen speziell ausgestatteten Behandlungsraum für schwere Notfälle. Als der Rettungswagen eintrifft, zeigt sich: Der Unfall ist glimpflicher ausgegangen als befürchtet. Die Verletzten haben Prellungen, Schürfwunden und eine Platzwunde am Kopf. „Wir sind auf alles vorbereitet – vom Herzinfarkt über Polytrauma bis zum akuten Nierenversagen“, sagt Stephanie Akinyemi, leitende Ärztin der Notaufnahme. Mit Polytrauma sind mehrere schwere, zusammen lebensbedrohliche Verletzungen gemeint.
Viele Berufsgruppen arbeiten zusammen
Zwischen den akuten Fällen bleibt oft wenig Zeit zum Durchatmen. Ärztlicher Dienst, Pflege, Verwaltung und Rettungsdienst stimmen sich laufend ab. Untersuchungen müssen organisiert, Befunde ausgewertet und die nächsten Behandlungsschritte geplant werden. Gegen Abend wird es etwas ruhiger. Die Wartezone leert sich, auf den Gängen wird gedämpft gesprochen. Doch der nächste Notfall kann jederzeit eintreffen. Dann zählt erneut, dass alle Handgriffe ineinandergreifen – und das Team gemeinsam bereitsteht.
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