Fachthemen und Expertenwissen
Oberärztin der Medius-Kliniken im Gespräch: Sex und Endometriose
Dr. med. Katrin Gross gibt einen Überblick über Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und Hilfestellen.
Endometriose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutterhöhle wächst und die zu starken Schmerzen führen kann. Etwa jede achte bis zehnte Frau ist von der Krankheit betroffen, was sie zu einer der häufigsten gutartigen gynäkologischen Erkrankungen macht.
Typische Symptome sind unter anderem starke Unterleibsschmerzen, besonders kurz vor und während der Menstruation, aber auch Schmerzen beim Stuhlgang oder beim Wasserlassen kommen vor. Viele Frauen mit Endometriose haben zudem Schmerzen bei oder nach dem Geschlechtsverkehr. Dies kann schwerwiegende Auswirkungen auf das sexuelle Wohlbefinden, die Lebensqualität und die Partnerschaft haben. Dennoch wird die sogenannte Dyspareunie im medizinischen Alltag oft vernachlässigt. Oberärztin Dr. med. Katrin Gross gibt im Gespräch einen Überblick über Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und Hilfestellen.
Frau Dr. Gross, warum ist es wichtig, über die Auswirkungen von Endometriose auf die Sexualität zu sprechen, speziell im Zusammenhang mit Schmerzen beim Geschlechtsverkehr?
Sexualität ist ein wesentlicher Bestandteil von Lebensqualität – sie bedeutet Nähe, Intimität und Selbstbestätigung. Dennoch wird dieses Thema im medizinischen Alltag häufig übergangen. Schmerzen beim Sex sind nach wie vor schambehaftet und gelten als Tabuthema. Dabei beeinflussen Schmerzen beim Geschlechtsverkehr nicht nur die Sexualität, sondern auch Partnerschaft, Selbstwertgefühl und seelisches Wohlbefinden.
Könnten Sie kurz erläutern, inwieweit die Endometriose das sexuelle Wohlbefinden von Betroffenen beeinflussen kann?
Endometriose kann die Sexualität auf körperlicher, emotionaler und partnerschaftlicher Ebene beeinträchtigen. Hormonelle Therapien, die Schmerzen lindern sollen, können zugleich das Lustempfinden dämpfen oder zu vaginaler Trockenheit führen. Auch chronische Erschöpfung, Schmerzen oder operative Eingriffe verändern oft das Körpergefühl. Wenn Endometrioseherde im Becken dauerhaft Schmerzen beim Sex verursachen, kann eine belastende Abwärtsspirale entstehen: Die Angst vor dem nächsten Schmerz führt zu Anspannung und genau diese Erwartung verstärkt ihn. Mit der Zeit leidet nicht nur die Lust, sondern auch das Vertrauen in den eigenen Körper und in die gemeinsame Sexualität.
Wie häufig ist es, dass Betroffene mit Endometriose Schmerzen beim Sex haben?
Etwa 70 Prozent der Betroffenen berichten über Schmerzen beim oder nach dem Geschlechtsverkehr. Dyspareunie, also schmerzhafter Sex, zählt damit zu den häufigsten Symptomen der Erkrankung. Dennoch ist das Thema in Studien und im klinischen Alltag noch immer unterrepräsentiert.
Wann sollten Betroffene aufgrund von Schmerzen beim Geschlechtsverkehr ärztliche Hilfe suchen?
Immer dann, wenn Schmerzen regelmäßig auftreten, die Lust mindern oder das Wohlbefinden beeinträchtigen. Schmerzen beim Sex sind ein Warnsignal und kein „normaler“ Bestandteil weiblicher Sexualität. Sie können ein Hinweis auf verschiedene gynäkologische Erkrankungen, Endometriose, Infektionen, Zysten, hormonelle Veränderungen oder Muskelverspannungen sein. Eine frühzeitige ärztliche Abklärung hilft, Ursachen gezielt zu behandeln und Folgeschmerzen zu vermeiden.
Wie äußern sich die Schmerzen beim Geschlechtsverkehr?
Man unterscheidet zwei Formen von wiederkehrenden Schmerzen: Bei der inneren (tiefen) Dyspareunie handelt es sich um Schmerzen während oder nach der vaginalen Penetration, die im Unterbauch oder Becken wahrgenommen werden. Sie werden oft als dumpf, drückend oder krampfartig beschrieben. Meist entstehen sie durch tief infiltrierende Endometrioseherde im Becken – etwa im Douglasraum, an den Sakrouterinbändern oder bei Adenomyose (Endometrioseherde in der Muskelwand der Gebärmutter).
Bei der äußeren (oberflächlichen) Dyspareunie handelt es sich um Schmerzen beim Eindringen oder bei Berührung im Bereich der Vulva oder des Vaginaleingangs. Sie werden häufig als brennend, stechend oder ziehend empfunden. Ursachen können Beckenbodenverspannungen, trockene Schleimhäute zum Beispiel infolge einer Gestagentherapie) oder eine sogenannte zentrale Sensibilisierung sein, also das „Erlernen“ des Schmerzes, bei dem schon die Erwartung des Schmerzes ihn auslösen kann.
Welche Möglichkeiten gibt es bei der Behandlung der inneren und äußeren Dyspareunie bei Endometriose?
Die Behandlung richtet sich nach Ursache und Schmerzform. Bei innerer Dyspareunie kommen zunächst die grundlegenden Therapiemöglichkeiten bei Endometriose wie hormonelle Therapien, Schmerzbehandlungen und operative Eingriffe infrage. Wichtig ist auch die offene Kommunikation mit der Partnerin oder dem Partner: Unterschiedliche Stellungen oder Hilfsmittel wie ein Penisring (zur Regulation der Eindringtiefe) können Linderung bringen.
Bei äußerer Dyspareunie können lokale Östrogene oder Feuchtcremes gegen Scheidentrockenheit helfen, ebenso pH-neutrale Gleitmittel. Bei muskulären Ursachen ist Beckenbodenphysiotherapie wirksam, ergänzt durch Entspannungsverfahren, Yoga oder TENS-Geräte. Liegt eine zentrale Sensibilisierung vor, helfen kognitive Verhaltenstherapie, Sexualberatung oder Paartherapie, Angst und Druck zu reduzieren.
Abseits von Penetration – wie können Betroffene ihre Sexualität trotzdem ausleben und schmerzfrei genießen?
Sexualität geht weit über die Aufnahme des Penis in die Vagina hinaus. Der Fokus auf „Penetration“ greift zu kurz und spiegelt ein veraltetes, oft männlich geprägtes Sexualitätsverständnis wider. Tatsächlich benötigen etwa 70 bis 90 Prozent aller Frauen klitorale Stimulation, um einen Orgasmus zu erreichen. Die Klitoris ist kein kleines „Perlchen“, sondern ein etwa neun bis zwölf Zentimeter großes, zum großen Teil nicht sichtbares Schwellkörperorgan mit deutlich mehr Nerven als die Vagina und somit das zentrale Lustzentrum. Viele wissen gar nicht, dass dies der wichtigste neurologische Weg zur Lust ist. Zärtlichkeit, Massagen, orale Stimulation, Selbstbefriedigung oder Sexspielzeug können schmerzfreie, lustvolle Alternativen bieten. Sexualität darf individuell und kreativ sein – frei von gesellschaftlichen Normen.
Gibt es psychologische Faktoren, die bei endometriosebedingten Schmerzen eine Rolle spielen können?
Ja. Schmerz ist ein Zusammenspiel von Körper, Psyche und Erfahrung. Angst vor Schmerzen, Scham, frühere negative Erlebnisse oder partnerschaftliche Spannungen können die Schmerzwahrnehmung verstärken. Psychologische oder sexualtherapeutische Unterstützung hilft, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Auch hier gilt: Reden hilft. Mit Fachpersonen ebenso wie mit der Partnerin oder dem Partner.
Gibt es Beratungs- und Hilfestellen, an die sich Betroffene wenden können?
Erste Anlaufstelle sollte immer das behandelnde Endometriosezentrum oder die gynäkologische Fachärztin bzw. der Facharzt sein. Darüber hinaus bietet die Endometriose-Vereinigung Deutschland wertvolle Informationen, Austausch und Unterstützung. Auch Beckenbodenphysiotherapeutinnen und -therapeuten sowie Sexualtherapeutinnen und -therapeuten können entscheidend helfen. Wichtig ist hierbei eine entsprechende Qualifizierung, etwa nach AG GGUP bzw. DGfS. Sehr empfehlenswert ist das Buch von Professor Dr. Sylvia Mechsner (Charité Berlin): „Endometriose – Die unterschätzte Krankheit“.
Welche Message möchten Sie Betroffenen mitgeben?
Schmerzen beim Sex sind häufig, aber nicht normal. Es ist mutig, darüber zu sprechen und wichtig, dies zu tun: mit Ärztinnen und Ärzten, Therapeutinnen und Therapeuten ebenso wie mit der Lebenspartnerin oder dem Lebenspartner, denn es gibt Hilfe. Nur durch offene Kommunikation kann sich etwas verändern, und Betroffene können ihre eigene Form von Lust finden – frei, selbstbestimmt und ohne Scham.