Fachthemen und Expertenwissen
Experten der Medius-Kliniken klären auf, ob man Krebs aushungern kann
Warum der Verzicht auf Zucker einen Tumor nicht verschwinden lässt – und strenge Diäten während einer Krebstherapie sogar schaden können.
Krebszellen benötigen Zucker und verbrauchen davon häufig besonders viel. Daraus wird vor allem in sozialen Netzwerken eine scheinbar einfache Empfehlung abgeleitet: Wer Zucker und Kohlenhydrate meidet, könne einem Tumor die Nahrung entziehen. Auch ketogene Diäten oder Fasten werden Krebspatientinnen und -patienten immer wieder empfohlen.
Doch so einfach ist es nicht. Nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft lässt sich ein Tumor durch den Verzicht auf Zucker oder Kohlenhydrate nicht „aushungern“.
„Die Vorstellung klingt zunächst plausibel, verkürzt aber die komplexen Stoffwechselvorgänge im menschlichen Körper erheblich“, erklärt Professor Dr. Bodo Klump, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie, Tumor- und Palliativmedizin an den medius KLINIKEN in Nürtingen und Ostfildern-Ruit. „Wer Kohlenhydrate vom Speiseplan streicht, entzieht dem Tumor nicht gezielt seine Energie. Der Körper kann Glukose auch selbst herstellen.“
Weshalb Tumorzellen viel Zucker aufnehmen
Hinter der Annahme steckt eine tatsächliche biologische Beobachtung. Viele Krebszellen haben einen veränderten Stoffwechsel und nehmen besonders viel Glukose auf. Der sogenannte Warburg-Effekt ist seit rund 100 Jahren bekannt.
Dieses Prinzip wird auch in der Krebsdiagnostik genutzt. Bei bestimmten PET-Untersuchungen erhalten Patientinnen und Patienten eine schwach radioaktiv markierte, glukoseähnliche Substanz. Gewebe mit hoher Stoffwechselaktivität nimmt davon besonders viel auf und kann so sichtbar gemacht werden.
Der hohe Zuckerbedarf mancher Tumorzellen bedeutet jedoch nicht, dass sie sich durch eine zuckerfreie Ernährung gezielt abschalten lassen. Glukose versorgt auch gesunde Zellen mit Energie. Selbst bei einer sehr kohlenhydratarmen Ernährung hält der Körper den Blutzuckerspiegel aufrecht. Die Leber kann unter anderem aus Aminosäuren neue Glukose bilden.
Was bringt eine ketogene Ernährung?
Bei einer ketogenen Ernährung werden Kohlenhydrate stark reduziert und überwiegend Fette aufgenommen. Der Körper bildet daraufhin sogenannte Ketonkörper, die vielen gesunden Zellen als alternative Energiequelle dienen können.
In Labor- und Tierversuchen gibt es Hinweise darauf, dass diese Stoffwechselveränderung das Wachstum bestimmter Krebszellen beeinflussen könnte. Ob daraus ein Nutzen für erkrankte Menschen entsteht, ist bislang aber nicht ausreichend belegt.
Die aktuelle deutsche S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Onkologie“ bewertet die Studienlage zurückhaltend. Untersuchungen zeigen keinen gesicherten Vorteil hinsichtlich Lebensqualität, Krankheitsverlauf oder Überleben. Gleichzeitig wurde unter ketogener Ernährung wiederholt ein Gewichtsverlust beobachtet. Gerade für normal- und untergewichtige Krebspatientinnen und -patienten kann eine solche Diät daher sogar nachteilige Auswirkungen haben.
„Laborergebnisse lassen sich nicht automatisch auf die Behandlung von Menschen übertragen“, betont Professor Klump. „Eine Ernährungsform ist erst dann eine sinnvolle Therapie, wenn ihr Nutzen in guten klinischen Studien nachgewiesen wurde und die möglichen Risiken vertretbar sind. Diesen Nachweis gibt es für die ketogene Ernährung als Krebstherapie bisher nicht.“
Fasten während der Krebstherapie?
Auch kurzzeitiges Fasten rund um eine Chemotherapie wird wissenschaftlich untersucht. Die Hoffnung ist, dass gesunde Zellen ihren Stoffwechsel bei Nahrungsmangel herunterfahren und dadurch möglicherweise besser vor Nebenwirkungen geschützt werden. Tumorzellen könnten dazu weniger gut in der Lage sein.
Bislang liefern klinische Studien jedoch keine ausreichend verlässlichen Belege für einen solchen Nutzen. Die S3-Leitlinie empfiehlt deshalb, während einer laufenden Tumortherapie nicht außerhalb klinischer Studien zu fasten.
Das bedeutet nicht, dass Forschung zum Tumorstoffwechsel bedeutungslos wäre. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen weiterhin, ob sich charakteristische Stoffwechselveränderungen von Krebszellen künftig gezielt therapeutisch nutzen lassen. Daraus lässt sich derzeit jedoch keine Empfehlung zum selbstständigen Fasten ableiten.
Gefährlicher Verlust von Gewicht und Muskeln
Für viele Menschen mit einer Krebserkrankung besteht nicht die Gefahr, zu viel zu essen, sondern zu wenig. Erkrankung und Behandlung können Appetitlosigkeit, Übelkeit, Geschmacksveränderungen oder Schluckbeschwerden verursachen. Die Folge kann ein ungewollter Verlust von Gewicht und Muskelmasse sein.
Eine Mangelernährung beeinträchtigt die körperliche Leistungsfähigkeit und kann dazu führen, dass eine Krebstherapie schlechter vertragen wird. Strenge Diäten können dieses Risiko zusätzlich erhöhen.
„Unser wichtigstes Ziel ist häufig, die Kräfte der Patientinnen und Patienten zu erhalten“, sagt Professor Klump. „Wer bereits Gewicht oder Muskelmasse verliert, sollte Lebensmittel nicht ohne medizinischen Grund vom Speiseplan streichen. In dieser Situation benötigt der Körper ausreichend Energie und Eiweiß.“
Es gibt nicht die eine Krebsdiät
Ernährung spielt bei einer Krebserkrankung dennoch eine wichtige Rolle – allerdings anders, als es das Versprechen vom „Aushungern“ eines Tumors nahelegt. Welche Ernährung geeignet ist, hängt von der Krebsart, der Behandlung, dem Ernährungszustand und möglichen Begleiterkrankungen ab.
Auch Zucker muss nach einer Krebsdiagnose nicht grundsätzlich gemieden werden. Entscheidend ist die gesamte Ernährung und vor allem, dass der Körper ausreichend versorgt bleibt. Pauschale Verbote oder vermeintliche Krebsdiäten können dagegen zusätzlichen Druck erzeugen.
Wer seine Ernährung während einer Krebstherapie grundlegend verändern, fasten oder eine ketogene Diät beginnen möchte, sollte dies daher mit dem behandelnden onkologischen Team besprechen.
„Einen Tumor kann man durch eine Diät nicht einfach aushungern“, fasst Professor Klump zusammen. „Im ungünstigsten Fall schwächen Patientinnen und Patienten damit aber ihren eigenen Körper – und genau den brauchen wir für eine erfolgreiche Behandlung möglichst kräftig.“
Fachthemen und Expertenwissen | 28.09.2026 - 05:00
Im Livestream: Chefarzt Bernhard Hellmich über Verstehen und Behandeln von Rheuma
Am Montag, 5. Oktober, klärt Chefarzt Prof. Dr. Bernhard Hellmich in der neuen Ausgabe „Gesundheit kompakt“ über moderne Diagnostik, innovative Therapien und die Bedeutung einer frühzeitigen Behandlung von Rheuma auf.
Fachthemen und Expertenwissen | 07.09.2026 - 15:16
Zum Nachschauen: Chefarzt Uwe Mauz über richtiges Verhalten beim Schlaganfall
Zeichen früh erkennen und richtig deuten: Beim Schlaganfall zählt jede Minute. In der Ausgabe „Gesundheit kompakt“ am 14. September, 19 Uhr, klärt der Neurologe und Chefarzt Dr. Uwe Mauz über Symptome, Behandlung und Prävention auf.