Fachthemen und Expertenwissen
Darmkrebs wird jünger – und Vorsorge wichtiger: Nürtinger Chefarzt klärt auf
Immer mehr Darmkrebsfälle bei Jüngeren: Warum Vorsorge entscheidend ist, erklärt Joachim Bischoff, stellvertretender Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie, Tumor- und Palliativmedizin an der Medius-Klinik Nürtingen.
NÜRTINGEN. Darmkrebs galt lange als Erkrankung des höheren Alters. Doch seit einigen Jahren beobachten Mediziner weltweit einen besorgniserregenden Trend: Immer häufiger erkranken auch Menschen unter 50 Jahren an einem Tumor im Darm. Studien aus Europa und den USA zeigen, dass die Zahl der Erkrankungen in dieser Altersgruppe kontinuierlich zunimmt.
Gleichzeitig zeigt sich ein weiteres Problem: Obwohl die Bedeutung der Vorsorge weithin anerkannt ist, wird sie häufig nicht genutzt. Nach aktuellen Auswertungen halten zwar rund vier von fünf Menschen Vorsorgeuntersuchungen für wichtig, aber weniger als die Hälfte nimmt sie regelmäßig wahr. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von einem sogenannten „Präventionsparadox“.
Warum die Erkrankungszahlen bei Jüngeren steigen, ist noch nicht vollständig geklärt. Forschende diskutieren verschiedene mögliche Ursachen – darunter Veränderungen im Lebensstil, etwa eine Ernährung mit vielen stark verarbeiteten Lebensmitteln, Übergewicht und Bewegungsmangel. Auch Veränderungen der Darmbakterien oder Umweltfaktoren könnten eine Rolle spielen. Sicher ist jedoch: Darmkrebs entwickelt sich meist über viele Jahre aus gutartigen Vorstufen – und genau hier setzt die Vorsorge an.
„Darmkrebs gehört zu den wenigen Krebsarten, die durch Vorsorge fast immer verhindert werden kann“, sagt Joachim Bischoff, stellvertretender Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie, Tumor- und Palliativmedizin an der Medius-Klinik Nürtingen. „Der entscheidende Schlüssel ist die Darmspiegelung.“
Vorsorge kann Krebs verhindern
Bei der Darmspiegelung – der sogenannten Koloskopie – können Ärztinnen und Ärzte nicht nur Krebs früh erkennen, sondern auch dessen Vorstufen entfernen. Dabei handelt es sich meist um sogenannte Polypen, kleine Schleimhautwucherungen im Darm. Aus ihnen kann sich im Laufe der Zeit ein Tumor entwickeln.
„Wenn wir solche Polypen bei einer Vorsorgeuntersuchung entdecken, können wir sie direkt entfernen“, erklärt Bischoff. „Damit verhindern wir, dass überhaupt ein Krebs entsteht.“
Gerade weil sich Darmkrebs in der Regel über viele Jahre entwickelt, gilt die Darmspiegelung als eine der wirksamsten Maßnahmen in der Krebsprävention. Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass viele Menschen diese Chance nicht nutzen – obwohl ihnen die Bedeutung grundsätzlich bewusst ist.
Auch Jüngere sollten aufmerksam sein
Dass inzwischen auch jüngere Menschen häufiger betroffen sind, macht die Aufklärung über Symptome und Vorsorge noch wichtiger. Warnzeichen können etwa Blut im Stuhl, anhaltende Veränderungen der Verdauung oder ungeklärter Gewichtsverlust sein.
„Solche Beschwerden sollten immer ärztlich abgeklärt werden – unabhängig vom Alter“, sagt Bischoff. In seltenen Fällen besteht eine erbliche Belastung für die Entwicklung von Darmkrebs. Wenn die Mutter, der Vater oder Geschwister schon vor ihrem 50. Lebensjahr an Darmkrebs erkrankt sind, sollte unbedingt ein Gespräch mit dem Hausarzt erfolgen, damit die erste Darmspiegelung vorgezogen wird, und nicht erst mit 50 Jahren erfolgt.
Termine frühzeitig vereinbaren
Die Darmspiegelung wird in der Regel in spezialisierten gastroenterologischen Praxen durchgeführt. Wer eine Vorsorgeuntersuchung plant, sollte allerdings frühzeitig aktiv werden.
„Die Nachfrage nach Vorsorgeuntersuchungen ist hoch. Deshalb ist es sinnvoll, rechtzeitig einen Termin bei einem niedergelassenen Gastroenterologen zu vereinbaren.“
„Die Darmspiegelung ist eine der effektivsten Maßnahmen, um Krebs zu verhindern“, betont Bischoff. „Wer sie wahrnimmt, kann sein persönliches Risiko deutlich senken.“
Keine Angst vor der Untersuchung
Viele Menschen schieben eine Darmspiegelung dennoch auf – oft aus Angst vor der Untersuchung. Aus medizinischer Sicht gibt es dafür jedoch wenig Grund.
„Die Darmspiegelung ist heute eine sehr sichere und gut verträgliche Untersuchung“, sagt Bischoff. Auch die Vorbereitung habe sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. „Die Medikamente zur Darmreinigung sind wesentlich besser geworden. Die Lösungen sind leichter einzunehmen und geschmacklich deutlich angenehmer als früher.“
Während der Untersuchung selbst können Patientinnen und Patienten zudem eine sogenannte Sedierung, einen Dämmerschlaf, erhalten. „Die meisten Menschen bekommen von der Untersuchung praktisch nichts mit“, erklärt Bischoff. „Sie schlafen währenddessen und sind danach in der Regel schnell wieder fit.“
Gerade weil die Untersuchung vergleichsweise unkompliziert ist und gleichzeitig eine der wirksamsten Maßnahmen zur Krebsprävention darstellt, rät der Gastroenterologe, die Vorsorge nicht aufzuschieben.
„Mit einer Darmspiegelung kann man Darmkrebs nicht nur früh erkennen, sondern oft sogar verhindern“, sagt Bischoff. „Diese Chance sollte man nutzen.“
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