Esslingen
Wenn Esslinger Tierschützer auf schlimme Zustände stoßen
Im Tierheim Esslingen werden auch Hunde oder Katzen aus nicht artgerechten Haltungen untergebracht. Für die Tierschützer ist das eine Herausforderung. Einmal fanden sie in einer Messie-Wohnung unter viel Abfall noch eine lebende Schildkröte.
ESSLINGEN. Vier Hunde vegetieren eingepfercht in einem engen Käfig dahin. Futter gibt es nur spärlich. Und wenn etwas zu fressen in das Gehege geworfen wird, rangeln sich die Tiere um die karge Ration. Bisswunden sind die Folge, und die Vierbeiner sind bis auf die Rippen abgemagert. Das Leiden dieser Hunde war furchtbar, sagt Horst Theilinger, der Leiter des Tierheims Esslingen. Das Veterinäramt habe sie vor etwa einem halben Jahr beschlagnahmt und in die Einrichtung auf der Neckarinsel gebracht. Solche Zustände seien die Ausnahme, ergänzt David Koch als Vorsitzender des Tierschutzvereins Esslingen und Umgebung. Viele Zirkusse würden sich gut um ihre Vierbeiner kümmern. Doch beschlagnahmte Tiere erfordern vom Tierheim-Team viel Geduld, Einsatz, Zeit und Engagement.
Diese Bilder sehen die beiden Tierschützer noch vor sich. In einem Haus in Hochdorf, so erinnern sie sich an einen Fall vor vielen Jahren, waren über 100 Tiere in einer völlig verschmutzten Messie-Wohnung untergebracht. Unter Müllbergen seien Tierskelette zum Vorschein gekommen und eine lebendige Schildkröte. Im Tierheim fanden die Geschundenen eine vorläufige Heimat.
Fristen werden gewährt
Ein solcher Zuwachs sei immer eine Herausforderung, so Horst Theilinger. Die Tiere müssten untersucht, meist noch kastriert, gechippt und geimpft werden. Gerade das ausgelaufene Jahr 2023 habe einige Beschlagnahmungen mit sich gebracht. Viele dieser Neuzugänge hätten an neue Besitzer vermittelt werden können. Doch von den etwa 160 derzeit betreuten Tieren stammen fünf aus Beschlagnahmungen. Zuwächse aus illegalem Handel seien drei- bis viermal im Jahr zu verzeichnen. Die Zustände müssten schon sehr schlecht sein, bevor Tiere ihren Besitzern weggenommen werden. Meist räume das Veterinäramt eine Frist zur Verbesserung der Zustände ein.
In einer Dachwohnung in der Pliensauvorstadt wurde eine solche Frist nicht genutzt. Auf 60 Quadratmetern wurden Ende 2018 dort 43 Katzen gehalten. Die Zustände waren katastrophal, hat David Koch noch im Gedächtnis. Fälle von „Animal-Hoarding“, von einem „Tierhorten“ mit einer gehäuften Haltung, gebe es immer wieder. Die Besitzer handelten aus falsch verstandener Tierliebe und täten den Tieren nicht Gutes.
Wesenstest für Hunde
Auch Massenhaltungen von Hunden kommen vor. Bei nicht artgerechter Haltung landen sie oft im Tierheim. Bei Pitbulls, American Staffordshire Terriern oder Bullterriern könne das problematisch werden. Für diese Tiere und Mischlinge aus diesen Rassen werde ein Wesenstest verlangt, sagt Horst Theilinger. Diese Verhaltensprüfung werde von dem Veterinäramt zusammen mit der Polizeihundestaffel etwa im Tiefenbachtal bei Nürtingen gemacht. Alltagssituationen würden nachgestellt und das Verhalten der Hunde in Augenschein genommen. Die Tiere würden von einer Menschengruppe in die Mitte genommen, von Fahrradfahrern überholt oder mit einem Kinderwagen passiert. Die Vierbeiner müssten sich ruhig und friedlich verhalten. Früher habe es nur eine Möglichkeit für den Test gegeben, in jüngster Zeit bestehe manchmal noch die Chance, Verhaltensauffälligkeiten zu korrigieren. Allerdings geschehe es sehr selten, dass ein Vierbeiner bei der Verhaltensprüfung durchfalle. Aber die Vorbereitung darauf sei sehr aufwendig.
Fällt ein Hund durch, sei er fast nicht mehr zu vermitteln. Viele Städte und Gemeinden verlangten für Tiere ohne Wesenstest eine höhere Hundesteuer als für andere Vierbeiner. Schon diese Aussicht halte viele Menschen von der Übernahme eines solchen Hundes ab. Das Tierheim gebe sie – wenn überhaupt – nur an Halter ab, die bestenfalls schon Erfahrung mit diesen Rassen hätten.
Erbschaften fehlen
Beschlagnahmte Tiere und Hunde mit Pflicht zu Wesenstests belasten den Etat des Tierheims, sagt David Koch. Etwa 1,2 Millionen Euro würden jährlich für den Unterhalt der Einrichtung auf der Neckarinsel benötigt. Die Kosten werden seinen Worten zufolge durch Spenden in Höhe von etwa 100.000 Euro pro Jahr, die Mitgliedsbeiträge, Erbschaften oder durch die Zahlungen von Kommunen für die Versorgung von Fundtieren getragen. „Ohne die Erbschaften könnten wir gar nicht überleben. Aber auch sie gehen zurück, weil viele Menschen in ihrem letzten Willen keine Vereine mehr bedenken“, so David Koch. Die Jubiläumsgala zu den runden Geburtstagen von Verein und Tierheim habe etwa 30.000 Euro in die Kassen gespült, die dem Tierheim zugutekämen.
Dennoch seien Spenden immer willkommen. Und Menschen, die Tiere mitnehmen. Ambra etwa, einer der Hunde aus der nicht artgerechten Haltung des Zirkus, hat noch kein neues Zuhause gefunden.