Neuffen
So nehmen Zahnärzte in Neuffen und Beuren Kindern die Angst
Damit bei jungen Menschen keine Angst vor dem Zahnarzt aufkommt, müssen Praxen kreativ werden. Robert Thoma, Zahnarzt in Neuffen, und Celina Stutz, Zahnärztin in Beuren, berichten von ihren Methoden.
NEUFFEN. Ist man noch ein Kind und betritt die Zahnarztpraxis Aschenbrenner & Thoma in Neuffen, taucht man in eine andere Welt ein. Da ist die Rede von schlafenden Zähnen, es gibt Zauberspiegel, Wunderlampen, Brummkreisel oder Elefantenrüssel. Sogar das Neuffener Esele lugt mit einem breiten Lächeln um die Ecke. Nimmt man jedoch als Erwachsener Platz auf dem Behandlungsstuhl, trifft einen die harte Realität mit voller Wucht. Aus Brummkreiseln werden Zahnbohrer, die Wunderlampe ist eine erbarmungslos helle LED-Lampe und der schlafende Zahn ist die nette Umschreibung für den fiesen Stich mit der Betäubungsspritze ins Zahnfleisch. Robert Thoma lacht. „Wenn Kinder bei mir sind, ist oft mein schauspielerisches Talent gefragt. Ich benutze bildhafte Symbole für die Instrumente, beziehe die Kinder in jeden Behandlungsschritt mit ein und erkläre alles so ausführlich, dass sie es auch verstehen können. Und eine lustige Grimasse oder ein kleiner Scherz gehören ab und an auch dazu“, sagt der promovierte Zahnarzt. Der Erfolg seines Ansatzes gibt dem 33-Jährigen recht.
Kinder früh mit der Praxis vertraut machen
„Eigentlich gehe ich gerne zum Zahnarzt und habe auch keine Angst“, sagt die achtjährige Eli und strahlt über das ganze Gesicht. Das hört sich doch schon mal positiv an. Doch dann runzelt das Mädchen die Stirn: „Wenn gebohrt werden muss, ist das dann doch nicht mehr so schön.“ Gut, das kann man verstehen. Denn ob Jung oder Alt – keiner mag das fiese Geräusch des Bohrers oder nach der Betäubung das pelzige Gefühl im Mund. Auch die Aussicht, den Mund gefühlte Stunden sperrangelweit aufmachen zu müssen, hebt nicht unbedingt die Laune. Bei Eli musste schon mal gebohrt werden. „Seitdem sind Gummibärchen, die ihr der Opa immer zugesteckt hat, tabu. Die waren wirklich Gift für die Zähne“, sagt Mutter Lavinia Loghin. Die Erfahrung mit dem Bohrer war für Eli eine Lehre. Seitdem putzt sie ihre Zähne viel besser.
Die Angst vor dem Zahnarzt steckt vielen von uns in den Knochen. Doch Erwachsene wissen in der Regel, was bei einer Behandlung auf sie zukommt und können sich darauf einstellen. Bei Kindern sieht das anders aus. „Sobald der erste Milchzahn durchbricht, empfehle ich, das Kind in die Praxis mitzubringen, wenn bei einem Elternteil zum Beispiel ein Kontrolltermin ansteht. So wird der Knirps schon mal mit den Räumlichkeiten und dem Personal vertraut gemacht. Ich schaue dem Kind dann auch in den Mund, damit es sich daran gewöhnt“, so Thoma. Bei manchen Kindern klappe es auf Anhieb, einige benötigten mehrere Anläufe. Eine große Hilfe ist dabei das Neuffener Praxis-Esele. Es hat ein riesiges Gebiss und sieht lustig aus. Man kann den Kindern damit Behandlungsschritte spielerisch erklären und das richtige Zähneputzen zeigen. Denn bereits ab dem ersten Zahn sollte mit der regelmäßigen Zahnpflege begonnen werden.
Eltern sollten mit gutem Beispiel vorangehen
Eine wichtige Rolle spielen auch die Eltern. Selbst regelmäßig zum Zahnarzt gehen und mit den Kindern positiv darüber reden ist schon mal die halbe Miete. „Das A und O ist am Anfang, Vertrauen aufzubauen und die Kinder zu nichts zu zwingen“, sagt Celina Stutz. Sie ist Zahnärztin in der Praxis Koch, Goth & Partner in Beuren und kümmert sich dort um die kleinen Patienten. „Ich habe auch schon Kontrollen gemacht, da hatte die Mutter das Kind auf dem Arm, weil es sich einfach nicht in den Stuhl setzen wollte. In solchen Situationen muss man flexibel sein“, sagt die 32-Jährige. Allerdings sollten sich die Eltern bei der Untersuchung im Hintergrund halten. Versprechungen wie „Das tut nicht weh“ oder „Gleich ist es vorbei“ seien kontraproduktiv. „Kinder wollen ernst genommen und nicht angelogen werden. Deshalb spiele ich immer mit offenen Karten, sonst mache ich mich unglaubwürdig“, so Stutz.
Viele Kinder verlieren nach den ersten Besuchen meist die Scheu vor dem Zahnarzt. Und Celina Stutz nimmt sich gerade für ihre jüngeren Patienten immer viel Zeit: „Diese Termine plane ich grundsätzlich länger ein. Oft ist Geduld gefragt, wenn das Kind zum Beispiel nicht richtig mitmachen will. Dann dauern Behandlungen auch mal doppelt so lange als üblich.“
Die Ärztin hat gute Tipps zur Einstimmung der Kinder auf das Thema Zahnarzt: „Es gibt Bücher wie zum Beispiel ,Conni geht zum Zahnarzt‘ oder ,Karius und Baktus‘, die finde ich sehr gut. Aber auch Spielsets sind hilfreich. Mit einem Zahnarztspiegel und einer Taschenlampe kann man zu Hause dann schon mal probeweise dem Kind in den Mund schauen und so die Situation beim Zahnarzt nachstellen.“
Zahngesundheit bei Kindern hat sich verbessert
Celina Stutz und Robert Thoma sind sich einig, die Zahngesundheit habe sich bei Kindern in den vergangenen Jahren positiv entwickelt. Eine bessere Aufklärung sei das eine, zum anderen achteten die Eltern heute viel mehr auf die Zahnpflege sowie die Ernährung ihrer Kinder. „Zum Trinken sind Wasser und ungesüßter Tee ideal“, sagt Robert Thoma. Und Celina Stutz ergänzt: „Kinder sollten so lange wie möglich von Zucker ferngehalten werden. Ab und zu eine Süßigkeit, dagegen spricht nichts. Aber Bonbons, Schokolade und Co. sollten nicht dauerhaft am Tag verfügbar sein.“ Mindestens zweimal am Tag sollten die Zähne geputzt werden. Mit fluoridhaltiger Zahnpasta, schon vom ersten Zahn an. Ab zehn Jahren können Kinder in der Regel alleine putzen. Sind sie jünger, sollten Eltern nach jedem Putzvorgang die Zähne kontrollieren und, wenn nötig, nachputzen. Auch eine regelmäßige Kontrolle durch den Zahnarzt – zweimal pro Jahr – sei wichtig.
Robert Thoma ist mit den Zähnen von Eli heute sehr zufrieden. Den Brummkreisel konnte er in der Schublade lassen. Das Mädchen hüpft glücklich vom Behandlungsstuhl. Sie weiß, jetzt darf sie gleich in die Schatzkiste greifen. Diese gibt es sowohl bei Celina Stutz als auch bei Robert Thoma in der Praxis. Nach jeder Behandlung dürfen die Kinder aus der Truhe etwas mitnehmen. Zu sehen sind bunte Stifte, glitzernde Flummis und vieles mehr. „Da dürfen aber nur Kinder reingreifen“, sagt Eli und grinst. Ach so. Na dann. Kind sollte man noch einmal sein.