Landkreis Esslingen
Trotz Drohnen-Alarms: Delegation aus dem Kreis Esslingen besucht Polen
Eine Abordnung reiste für vier Tage in den Partnerlandkreis Pruszków. Landrat Musolf sieht dabei viele Ansatzpunkte zur Intensivierung eines gegenseitigen Austausches.
LANDKREIS ESSLINGEN. Russische Drohnen über Polen stellten kurzzeitig die Reise einer Delegation des Esslinger Kreistags mit Landrat Marcel Musolf an der Spitze infrage. Einen Tag vor dem Abflug war der Flughafen in Warschau gesperrt, allerdings nur für einige Stunden. Dennoch sorgte der Vorfall am Mittwoch letzter Woche im Esslinger Landratsamt für intensive Telefongespräche mit Vertretern des Partnerlandkreises Pruszków nahe Warschau. Dann wurde entschieden, am Donnerstagmorgen vom Echterdinger Flughafen aus aufzubrechen. „Im Falle einer weiteren Eskalation und Reisebehinderungen hatten wir zusammen mit den polnischen Partnern Vorsorge getroffen und hätten per Bus die Heimreise antreten können“, erklärt Christian Greber, Amtsleiter für Allgemeine Kreisangelegenheiten.
Nürtinger Berufsschule als Anker der Partnerschaft
Die ersten Kontakte nach Polen knüpften Mitglieder des Kreisjugendrings Esslingen bereits im Jahr 1966. Nach dem Ende des Sozialismus in Polen wurde 1999 eine Partnerschaft mit der Stadt Pruszkow besiegelt, die wenig später um eine mit dem gleichnamigen Kreis ergänzt wurde. Die Stadt zählt 60.000 Einwohner, der Kreis 180.000.
Die Partnerschaft wird vor allem getragen durch einen regelmäßigen Austausch der beruflichen Nürtinger Philipp-Matthäus-Hahn-Schule (PMH) mit der Stanislaw-Staszic-Berufsschule. Verbindungen gibt es auch über die Nürtinger Bodelschwingh-Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung und der Esslinger John-F.-Kennedy-Schule. Andere berufliche Kreisschulen hatten immer wieder Kontakte über das europäische Erasmusprogramm.
Europäischer Gedanke als Triebfeder
Über allem steht das Ziel, junge Menschen im europäischen Kontext zusammenzubringen. Dies war in den letzten Jahren mit Ausnahme der kontinuierlichen Initiative der PMH-Schule nicht immer ganz einfach, manche Anfrage der Esslinger Seite sei unbeantwortet geblieben, so Greber. Das lag wohl an einer gewissen europaskeptischen Haltung der polnischen Verwaltungsspitze, in der es immer wieder Wechsel gab. Mit der Wahl von Adrian Ejssymont im Juni vergangenen Jahres zum Landrat von Pruszków sieht der Esslinger Landrat Marcel Musolf, selbst erst seit einem Jahr im Amt, nun andere Vorzeichen. „Wir haben uns im vergangenen Herbst im Rahmen der Verabschiedung meines Vorgängers Heinz Eininger kennengelernt und auf Anhieb vor allem auch auf der menschlichen Ebene gut verstanden“, sagt der 40-Jährige über seinen noch etwas jüngeren Amtskollegen. Auch weitere maßgebliche Vertreter in der polnischen Kreisverwaltung sind jünger, in Gesprächen am Rande war ein großes Interesse an westlichen Kontakten zu spüren.
Engagierte polnische Gastgeber
So hatten sich die polnischen Gastgeber auch mächtig ins Zeug gelegt, mit einem dicht getakteten Programm. Landrat Adrian Ejssymont betonte: „Wir freuen uns sehr über Ihren Besuch, gerade auch in schwierigen politischen Zeiten.“ Im Landratsamt gab es eine Einführung zu den Strukturen des polnischen Kreistags und der Kreisverwaltung. Bereits bei diesem Termin waren lokale Medienvertreter vor Ort, vor deren Mikrofonen und Kameras Landrat Musolf Rede und Antwort stand. Auch dem polnischen Parlament wurde ein Besuch abgestattet.
Einblicke gab es in das Schulwesen, in dessen Gebäude in den letzten drei bis vier Jahren mehrere Millionen an Investitionen flossen. Der Kreis betreibt sechs weiterführende Schulen, darunter beruflich orientierte, und zwei Gymnasien. Auch eine Universität ist im Kreis beheimatet. Außerdem gibt es die ebenfalls erst vor zwei Jahren neu erbaute sonderpädagogische Schule Zespol Szkol. Dort werden Schüler mit verschiedenen Behinderungen unterrichtet.
Ein Arbeitsangebot macht ein Café, das mit Fördermitteln und Spenden, aber auch mit viel nachbarschaftlicher Hilfe ins Leben gerufen wurde, und das sich im Viertel zu einem gern angenommenen inklusiven Treffpunkt etabliert hat.
Die Gymnasien bieten ebenfalls beruflich orientierte Züge an, aber auch ein Sportprofil. Eine gut ausgestattete Sporthalle und Fitnessräume gehören dazu, die auch für die Bevölkerung zugänglich gemacht werden, ebenso wie das schuleigene kleine Planetarium. Landrat Musolf sieht im Schulwesen gute Voraussetzungen und Anknüpfungspunkte für weitere Kooperationen und nahm den Wunsch aus dem polnischen Landratsamt mit, eventuell Kontakte zwischen Hochschulen herzustellen. Für den Jugendaustausch nennt Musolf außerdem den Kreisjugendring als wichtigen Partner. Kreisrat Michael Medla, gleichzeitig Vorsitzender des Kreisjugendrings, nahm an der Reise teil.
Renommiertes Folkloreensemble begeisterte
Beim Besuch der Firma Asmet Group, einem großen und international vernetzten Hersteller von Verbindungselementen wie Schrauben und anderen technischen Artikeln, beeindruckte die Logistik in einem großen Hochregallager mit autonom fahrenden Transportfahrzeugen. Auch der jüdische Friedhof in Pruszków, der einst von PMH-Schülern saniert wurde, war einen Besuch wert.
Ein kultureller Höhepunkt war der Besuch des Zentrums für polnische Folklore in Karolin. Neben einer Ausstellung von Trachten und Utensilien aus verschiedenen polnischen Regionen war die Delegation zu einer Vorführung des Staatlichen Tanz- und Gesangensembles Mazowsze eingeladen, zu dem auch überörtliche Polit-Prominenz gekommen war. Das Ensemble hat eine jahrzehntelange Tradition mit Auftritten in der ganzen Welt und kombiniert traditionelle Tänze und Gesang mit Ballett. „Auf höchstem Niveau“, wie Landrat Musolf honorierte, als er danach vor großem Publikum auf die Bühne geladen worden war. Im Gespräch habe das Management des Ensembles Interesse an einem Besuch im Kreis Esslingen bekundet, nicht nur für eine Vorstellung, sondern vielleicht auch für kleinere Kooperationsprojekte, verriet Musolf in einem Fazit bei der Rückkehr am Sonntagabend.
Das Fazit fiel für den Landrat positiv aus: „Wir haben viele neue Eindrücke zum Landkreis und zum kulturellen und wirtschaftlichen Verständnis der Region gewonnen, unsere Gastgeber waren überaus engagiert, darauf lässt sich aufbauen.“ Gelegenheit dazu bietet sich bei der offiziellen Einweihung des neuen Landratsamts im kommenden Mai mit einem Tag der offenen Tür, zu dem Musolf die polnischen Partner einlud.
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