Nürtingen
Ein Nürtinger Arzt nimmt den Kampf gegen Parkinson auf
Der Gynäkologe Johannes Heimann ist an Parkinson erkrankt. Jetzt möchte er anderen Betroffenen mit seinem Wissen helfen und hat eine Selbsthilfegruppe gegründet. Auftakt ist ein Vortrag am Donnerstag, 15. Februar, 15 Uhr, im Bürgertreff.
NÜRTINGEN. Dr. med. Johannes Heimann ist ein sportlicher Mann, er fährt viel Fahrrad und kommt auch mit dem Rad zum Termin bei der Nürtinger Zeitung. Natürlich nimmt er die Treppe, nicht den Aufzug. Kaum zu glauben, dass dieser Mann an Parkinson erkrankt sein soll.
Dass es ihm verhältnismäßig gut geht, ist kein Wunder, sondern der modernen Medizin zu verdanken. Heimann nutzt sein Fachwissen als Arzt, um der Krankheit mit den bestmöglichen Methoden zu begegnen. Eine fein austarierte Medikation nimmt die meisten Symptome weg. Leider bremst sie nicht das Fortschreiten der Erkrankung. Heimann hat eine Medikamentenbox mit den Medikamenten mitgebracht, die er jeden Tag nimmt. Es sind morgens, mittags, abends und nachts mindestens drei Tabletten. Dazu kommen Physiotherapie, Logopädie für die Sprache und viel Sport.
Außerdem hat er sich einer Operation unterzogen, bei der ihm eine tiefe Hirnstimulation, ein sogenannter „Hirnschrittmacher“ eingesetzt wurde. Viele schrecken davor zurück, wenn sie erfahren, dass die Sonden in einer acht- bis zwölfstündigen Operation bei vollem Bewusstsein ins Gehirn eingesetzt werden. Doch die Mitarbeit der Patienten ist für den Erfolg der OP unverzichtbar. „Der Eingriff ist etabliert und hochwirksam. Danach geht es einem schlagartig besser.“
Heimann zeichnet eine Kurve, die die Lebensqualität mit und ohne die medizinischen Interventionen zeigt. „Je früher man eingreift, desto länger bleibt die Lebensqualität erhalten. Heilen kann man die Krankheit nicht.“ Sein Motto ist, das Verbleibende zu erhalten, denn: „Verlorenes kehrt nicht mehr zurück.“
Im Rückblick war die Krankheit schon lange da
Johannes Heimann berichtet, wie er von der Erkrankung erfahren hat. Das war 2016. Er hatte eine Frauenarztpraxis in Reutlingen, die auf vorgeburtliche Diagnostik spezialisiert war. Die 21 Kilometer zwischen der Praxis und seinem Zuhause in Nürtingen legte er mit dem Fahrrad zurück. „Das Fahrradfahren war Balsam für meine Seele.“ Dann bemerkte er, dass auf halber Strecke sein linker Arm zu zittern anfing. Später brachte er sein Fahrrad in die Werkstatt, weil er dachte, es würde bremsen. Aber das Fahrrad war in Ordnung. Erst später lernte er, dass er permanent gegen den eigenen Muskelwiderstand angetreten war.
Patienten sprachen ihn darauf an, dass er verändert wirke. Ihm selbst fiel auf, dass er sich langsamer bewegte. Alltagsbewegungen waren eben nicht mehr alltäglich. Dennoch ließ der Arzt ein weiteres halbes Jahr verstreichen, bevor er zum Neurologen ging. Es war eine Blickdiagnose: „Sie haben Parkinson.“ – „Ich war nicht überrascht. Insgeheim hatte ich es schon gewusst.“ Aber die Verdrängung war stärker.
Nach der Verdrängungsphase folgte eine Phase der intensiven Beschäftigung mit der Krankheit. Heimann las alles, was er darüber in die Finger bekommen konnte, ob Literatur für Laien oder für Fachleute.
Depression kann ein erstes Anzeichen sein
„Wenn man eine solche Diagnose bekommt, wirft man einen Blick zurück und dann erklärt sich einiges.“ Bereits 15 Jahre vor der ersten Diagnose zeigten sich erste Symptome in Form von Interessensverlust. Heimann liebt Musik, war Geiger im Nürtinger Kammerorchester. „Nach und nach verschwand die Freude daran, es war nur noch lästig.“ Ein erstes Anzeichen von Parkinson kann eine Depression sein. „Das Leben entfärbt sich.“
Da die Depression hirnorganisch ist, hilft keine Psychotherapie, nur Medikamente. Diese oft nicht erkannten und nicht wirksam behandelten Depressionen haben Auswirkungen auf das Umfeld. „Meine Töchter haben mir später gesagt, durch die Antidepressiva bist du wieder du selbst.“
Das gehört für Heimann zur Lebensqualität: „Ich möchte meine Hobbys so lange wie möglich pflegen.“ Durch Übungen könne man vieles kompensieren und den Rückgang der Bewegung aufhalten. Heimann spricht fließend Spanisch und nutzt die geschliffene Aussprache, um seine Sprachfähigkeiten zu trainieren. Politische Debatten, die er früher nie gescheut hat, mag er aber nicht mehr führen. „Bei vielen folgt ein sozialer Rückzug, weil sie nicht mehr so gut artikulieren können.“
Erst wer sich offenbart, kann Hilfe bekommen
Im Jahr 2019 musste er seine Praxis verkaufen und den Beruf, den er mit viel Leidenschaft ausgeübt hatte, schon im Alter von 62 Jahren aufgeben. „Ich bin von vornherein auch meinen Patienten gegenüber sehr offen mit der Diagnose umgegangen. Es gibt keinen Grund, sich zu verbergen. Das beugt Missverständnissen vor. Wenn ich es verheimliche, können andere mir nicht helfen.“
Obwohl ihm die Krankheit viel genommen hat, was ihm zuvor im Leben wichtig war, gibt Heimann nicht auf. Nun möchte er anderen helfen, indem er die Selbsthilfegruppe leitet: „Ich glaube, dass ich dafür der Richtige bin.“ Der Arzt besitzt die Fähigkeit, komplexe medizinische Vorgänge verständlich und nachvollziehbar zu erklären. Dabei kommt ihm die jahrzehntelange Erfahrung mit Patientengesprächen zugute. Er hat selbst umfangreiches Material erstellt, das er den anderen Betroffenen gerne zur Verfügung stellt. Ihm ist es ein Anliegen, dass auch Menschen, die nicht über sein Fachwissen verfügen, die bestmögliche Behandlung bekommen. „Vielen könnte es besser gehen.“
Braucht Nürtingen eine Selbsthilfegruppe für Parkinson-Patienten? Bisher gab es eine Regionalgruppe Kirchheim-Nürtingen innerhalb der Deutschen Parkinson Vereinigung. Doch deren Schwerpunkt liegt eher in Kirchheim und während Corona seien viele Nürtinger abhandengekommen. Also eine echte Lücke in Nürtingen, die nun aufgefüllt wird.
Die Selbsthilfekontaktstelle im Bürgertreff lädt am Donnerstag, 15. Februar, 15 Uhr, zu dem Vortrag von Johannes Heimann über das Krankheitsbild Parkinson-Syndrom mit dem Titel „Wer’s versteht, dem geht’s besser“ ein. Heimann beschreibt das Krankheitsbild sowohl als Arzt als auch als Betroffener. Der Vortrag im Bürgertreff versteht sich als Auftakt zu der neuen Selbsthilfegruppe. Diese trifft sich jeden dritten Donnerstag eines Monats von 15 bis 17 Uhr im Bürgertreff. Näheres dazu bei Johannes Heimann unter (07022) 38596 oder (0174) 3268668.