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Wendlingen blickt auf einen ungewöhnlich leeren Neckar

„Wenn das Land austrocknet“: In unserer Serie fragen wir nach den Auswirkungen von Hitze und Dürre auf Landwirtschaft und Natur in der Region. In Wendlingen führt der Neckar wenig Wasser. Besonders kritisch ist die Situation in den kleinen Zuflüssen oder Seen.

Der Neckar führt derzeit so wenig Wasser, dass die Befestigung zwischen dem Triebwerkskanal und dem Fluss deutlich sichtbar ist. Foto: Sylvia Gierlichs

WENDLINGEN. Wer derzeit am Neckar in Wendlingen unterwegs ist, blickt auf einen Fluss, der sich ungewöhnlich weit zurückgezogen hat. Kiesbänke ragen aus dem Wasser, flache Uferbereiche werden sichtbar, wo sonst die Strömung bis an den Rand reicht. Graureiher nutzen die seichten Stellen zur Nahrungssuche, Schwäne und Enten haben die freigelegten Sandbänke als Ruheplätze entdeckt.

Es ist ein ungewohnt idyllisches Bild. Doch die Idylle trügt. Der Neckar führt derzeit so wenig Wasser wie seit Langem nicht mehr. Am Pegel Wendlingen-Kläranlage wurden Anfang Juli lediglich etwa 10 bis 11 Kubikmeter pro Sekunde gemessen. Am 11. August waren es im Tagesmittel sogar nur 8,51 Kubikmeter. Aktuell liegt der Durchfluss bei 14,4 Kubikmetern pro Sekunde. Für den Fluss sind das schwierige Bedingungen. Der langjährige mittlere Abfluss beträgt etwa 40 Kubikmeter pro Sekunde. Als langjährigen mittleren Abfluss bezeichnet man die durchschnittliche Wassermenge, die über einen längeren Zeitraum hinweg pro Sekunde an einer bestimmten Stelle des Flusses abfließt.

Wenn das Wasser zu warm wird

Fische geraten bei Niedrigwasser unter Druck. „Das verbleibende Wasser erwärmt sich bei Sonneneinstrahlung deutlich schneller. Gleichzeitig kann warmes Wasser weniger Sauerstoff aufnehmen als kaltes“, sagt der Wendlinger Naturschutzexperten Wilfried Schmid. Zusätzlich verbrauchten Bakterien bei höheren Temperaturen mehr Sauerstoff, weil sich der Abbau organischer Stoffe beschleunigt.

Für empfindliche heimische Fischarten wie Bachforellen oder Äschen können Wassertemperaturen von 22 bis 25 Grad Celsius bereits kritisch werden. Steigt die Temperatur weiter und sinkt gleichzeitig der Sauerstoffgehalt, droht akute Atemnot. Fische sammeln sich dann bevorzugt in tieferen oder stärker durchströmten Bereichen. Doch genau diese Rückzugsräume werden bei anhaltender Trockenheit knapp. Wobei Schmid den Neckar zwischen Wendlingen und Wernau noch nicht einmal als besonders gefährdet ansieht. Denn durch die vielen Staustufen hätten Fische noch die Chance sich in die Bereiche oberhalb der Wehre zurückzuziehen. Viel problematischer findet Schmied aber die Situation für die Seen in Wendlingen. Er nennt hier vor allem die Erblehen, die in Richtung Wernau kurz vor dem Neckar-Altarm liegen. „Hier ist der Wasserstand so gesunken, dass die Reiher nur noch bis zum Knie im Wasser stehen“, sagt Schmid. Es verdunste mehr Wasser als durch Regen und Zuflüsse nachkomme. Der Bach, der von der Ziegelei in Wernau in den Neckar fließe und dabei auch einen der beiden Seen passiere, sei fast schon ausgetrocknet.

Viel an dieser Problematik sei hausgemacht, meint Schmid und nennt schnell abfließendes Wasser und mangelnde Beschattung als Gründe. Drainierte Wiesen seien ebenfalls verantwortlich für die prekäre Situation. Drainagen leiten Wasser aus dem Boden ab, damit die Wiesen landwirtschaftlich besser nutzbar sind. Allerdings werde das Wasser durch die Drainagen schneller aus der Landschaft abgeleitet, statt im Boden gespeichert zu werden und später langsam in Bäche und Seen zu gelangen. Drainagen können auch den Grundwasserspiegel sinken lassen, weil weniger Wasser im Boden gehalten wird. Wiesen trocknen schneller aus, wodurch Pflanzen schlechter wachsen. Und nicht zuletzt geht auch Lebensraum für Amphibien, Insekten und andere Tiere verloren.

In der Lauter ist die Lage noch heikler

Die Situation am Neckar ist allerdings nicht mit der in kleinen Zuflüssen vergleichbar. Durch die Staustufen, die derzeit von Fischen als Rückzugsort genutzt werden, ist eine Notabfischung nicht notwendig. Anders sieht es bei kleineren Gewässern wie der Lauter aus. Sie hat keine Staustufen, die das Wasser zurückhalten. Für Bachforellen kann das lebensgefährlich werden. Steigt die Temperatur in den verbliebenen Wasserstellen weiter an oder reicht der Sauerstoff nicht mehr aus, droht den Tieren der Hitzetod oder sie ersticken. Eine Zählung in der Lauter im August ergab, dass es derzeit deutlich weniger Fische in der Lauter gibt, als in normalen Jahren im August.

Kraftwerke der EnBW erreichten nur 54 Prozent hier normalen Produktionsmenge

Nicht nur die Fische bekommen den niedrigen Pegel zu spüren. Auch die Betreiber der Wasserkraftwerke müssen mit dem geringen Abfluss zurechtkommen. Weniger Wasser im Neckar bedeutet, dass auch weniger Wasser durch die Turbinen fließen und Strom erzeugen kann. Nach Angaben des Umweltministeriums hatte das Niedrigwasser in diesem Sommer bereits deutliche Auswirkungen auf die Stromproduktion der EnBW. Die Kraftwerke des Unternehmens erreichten im Juli lediglich rund 54 Prozent ihrer normalen Produktionsmenge. Auch für die Anlagen in Wendlingen dürfte die aktuelle Wasserführung eine Rolle spielen. Denn es muss ein bestimmter Abfluss vorhanden sein, damit Wasser überhaupt aus dem Neckar entnommen werden darf. Nicht das gesamte Wasser darf zur Nutzung entnommen werden. Ein Teil muss im Gewässerbett verbleiben, damit die ökologische Funktion des Flusses erhalten bleibt.

Gießkanne bleibt ebenfalls tabu

Das Amt für Wasserwirtschaft des Landratsamtes weist deshalb darauf hin, dass bei Niedrigwasser die Entnahmemenge entsprechend reduziert werden muss. Nicht nur für Betreiber von Wasserkraftwerken, sondern für alle Bürger gilt daher seit dem 27. Juni: es darf kein Wasser aus dem Neckar, aber auch nicht aus dessen noch sensibleren Zuflüssen entnommen werden. Dieses Verbot gilt vorerst bis 30. September. Auch das Schöpfen von Hand – beispielsweise mit einer Gießkanne – ist verboten. Wer sich nicht daran hält, muss mit einem empfindlichen Bußgeld rechnen. Der Grund ist simpel: Bei einem ohnehin stark reduzierten Abfluss zählt jeder Liter. Besonders kleine Gewässer können durch zusätzliche Entnahmen schnell an ihre Belastungsgrenze kommen.

Der Neckar führt damit gerade eindrucksvoll vor Augen, wie nötig eine Renaturierung am oberen Neckar wäre. Wilfried Schmid plädiert daher zur Schaffung von weiteren Altarmen und mehr Beschattung für den Fluss, der als eine der Lebensadern Baden-Württembergs gilt. Die freigelegten Kiesbänke sind nicht nur ein schönes Fotomotiv. Sie sind ein sichtbares Zeichen dafür, dass der Neckar in diesem Sommer an seine Grenzen kommt.

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