Wendlingen
Ein Seniorenheim für Nepal - Köngener Jugendhausleiter setzt sich für alte Menschen am Dach der Welt ein
Der Köngener Jugendhausleiter Matthias Dold und die Ehmann-Stiftung setzen sich für alte Menschen am Dach der Welt ein
Ein Heim, in dem alte Menschen ihren Lebensabend verbringen, in dem man sich um sie kümmert? Ein Konzept, das hierzulande als Seniorenheim bekannt ist. In anderen Kulturen kennt man dieses Konzept nicht. In Nepal will Matthias Dold dies nun ändern. Der Leiter des Köngener Jugendhauses Trafo engagiert sich privat seit vielen Jahren für das Land am Himalaya.
KÖNGEN. Nepal kennt man hierzulande oft nur wegen der herrlichen Bilder vom Himalaya. Wegen Reinhold Messners Besteigung des Mount Everest. Oder wegen Geschichten über all jene Verrückten, die sich für viel Geld auf Messners Spuren begeben und dabei ihren Wohlstandsmüll am höchsten Berg der Erde zurücklassen. Oder ungeplant gleich ganz dort bleiben. Doch wie lebt man als Einheimischer am Dach der Welt?
Das Leben ist hart, sagt Matthias Dold, der das Land seit Jahren bereist und sich dort sozial engagiert. In den ländlichen Regionen gibt es wenig Infrastruktur. Die Menschen leben dort häufig von Landwirtschaft. Doch früher lebten auf dem Land mehrere Generationen zusammen, die Jüngeren kümmerten sich um die Älteren – eigentlich so, wie es in Deutschland auch mal war. Doch die jungen Nepali zieht es in die Stadt. Oder gleich ins Ausland, nach Saudi-Arabien, Katar oder die in Vereinigten Arabischen Emirate. Wo sie auf dem Bau oder als Haushälterinnen arbeiten und häufig ausgebeutet werden. Die Alten bleiben zurück. Oft mit nur geringen Mitteln. Mit ihren Kindern in die Stadt ziehen – nein, genau wie in Deutschland wollen das die Alten nicht. Sie wollen in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Dass dies möglich ist, dafür wollen Matthias Dold und sein nepalesischer Freund Basanta Raj Dawadi sich nun einsetzen.
Dold ist schon lange in Nepal engagiert. Er hat Schulen unterstützt, neue gebaut und als 2015 in Nepal die Erde heftig bebte, hat er mit Hilfe vieler Köngener Spenden eine vom Erdbeben zerstörte Schule wieder aufgebaut. Angefangen hat die große Begeisterung für Nepal mit der Begeisterung für das Gleitschirmfliegen. Seit vielen Jahren nimmt der gebürtige Schweizer immer wieder Deutsche mit, die die Leidenschaft fürs Fliegen mit ihm teilen. Mittlerweile gibt es gar ein Gästehaus, das Matthias Dold gekauft hat.
Indes, das Haus hatte damals noch eine Bewohnerin. Eine etwa 78-jährige Frau. Ihr Mann lebte nicht mehr, die Kinder waren in die Stadt gezogen. Was also tun? Die Frau kam bei einer Nachbarin unter, die beiden sind ein Herz und eine Seele. Ein Glück. Doch was passiert mit all den anderen alten Frauen? Und Männern? Die Idee, in Nepal ein Seniorenheim aufzubauen, keimte. Und ist nun zu einer Pflanze herangewachsen, die prächtig gedeiht. Denn das Altenheim ist mittlerweile in der Planungsphase angekommen. Auch mit Hilfe der Köngener Ehmann-Stiftung, die sich bereit erklärt hat, 400 000 Euro für dieses Projekt zur Verfügung zu stellen. Die Hälfte als Invest für den Bau, die andere Hälfte als Anschubfinanzierung. „Denn es braucht seine Zeit, bis es rund laufen kann“, sagt Köngens Altbürgermeister Hans Weil, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass der Stiftungsrat seine Zustimmung gab. „Ich bin zuversichtlich, dass es gut wird. Es könnte eine Blaupause für weitere Projekte dieser Art werden“, sagt Weil. Auch Dold und seine Mitstreiter in Nepal und Deutschland haben viel Herzblut und Sachverstand eingebracht, um die Geldgeber mit Zahlen, Daten und Fakten zu versorgen.
Standort des Heims? Am heiligen Berg Machhapuchhre
In der Nähe von Pokhara, wo auch ein von Dold unterstütztes Schulprojekt sitzt, soll das Seniorenheim entstehen. Im Gebiet um den heiligen Berg Machhapuchhre, der mit seinen 6997 Metern zum Annapurna-Gebirge gehört. Die Region umfasst etwa 544 Quadratkilometer, hundert Quadratkilometer weniger als der Landkreis Esslingen. Dafür leben in dem sehr gebirgigen, wenig erschlossenen Gebiet nur 21 800 Menschen, während im Landkreis ja 580 000 Menschen wohnen. Das Gebiet ist derzeit nicht medizinisch versorgt.
Ohne die Hilfe von Freunden, die ihre Expertise einbringen, geht es bei Projekten dieser Größenordnung nicht. Und so entwickelte ein befreundeter Architekt, Rolf Steigert, für Matthias Dold die Baupläne für das Seniorenheim. Ein Finanzplan wurde erstellt. Der Bürgermeister der Gemeinde Machhapuchhre, Karna Bahadur Gurung, fand die Idee „echt cool“ und wollte sich gleich einen Platz reservieren lassen. Doch zunächst stiftete er 2035 Quadratmeter Land, auf dem das Seniorenheim nun entstehen soll. Wasser, Strom und eine Straße zum künftigen Standort gibt es.
Ein- und Zweibettzimmer soll es geben, alle mit eigenem Bad ausgestattet und barrierefrei, ein Novum in Nepal. Essen, Unterkunft und Kleidung, medizinische Versorgung, Bewegungsangebote wie Yoga, aber auch eine Bibliothek und Freizeitangebote wie Gartenarbeit soll es im Seniorenheim geben. Einen Security-Dienst und Videoüberwachung, Solarzellen auf dem Dach. „Und die Menschen sollen richtige Matratzen in ihren Betten haben“, sagt Dold. Was zeigt, das dies nicht zur Standardausstattung eines nepalesischen Heims gehört. Anfangs sollen 40 Menschen dort leben können, doch bei Bedarf könnte das Heim erweitert werden. 20 Menschen könnten dort zudem eine Arbeit finden.
Eine Open-Door-Strategie öffnet die Türen des Heims für Besucher, Angehörige, Freunde. „Wir betrachten dieses Konzept als Wertschätzung für die alten Menschen, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben“, sagt Matthias Dold. Wie finanziert sich die Betreuung? „Die Hälfte der Bewohner soll aus zahlungskräftigeren Nepali bestehen, die für ihre Unterbringung bezahlen. Aus den Einnahmen soll dann die Unterbringung der mittellosen Nepali mitfinanziert werden.“ Und auch medizinische Betreuung soll es geben: Laxmi, eine junge Frau, die dank Matthias Dolds Engagement in Kathmandu Medizin studieren kann, will nach dem Studium in ihre Heimatregion zurückkehren und sich als Ärztin niederlassen.