Weihnachtsgrüße
Von Thanksgiving, Chanukkafeiern und dem Weihnachtsfest
Johanna Neumann wünscht sich ab und zu süßes Magenbrot in der Heimat anstelle von salzigem Popcorn beim „Christmastree Lighting“ in Boston
Vor genau einem halben Jahr habe ich in der Nürtinger Zeitung schon einmal über meinen anstehenden Freiwilligendienst mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in einem jüdischen Seniorenheim in den USA berichtet. Jetzt bin ich schon seit über drei Monaten hier und mein zweiter Artikel wird nicht wie damals bei 30 Grad in Nürtingen, sondern bei 30 Grad Fahrenheit in einem Vorort von Boston geschrieben. Während ich mich an die amerikanische Kultur im Allgemeinen noch etwas gewöhnen muss, fühlt sich das jüdische Leben schon beinahe familiär an. Meine „Residents“, also die Bewohner, im „Hebrew Senior Life“, dem Seniorenzentrum, in dem ich arbeite, empfingen mich mit offenen Armen und schaffen es immer wieder, dass ich mich schon am Freitag auf den Montag freue. Die wöchentlichen Shabbatfeiern in der heimeigenen Synagoge gehören für mich genauso selbstverständlich dazu wie das koschere Essen in den meisten jüdischen Haushalten. Hätte man mir vor einem Jahr, als ich mitten im Bewerbungsverfahren und in den Abi-Vorbereitungen steckte, erzählt, welche Erfahrungen ich hier nicht nur in persönlicher, sondern auch in kultureller, religiöser und historischer Hinsicht machen werde, ich hätte es nicht geglaubt. Eines der wichtigsten Erlebnisse war für mich das Thora-Freudenfest (Simchat Thora) am Ende des Laubhüttenfestes (Sukkot) Ende September. Dabei wird gefeiert, dass man wieder von vorne beginnt, die Thora zu lesen. Um dies zu zelebrieren, werden alle fünf Thorarollen aus dem Thoraschrein geholt und fünf Personen tanzen mit ihnen im Kreis. Traditionell beginnt dann die ganze Gemeinde im Kreis darum herumzutanzen und laut und ausgelassen werden hebräische Lieder dazu gesungen. Als wir jedoch dieses Fest in der Synagoge unseres Altersheimes gefeiert haben, konnten unsere Bewohner, da die meisten im Rollstuhl sitzen, leider nicht aufstehen, weshalb wir ihnen die Rollen auf den Schoß gelegt haben und dann mit ihnen im Rollstuhl „tanzten“. Als jedoch die größte der Thorarollen einem Bewohner zu schwer wurde und kein anderer Erwachsener in der Nähe war, der sie ihm hätte abnehmen können, musste ich sie nehmen. Zuerst habe ich mich dabei unsicher gefühlt – immerhin ist die Thora das Allerheiligste in der jüdischen Religion und ich, als nicht-jüdische Deutsche, hielt sie plötzlich in den Händen. Dabei weiß ich, dass viele der Anwesenden ihre Familien im Holocaust verloren haben oder deshalb ihre Heimat verlassen mussten. Es erschien mir respektlos, umso mehr war ich über ihre Reaktion überrascht. Während ich mit der Rolle im Arm durch die Synagoge tanzte, lächelten mich die Bewohner an, winkten mir zu und eine Frau nahm mich am Ende in den Arm und meinte, sie sei so stolz auf mich. Das war der Moment, in dem ich merkte, dass sie mich akzeptiert hatten. Ein weiteres besonders bewegendes Erlebnis hatte ich mit einer 92-jährigen jüdischen Frau. Sie musste mit siebzehn Jahren Wien 1938 wegen der nationalsozialistischen Verfolgung verlassen und kam ganz alleine nach New York. Nach einer langen Diskussion über das „Warum“ des Holocaust umarmte Felizia mich und sagte: „I love you, Johanna! You can’t imagine how happy I always am, when I see you“. Das zeigt mir, dass es die richtige Entscheidung war, hierherzukommen. Auch wenn es am Anfang nicht immer einfach ist, im „restlichen Leben“ anzukommen. Nach einigen Wochen der Unsicherheit über meine Wohnmöglichkeiten bin ich nun endlich in einer Gastfamilie – und sie ist klasse! Meine Gastmutter schenkte mir sogar einen Adventskalender, um mir „die Feiertage einfacher zu machen“, weil sie ja jüdisch sind. Während ich mein erstes Türchen öffnete, wurde im Wohnzimmer die fünfte Chanukkakerze angezündet. Chanukka ist ein jüdisches Lichterfest, an dem die Kinder ähnlich wie bei uns an Weihnachten Geschenke bekommen. Nach acht Tagen voll mit Chanukkafeiern, Latka and Applesauce (eine Art Kartoffelpuffer), Dreidelspielen (Dreidel sind kleine Kreisel, mit denen um Schokoladengeld oder Pennys gespielt wird), kann ich inzwischen schon viele hebräische, jiddische und amerikanische Songs mitsingen – nicht zu vergessen „ God bless America“, das, egal bei welchem Anlass, nicht fehlen darf! Womit wir bei den amerikanischen Feiertagen wären: Ende November konnte ich auf einer Party für die mexikanisch-amerikanischen Harvard Freshmen ein richtig tolles Thanksgiving mitfeiern. Für mich scheint es, als sei dieser Feiertag hauptsächlich zum Essen gemacht. Traditionell gibt es neben dem Turkey (Truthahn) mushed potatoes, green beans, corn bread und als Desserts pumpkin und apple pie. Wir haben dann das Ganze noch mit regionalen Spezialitäten der internationalen Gäste erweitert. Wir brachten zum Beispiel Linzer Torte mit. Außerdem hatte ich die ganz besondere Gelegenheit, das einzigartige „Thanksgivukka“ mitzuerleben. Thanksgiving fiel nämlich auf die zweite Nacht von Chanukka und das war in der jüdischen Gemeinde für Wochen Thema Nummer eins! Nein, stimmt nicht ganz: Als die „Boston Red Sox“ in die World Series kamen und diese dann auch noch gewonnen haben, stand die ganze Stadt kopf – auch das Seniorenheim war von oben bis unten in Rot dekoriert und selbst fünfundachtzigjährige Frauen saßen bis nachts um halb eins vor dem Fernseher, um auch keine Sekunde der Baseballspiele zu verpassen. Und wenn die „Patriots“, Bostons Footballteam, es in den nächsten Wochen tatsächlich in die Playoffs schaffen sollten, wird die Stadt neben all den typisch plastik-kitschigen Christmas-Dekorationen, die man aber doch irgendwie zu lieben beginnt, wohl bald auch noch in Blau getaucht sein! Wie ihr seht, erlebe ich hier reichlich. Trotzdem sehne ich mich hin und wieder nach den Plätzchenbacksonntagen in Linsenhofen, einem richtigen Adventskranz oder Magenbrot anstelle von salzigem Popcorn beim Christmastree lighting mit über 4000 Besuchern im Zentrum von Boston. Wie genau mein Weihnachtsfest hier ausschauen wird, weiß ich noch nicht. Am ersten Advent war ich zum ersten Mal in einer Kirchengemeinde, deren schwedischer Pastor mich freundlich willkommen geheißen hat. Natürlich werden meine jüdischen Kollegen und meine Gastfamilie Weihnachten nicht feiern. Aber sie zeigten sich nicht abgeneigt, am 25. Dezember, dem „Christmas Day“, meinen Geburtstag mit mir zu feiern.
An meine liebe „ORO“, meine Eltern, Jakob, den ganzen Neumann-Clan, Laura und Moni und alle anderen Freunde: Ich denke fest an euch! Euch, allen Bekannten, meinen „Paten“ und Unterstützern der Freiwilligenarbeit der ASF und Ihnen, liebe Leser, wünsche ich von Herzen fröhliche Weihnachten, gesegnete Feiertage und einen guten Rutsch ins Jahr 2014!
Johanna Neumann