Sport
Stadtsportverband Nürtingen: Der Weg zur Sportstadt ist ein langer
Stadtsportverband: „Wir brauchen Manpower“ – Der Zusammenschluss Nürtinger Vereine fordert weitreichendere Mittel
Der Stadtsportverband (SSV) Nürtingen hat seine online abgehaltene Mitgliederversammlung am Mittwochabend in erster Linie zur Selbstfindung genutzt. Diese scheint vier Jahre nach der Gründung der Dachorganisation weiterhin dringend nötig zu sein.
Dass sich die Interessenvereinigung von 16 Vereinen aus der Stadt Nürtingen noch immer im „Dornröschenschlaf“ befindet, wie es Dorothea Jooss ausdrückt, daraus machte die Vorstandssprecherin des Stadtsportverbandes und gleichzeitige Vorsitzende des TB Neckarhausen bereits im Pressegespräch vor der eigentlichen Hauptversammlung der SSV-Mitglieder keinen Hehl.
Die Probleme, mit denen der Dachverband der Nürtinger Sportvereine zu kämpfen hat, liegen schließlich auf der Hand. Hier sind Ehrenamtler tätig, die viele Stunden ihrer privat verfügbaren Zeit schon an anderer Stelle investieren: und zwar im Ehrenamt – engagiert in ihren angestammten Vereinen vor Ort. Und mit welch überschaubarem Budget der Verband ausgestattet ist, der sich hauptsächlich über Mitgliedsbeiträge finanziert, davon konnten sich die rund 35 zugeschalteten Teilnehmer der Hauptversammlung, darunter auch Vertreter aller sechs Fraktionen im Nürtinger Gemeinderat, beim Bericht von Kassier Alexander Beck überzeugen. Kurz und knapp: Ressourcen fehlen hinten wie vorne.
Dennoch zeigt sich Dorothea Jooss überzeugt: „Ich glaube, dass jetzt die Stunde ist, in der wir den SSV zum Leben erwecken können.“ Eine Agenda, von der Jooss gemeinsam mit ihren Mitstreitern im Verbandsvorstand die Mitglieder vor den heimischen Bildschirmen zu überzeugen suchte. Selbstbewusstsein schöpfen die führenden Köpfe des Verbandes aus den Ergebnissen der Sportentwicklungsplanung für Nürtingen, die das Stuttgarter Institut für Kooperative Planung und Sportentwicklung (IKPS) im Auftrag der Stadt und unter Beteiligung der Vereine und Schulen erarbeitet hat. Aus der 120 Seiten umfassenden Bestandsaufnahme und Bedarfsanalyse, aus der sportpolitische Ziele und Empfehlungen abgeleitet werden, haben die SSVler für sich in erster Line eines abgeleitet: Eine gewichtige Rolle, die dem Stadtsportverband bei der Umsetzung der Planungen zukommen soll. Der städtischen Verwaltung alles überlassen, das will man nicht. Denn Jooss und ihr Vorstandskollege Andreas Herbst stellten mit Blick auf den SSV klar: „Hier sitzen Leute, die eine Ahnung haben.“
Im Kultur-, Schul- und Sozialausschuss der Stadt wurde der Sportentwicklungsplan bereits vorgestellt (wir berichteten). Transparente Hallenbelegungskriterien werden benötigt, eine Sporthalle im Innenstadtbereich, neue Sportföderrichtlinien, womöglich Nutzungsgebühren für die Hallen und eine Belegungs- und Buchungssoftware, um freie Kapazitäten optimal nutzen zu können.
Um Nürtingen zur Sportstadt weiter zu entwickeln will der Stadtsportverband weitere „Pfähle einschlagen“, wie Jooss erläuterte. So soll eine „Nürtinger Sport-Card“ den Nutzern ermöglichen, Angebote von allen Vereinen zu buchen. Eine „Sportmeile am Neckar“ ist angedacht, um Sportangebote im öffentlichen Raum zu errichten. Die Meile soll sich von Zizishausen bis zum Beutwangsee erstrecken, mit Zwischenstationen auf der Neckarau und den Sportanlagen auf dem Wörth. Darüber hinaus plant der SSV neue Sportveranstaltungen für die Stadt, während intern vorgesehen ist, den Sitz des Verbandes von der TG Nürtingen weg an einen neutralen Ort zu verlegen.
„So können wir keine produktive Leistung einbringen“
SSV-Finanz-Vorstand Alexander Beck
„Viele spannende Ideen“ erkannte Sven Singler, Leiter des Amtes für Bildung, Soziales und Familie der Stadt Nürtingen, in den aufgezählten Vorhaben. Den Stadtsportverband operativ und finanziell zu stärken: für ihn „eine spannende Aufgabe“. Und doch mahnte Singler auch die Geldmittel auf dem Schirm zu behalten. Mut machte er immerhin mit Blick auf die geforderte Belegungssoftware. „Die wird relativ bald umsetzbar sein“, kündigte der Amtsleiter an.
„Toll, was da alles geplant wird“, findet auch Johannes Fridrich. Die Teilnahme des Oberbürgermeisters an der Hauptversammlung hatte die Vorstandschaft bereits im Vorfeld ausdrücklich als Zeichen der Wertschätzung für ihre Anliegen interpretiert. Mehr als eine mentale Unterstützung wollte das Stadtoberhaupt dann aber nicht liefern. Die neue Halle für Nürtingen: „ein dickes Brett“, das zu bohren sei. Er habe großes Interesse, dass sich Nürtingen zur Sportstadt entwickle, betonte Fridrich und dankte den Verbandsspitzen für ihr Engagement. „Sport ist eine ganz ganz wichtige Geschichte“, gab Fridrich den Zugeschalteten mit auf den Weg, ehe er sich mit Verweis auf familiäre Verpflichtungen auch schon wieder vorzeitig verabschiedet hatte – „rechtzeitig bevor’s ums Geld geht“, wie ein Teilnehmer – halb im Scherz, halb im Schmerz – kommentierte.
Dem Antrag, den die Vorstandschaft des SSV an die Mitgliederversammlung schließlich stellte, ging so ein prominenter Zuhörer ab. Für Jooss und ihre Mitstreiter ist es offensichtlich, dass der Stadtsportverband strukturell und personell besser ausgestattet werden muss, soll er bei der Umsetzung des Sportentwicklungsplans eine wichtige Rolle spielen. „Toll, dass wir mit eingebunden werden sollen, aber bei unseren Ressourcen können wir keine produktive Leistung einbringen“, brachte Alexander Beck vom SV Hardt das Dilemma auf den Punkt. Mit Blick auf andere Stadtsportverbände sehe man: „Es geht nicht ohne hauptamtliches Personal.“ „Wir brauchen Manpower“, fordert Dorothea Jooss.
Der Antrag vom Mittwoch sieht deshalb vor, dass mit finanzieller Hilfe durch die Kommune eine 50-Prozent-Stelle geschaffen werden soll – angesiedelt beim SSV und nicht bei der Stadt. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. „Jetzt können wir versuchen, mit den politischen Gremien das Ganze voranzutreiben“, sah Alexander Beck ein Startsignal. Klar dürfte allen Beteiligten aber sein – beim Blick auf die meist nachgeordnete Rolle, die Sport speziell in Zeiten knapper Finanzmittel innehat: Der Weg Nürtingens zur Sportstadt wird weiterhin ein langer sein.