Oberboihingen

Kommentar zum grünen Trauzimmer Oberboihingen: Romantik braucht Infrastruktur

Als Trauort wirft das Türmle mehr praktische Fragen auf, als er romantische Antworten liefert.

Bei der Einweihung wurde der Feldweg am Turm mit genutzt. Das wäre im Fall von Trauungen kaum möglich. Foto: Philip Sandrock

OBERBOIHINGEN. Der Aussichtsturm ist in Oberboihingen ein umstrittenes Bauwerk. Die einen sehen in ihm einen besonderen Aussichtspunkt und ein Stück moderner Ortsgestaltung, die anderen fragen sich, was der Turm eigentlich bringen soll. Ihn attraktiver zu machen, indem man ihn aktiv nutzt und mit Leben füllt, ist deshalb zunächst einmal eine naheliegende Idee.

Aber muss es ausgerechnet ein Trauort sein? Denn bei aller romantischen Vorstellung von einer Hochzeit mit weitem Blick über die Landschaft fehlt dem Turm eines ganz entscheidend: die Infrastruktur. Wo sollen die Hochzeitsgäste parken? Toiletten gibt es vor Ort nicht. Soll der Gast im dringenden Fall in die Botanik ausweichen? Das mag zur rustikalen Umgebung passen – zu einer standesamtlichen Trauung eher weniger.

Und dann wäre da noch der Weg. Wer möchte im feinen Zwirn oder im festlichen Kleid einen nicht unerheblichen Fußmarsch zum Aussichtsturm zurücklegen? Bei sommerlichen Temperaturen könnte so mancher Gast bereits ordentlich ins Schwitzen kommen, bevor die Trauung überhaupt begonnen hat. Und spätestens bei älteren oder mobilitätseingeschränkten Gästen stellt sich die Frage, wie der Weg bewältigt werden soll.

Natürlich könnte man sagen: Dann fahren die Gäste eben bis zum Hofgut. Doch genau hier beginnen die nächsten Fragen. Was passiert, wenn aus der kleinen Trauung eine größere Veranstaltung wird? Kommt irgendwann der Wunsch nach Catering, Sitzgelegenheiten, Dekoration oder weiteren Aufbauten? Wo soll all das angeliefert und aufgebaut werden, ohne den landwirtschaftlichen Betrieb zu behindern? Und wer sorgt hinterher dafür, dass alles wieder verschwindet?

Nicht zuletzt sollte man auch der Braut einen Gefallen tun. Ein romantisches Hochzeitsfoto am Aussichtsturm klingt wunderbar. Weniger romantisch dürfte es sein, wenn sich das Brautkleid an der eher rustikalen Konstruktion verfängt und aus dem schönsten Tag plötzlich eine Schneiderarbeit wird. Auch die eiserne Treppe dürfte in High Heels eine Herausforderung darstellen.

Das alles heißt nicht, dass der Mörike-Aussichtsturm nicht stärker genutzt werden sollte. Im Gegenteil: Gerade, weil er umstritten ist, wäre es sinnvoll, nach Nutzungen zu suchen, die seine Stärken hervorheben, ohne neue Konflikte zu schaffen.

Der Gegenvorschlag von Alexandra Schweizer, ein grünes Trauzimmer näher am Friedhof einzurichten, verdient deshalb eine ernsthafte Prüfung. Auch dort, an den beiden Linden, ist die Aussicht fantastisch. Und für dringende Bedürfnisse gibt es dort sogar Toiletten.

Eine Hochzeit ist ein besonderer Tag. Da darf die Aussicht gerne spektakulär sein. Die Infrastruktur sollte es ebenfalls sein – zumindest ein bisschen.

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