Landkreis Esslingen
Auch in Nürtingen und Umgebung fehlen hunderte Medikamente
Lieferengpässe bei Paracetamol, Ibuprofen und Antibiotika und überdurchschnittlich viele erkrankte Kinder und Jugendliche machen der Medikamentenversorgung zu schaffen.
Trotz abflauender Corona-Pandemie gibt es in Deutschland derzeit einen überdurchschnittlich hohen Krankenstand. Vor allem Kinder leiden an Atemwegserkrankungen und der Grippe. Viele Krankenhäuser und Arztpraxen sind an der Belastungsgrenze. Hinzu kommt ein gravierender Lieferengpass bei Medikamenten – besonders für junge Menschen.
Dr. Jochen Maier, Internist aus Nürtingen, hat nach eigenen Angaben seit November Schwierigkeiten über zehn Medikamente zu bekommen. „Wir haben Engpässe bei Codeintropfen (Anm. der Redaktion: gegen Reizhusten), wiederholt auch bei Antibiotika und Lutschtabletten gegen Halsweh. Wir begegnen dem damit, dass wir versuchen, diese Medikamente nur noch in eindeutig notwendigen Fällen zu verordnen. Also nicht einfach bei Husten, wie so mancher Patient denkt zu brauchen.“
Schwer zu bekommen sei seit einiger Zeit auch das Herzrhythmusmedikament Digitoxin, dessen Produktion vom deutschen Hersteller eingestellt wurde, sagt Maier.
Immer wieder ist in diesem Zusammenhang die Rede von gestörten Lieferwegen in China und Indien, wo ein Großteil der Wirkstoffe hergestellt wird, die die europäische Pharmaindustrie verarbeitet. So sind besonders Husten- und Fiebersäfte für Kinder schwer zu bekommen, da die Wirkstoffe Paracetamol und Ibuprofen von Lieferengpässen betroffen seien. „Lieferschwierigkeiten in verschiedenem Umfang sind wir gewohnt und müssen wir auch leider immer wieder beklagen“, sagt Internist Jochen Maier: „Die derzeitige Situation ist aber einzigartig.“
Über 340 Artikel aus dem Sortiment seien derzeit nicht bestellbar, sagt Timo Wehrmann, Inhaber der Nürtinger Braike-Apotheke. Dieser Notstand führt bei vielen Apothekern zu Ärger. Daniel Miller von der Adler-Apotheke in Kirchheim hat sich deshalb in einem Brandbrief an Bundesgesundheitsminister Lauterbach gewandt und auf die „katastrophale Situation“ hingewiesen: Probleme gebe es unter anderem mit Antibiotika, Fiebersäften für Säuglinge und Kinder, Bluthochdruckmitteln, verschreibungspflichtigen Medikamenten. Man steuere auf einen Notstand zu. Der Landesapothekerverband Baden-Württemberg geht von über 1000 Medikamenten und Arzneimitteln aus, die zurzeit eingeschränkt oder gar nicht lieferbar sind.
In der Medius Klinik in Nürtingen halten sich die Engpässe bei Medikamenten indes noch in Grenzen, sagt Pressesprecherin Iris Weichsel. Zwar gebe es im HNO-Bereich einige Lieferprobleme, die hauseigene Klinikapotheke könne Mängel jedoch durch selbst hergestellte Mittel auffangen, da man zum Glück genügend Zutaten für die Wirkstoffe eingelagert habe.
Ansonsten müsse man teilweise auf weniger wirksame Präparate umsteigen. Eine Entspannung der Situation sei jedoch wohl erst in Sicht, wenn die Zahl der Patienten schrumpfe.
Bundesgesundheitsminister Lauterbach kündigte vor einigen Wochen eine Neuregelung für 180 Medikamente an, bei denen sich die Krankenkassen nicht mehr an die Festpreisregeln halten müssen. Die Regelung soll ab Februar und für drei Monate gelten. Das Gesundheitsministerium erhofft sich davon eine Stärkung der Lieferketten und Verbesserung der Versorgungssituation in Deutschland. Über die Wirksamkeit der Maßnahme besteht aber innerhalb der Branche weiterhin Uneinigkeit. Lauterbach fordert zudem, die nach Fernost abgewanderte Medikamentenproduktion zurück nach Deutschland zu holen.
Im Zusammenhang mit der Medikamentenknappheit fiel auch der Begriff „Medikamenten-Flohmarkt“, den der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, ins Spiel brachte. Er rief die Bevölkerung dazu auf, Arznei, die man selbst nicht mehr benötigt, weiterzugeben. Auch abgelaufene Medikamente könnten noch eingenommen werden.
Mediziner und Apotheker reagierten empört auf den Vorschlag: Laut Dr. Jochen Maier seien Medikamente nicht für Flohmärkte geeignet. In Einzelfällen sei die Verwendung über das Mindesthaltbarkeitsdatum vertretbar – jedoch nur bei eigenen Medikamenten aus korrekter Lagerung.
André Renz von der Römer-Apotheke in Köngen hingegen hält die Idee, private Reserven weiterzureichen, generell für keine schlechte Idee: „Das muss jedoch in professionelle Hände gegeben werden, damit Dosierung und Haltbarkeit geprüft werden können. Nicht so ein Laiengetausche.“
Viele Patienten fragen sich jetzt zu Recht, ob dringend benötigte Medikamente im Notfall eventuell nicht mehr verfügbar sind. Apotheker André Renz gibt hier Entwarnung: „Bisher gab es nur sehr wenige Fälle, in denen wir Patienten ohne Medikament wieder wegschicken mussten. Meist findet sich ein Ausweichmittel.“